Kaum ist der letzte Schnee weg und die Frühjahrssonne da, gehören die Straßen wieder den Bikern. Dieses einzigartige Gefühl von Freiheit und Abenteuer, wenn sich Mensch und Maschine in die Kurven legen, fasziniert die Fans. Und nicht nur das: „Motorradfahren ist ein sinnliches Ereignis und funktioniert wesentlich über das Ohr.“ Diesen Satz aus einem Motorradfachmagazin unterschreibt mit Sicherheit die Mehrheit der Biker. Da ist vom „Sound-Olymp“ die Rede, gar von einer „kraftstrotzenden Symphonie“, wenn der Motor PS-starker Maschinen beim Dreh am Gasgriff aufjault. Doch für viele Anwohner beliebter Bikerstrecken ist das alles andere als Musik im Ohr.

Lärm, den vor allem Motorräder, aber auch Autos mit Sportauspuff erzeugen, hat den Ortsvorstand der Grünen in Immenstaad am Bodensee veranlasst, die Politik einzuschalten. Mit einer Mail an das Bundesverkehrs- und Umweltministerium fordern sie, dem „ständig zunehmenden, unnötigen und vermeidbaren Lärm entgegenzuwirken“, schreibt Karl Guter. Sonst seien sämtliche Lärmaktionspläne von Städten und Gemeinden obsolet. Unverständlich sei, warum solche Fahrzeuge überhaupt auf die Straße dürften, obwohl sie laut Straßenverkehrsordnung „illegal“ unterwegs seien. Denn die schreibt vor, dass unnötiger Lärm verboten ist. Und: „Warum ist es nicht verboten, dass technische Vorrichtungen angeboten und eingebaut werden dürfen, die diesen Vorschriften widersprechen?“, fragt Karl Guter. Firmen oder Messen wie die Tuning World Bodensee dürften sogar dafür werben.

 

 

Probleme mit zu lauten Motorrädern haben nicht nur die Immenstaader Grünen. Erst Ende Februar fragte die CDU-Landtagsabgeordnete Sylvia Felder bei der Landesregierung an, wie dicht Motorräder in ihrem Wahlkreis Rastatt (Schwarzwald) überwacht werden, ob sie zu laut und schnell unterwegs sind. Begründung: In verschiedenen Gemeinden und Ortsteilen werde über eine unverhältnismäßige Belastung durch Motorradfahrer geklagt. Denn der Schwarzwald ist ob seiner kurvenreichen Strecken in schöner Landschaft bei Bikern besonders beliebt. Auf der Schwarzwaldhochstraße hat die Polizei schon 3000 Motorräder an einem Tag gezählt.

Stress für die Ohren: Presslufthammer unterwegs

Motorräder dürfen ganz legal eigentlich gesundheitsschädigende Werte sogar von über 100 Dezibel erreichen, was der Lautstärke eines Presslufthammers entspricht. Selbst mit dem von der EU im Jahr 2016 modifizierten Prüfverfahren für neue Motorradtypen wird lärmtechnisch nur ein Szenario getestet: Das Krad rollt mit 50 km/h im zweiten Gang an, wird dann 20 Meter mit Vollgas beschleunigt und darf dabei nicht lauter werden als 78 Dezibel. Die meisten Motorräder erkennen diesen Prüfzyklus und dämpfen in diesem Modus mit einer Klappe die Lautstärke.

Ansonsten darf ein Motorrad so laut sein, wie es will. Zusätzlich hat die Industrie eine Art Steuerung entwickelt, die auf Knopfdruck den Klang lauter und leiser werden lässt. Zwar ließen sich viele Motorräder mit etwas Disziplin mit einer akzeptablen Lautstärke bewegen. Aber für viele Biker gehören Beschleunigungsorgien und das Durchdrücken des Gashebels bis zum Limit zum Fahrspaß dazu. Allein mit der Fahrweise lässt sich nach Ansicht von Experten der Geräuschpegel einer Maschine locker um 20 Dezibel hochtreiben.

Dabei sind Motorräder nicht unbedingt lauter als Autos, sondern werden von Anwohnern nur als lästiger empfunden, bei 100 km/h und gleichem Schallpegel sogar als doppelt so laut wie Autos. Das ergab eine Studie im Auftrag der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg im Jahr 2010, bei der Messdaten von rund 17 000 vorbeifahrenden Fahrzeugen, darunter etwa 1800 Motorrädern, ausgewertet wurden. Demnach lag der Emissionspegel von Motorrädern und Autos bei gleicher Geschwindigkeit etwa gleich hoch.

Was für Anwohner nervig ist, lasse sich politisch auf nationaler Ebene aber kaum beeinflussen, schrieb Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) im November des vergangenen Jahres auf eine Kleine Anfrage seiner Fraktionskollegen. „Eine Verschärfung der Vorschriften gestaltet sich für Länder und auch für den Bund sehr schwierig, da diese für den gemeinsamen EU-Binnenmarkt einheitlich festgelegt sind.“ Dabei müsste schon bei der Genehmigung von neuen Fahrzeugtypen der Grundstein gelegt werden, dass zu hohe Lärmemissionen vermieden werden, so Hermann.

Motorradfahren im Trend

Waren 2008 noch 3,57 Millionen Motorräder in Deutschland zugelassen, sind es nach Angaben des Kraftfahrtbundesamts jetzt 4,37 Millionen. Jedes Jahr kommen mehr als 100  000 Motorräder hinzu. Der Trend gilt auch für Baden-Württemberg. Die Zahl der Unfälle im Land, an denen Kradfahrer beteiligt waren, lag in den beiden vergangenen Jahren bei rund 5000, wobei etwas mehr als die Hälfte auch von ihnen verursacht wurden. (kck)