Die Frage, die über allem steht, ist: Was läuft falsch im staatlichen System des Kinderschutzes, wenn ein Familiengericht ein Kind, das bereits aus der Familie heraus und vom Jugendamt in Obhut genommen wurde, trotz Bedenken des Jugendamtes zur Mutter zurückschickt? Zu einer Frau, die Auflagen des Gerichts missachtet und mit einem mehrfach vorbestraften pädophilen Sexualstraftäter zusammenlebt, der Kontaktverbot zu Kindern und Jugendlichen hat? Warum weiß die eine Hand nicht, was die andere tut? Und was muss geschehen, dass sich solche Fälle nicht wiederholen?

Diese Fragen zum monströsen Missbrauchsfalls von Staufen bei Freiburg, bei dem eine Mutter gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten ihren mittlerweile neunjährigen Sohn über zwei Jahre hinweg missbrauchte und per Internet zur Vergewaltigung angeboten hatte, beschäftigten in Stuttgart auch den Sozialausschuss des Landtags, der Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) am Donnerstag gebeten hatte, einen Bericht zur Weiterentwicklung des Kinderschutzkonzepts des Landes abzugeben.

Neues Konzept für Frühwarnsystem

Parallel dazu kündigten das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald und das Oberlandesgericht Karlsruhe eine umfangreiche Aufarbeitung an. Lucha warnte indes vor schnellen Schuldzuweisungen. „Selbstverständlich muss der Fall gründlich aufgearbeitet werden. Die bisher vorliegenden Informationen lassen noch keine abschließende Einordnung zu“, sagte er in Stuttgart. „Der Fall zeigt aber, dass wir ein besonderes Augenmerk auf die Kinderschutzverfahren bei den Jugendämtern richten müssen. Es muss sichergestellt sein, dass die Arbeit der Jugendämter in diesem Bereich laufend optimiert wird.“ Das Problem: Das Ministerium ist gegenüber den kommunalen Kinderschutzbehörden nicht weisungsbefugt. Die Rechtsaufsicht liegt vor Ort.

Aber das Instrumentarium, das die Kinderschutzbehörden nutzen können, liegt bereits vor. Erst im Dezember verabschiedeten Sozialministerium und der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) ein Konzept, an dessen Ende ein funktionierendes Frühwarnsystem installiert und alle Beteiligten entsprechend geschult und sensibilisiert sein sollen.

Der erste von vier Arbeitsschritten – eine Bestandsanalyse in zwei Regionalkonferenzen – ist abgeschlossen, nun entwickelt eine Expertengruppe ein Eckpunktepapier, das am Ende allen Jugendämtern vorliegen soll. Gleichzeitig startet der KVJS eine Fortbildungsreihe für die Mitarbeiter der Jugendämter, und schließlich bietet ein externes Institut allen Behörden an, die internen Abläufe zu überprüfen.

Ins Rollen gebracht wurde das Konzept durch einen ganz ähnlich gelagerten Fall: 2015 war der dreijährige Alessio in Lenzkirch im Schwarzwald von seinem Stiefvater zu Tode geprügelt worden, obwohl bereits zwei Jahre zuvor ein schwerer Missbrauchsverdacht aktenkundig geworden war. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes Breisgau-Hochwarzwald – das auch für den aktuellen Fall in Staufen zuständig ist – wurde anschließend wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung verurteilt.

Jugendämter haben Strukturen überprüft

„Seit dem Fall Alessio ist die Sensibilisierung der Mitarbeiter enorm hoch“, sagt Reinhold Grüner, kommissarischer Leiter des Landesjugendamtes beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) in Stuttgart, „und es hat sich seitdem wirklich viel getan. Viele Jugendämter, die eigentlich überzeugt waren, ein gutes Konzept zu haben, haben seitdem ihre Strukturen überprüft und hinterfragt, ob sie in den allgemeinen sozialen Diensten genug Personal haben. Aber so bitter es klingt: Eine 100-prozentige Sicherheit wird es nie geben, dass sich so etwas nicht wiederholen kann“, sagt Grüner.

Er verweist darauf, dass es den Behörden im Land in ganz vielen Fällen gelinge, Schlimmeres zu verhindern. So gab es im Jahr 2016 in Baden-Württemberg 3732 Fälle, in denen Kinder und Jugendliche von Jugendämtern in Obhut genommen wurden – nicht mitgerechnet die landesweit rund 8000 Inobhutnahmen von unbegleiteten minderjährigen Ausländern (Umas), die auch auf den Tischen der kommunalen Jugendhilfeeinrichtungen liegen. Die Zahl der Fälle mit verheerenden Folgen bewege sich im unteren Promillebereich, sagt Grüner, jeder einzelne sei einer zu viel, aber keine Struktur könne eben alles verhindern.

Wie wichtig es ist, dass nicht nur Behörden, sondern das ganze Umfeld Anzeichen von Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern frühzeitig erkennen, darauf verwies am Donnerstag Sozialminister Lucha. „Wir müssen das Thema Kinderschutz auch in Vereine und Institutionen tragen und überall dort, wo Menschen mit Schutzbefohlenen zu tun haben, für eine große Sensibilisierung sorgen.“