Zwei mutmaßliche SS-Wachmänner aus dem Konzentrationslager Stutthof stehen womöglich demnächst in Münster vor Gericht. Ihr Alter: 93 und 94 Jahre. Jens Rommel, Deutschlands oberster Nazijäger, und seine Kollegen in Ludwigsburg sind den Männern auf die Spur gekommen. Über die Arbeit einer Behörde, die es in dieser Form bald nicht mehr geben wird.

Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Der Titel passt kaum auf eine Visitenkarte. Das Gebäude im Osten der Ludwigsburger Innenstadt wirkt wie eine Festung. Mauern, kleine Fenster, Überwachungskameras. Hier war früher ein Frauengefängnis untergebracht. Das abweisende Gemäuer ist nicht Ausdruck der Gefährdungslage. Anfeindungen und Drohungen hat es immer wieder gegeben. „Das ist aber nicht der Alltag“, sagt Jens Rommel. Der Behördenleiter ist ein freundlicher, ruhiger Mann. In seinem Büro stehen Wimpel der 16 Bundesländer. An der Wand: eine Karte des Deutschen Reiches von 1945 mit den Standorten der Konzentrationslager.

Bis zum Alter von 99 Jahren sind mögliche NS-Schergen im Visier der Behörde

Die Länder haben die Zentrale Stelle 1958 gegründet, um Nazi-Verbrechern auf die Spur zu kommen. Die Arbeit ist noch nicht vorbei. „Aber uns läuft die Zeit davon.“ Die mutmaßlichen NS-Täter, die noch leben, sind hochbetagt. Die Rechnung ist einfach: Wer bei Kriegsende volljährig war, ist 1927 oder früher geboren. Bis zum Alter von 99 Jahren, so die interne Vorgabe, sind mögliche NS-Schergen im Visier der Strafverfolgung. Die Stelle in Ludwigsburg wäre also spätestens 2026 in dieser Form obsolet. Rommel rechnet damit, dass es früher so weit sein wird. Das ist eine politische Entscheidung, eine unangenehme dazu.

Lasst es endlich mal gut sein: Das haben Rommel, seine Vorgänger und Kollegen oft zu hören bekommen. Auf die Frage, warum sie Greisen nachstellen, hat der Leitende Oberstaatsanwalt zwei Antworten. Die eine ist eine moralische. „Das waren staatlich organisierte Verbrechen. Also ist es auch Aufgabe des Staates, sie aufzuklären.“ Und vor allem: „Mord verjährt nicht.“ Das ist nicht selbstverständlich. Der Bundestag hat es in mehreren Schritten 1965, 1969 und 1979 so entschieden, um Nazitäter nicht davonkommen zu lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Und nur um Mord geht es noch, wenn Rommel und seine 20 Mitarbeiter – sieben weitere Staatsanwälte, ein Polizist, Archivare, Dolmetscher – ermitteln. Alles andere als Mord ist verjährt. Das macht den Nachweis besonders schwierig. Heimtücke, Grausamkeit oder niedere Beweggründe wie Rassenhass sind zu belegen. Zeugen, so es sie noch gibt, leben über die ganze Welt verstreut. Tatorthinweise, gar DNA-Spuren wie in modernen Mordermittlungen, fehlen. Akten liegen oft in polnischen oder russischen Archiven.

Gegen rund 170.000 Beschuldigte haben deutsche Staatsanwaltschaften seit 1945 wegen NS-Verbrechen ermittelt. In knapp 17.000 Fällen kam es zur Anklage, in rund 7000 zu einer Verurteilung. Die Zahl der Urteile wegen Tötungsdelikten: 1417.

Historiker übt scharfe Kritik an Ludwigsburger Behörde

Hier setzen Kritiker der Ludwigsburger Stelle an. „Die Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der Bundesrepublik ist katastrophal gescheitert“, sagt etwa der Berliner Historiker und Jurist Dr. Klaus Bästlein. Er hält die Zentrale Stelle von Anfang an für eine Fehlkonstruktion, politisch beeinflusst, erst untätig, dann übereifrig, so sein Urteil.

„Die Strafen waren oft äußerst milde“, sagt Oberstaatsanwalt Rommel, der sich sicher ist: „Es hätte zu mehr Verurteilungen kommen können.“ Trotzdem fiele es ihm nicht ein, den Stab über die Aufarbeitung der NS-Zeit in den Nachkriegsjahrzehnten zu brechen. „Ich weiß nicht, ob es in den 50er- und 60er- Jahren möglich gewesen wäre, auch ganz niederrangige SS-Männer zu verfolgen, ob die Gesellschaft das verkraftet hätte.“

Der Fokus der Behörde hat sich schon seit einiger Zeit geändert. Immer mehr geraten jene ins Visier, die nicht oben in der Hierarchie standen, aber ihren Teil beitrugen, die Mordmaschine am Laufen zu halten. John Demjanjuk, Mitglied der SS-Hilfstruppen im Vernichtungslager Sobibor – 2011 verurteilt wegen Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen. Oskar Gröning, der „Buchhalter von Auschwitz“, verurteilt 2015 wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen.

Anklage gegen mutmaßliche KZ-Wachleute

Ein spektakulärer Prozess wie der Grönings steht vielleicht unmittelbar bevor. Die Ludwigsburger haben sich systematisch die Geschichte der Konzentrationslager vorgenommen, alte Personallisten gewälzt, Krankmeldungen, Urlaubsanträge. So kamen sie auf zwei mutmaßliche SS-Wachleute des Lagers Stutthof bei Danzig. Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat Anklage gegen die 94 und 93 Jahre alten Männer erhoben, die in Wuppertal und im Kreis Borken leben. Eine der Gräueltaten, die SS-Leute in Stutthof begingen: Hunderten Gefangenen machten sie vor, es gehe zur medizinischen Untersuchung. In einem Raum neben dem Krematorium mussten sie sich mit dem Rücken zur Wand an eine Messlatte stellen. Der Genickschuss kam durch eine kleine Öffnung aus dem Nebenzimmer.

Die Ludwigsburger Ermittler können selbst niemanden anklagen. Sie führen die Vorermittlungen. Rommel hat keinen Kontakt zu Beschuldigten. Die Reaktionen bekommt er zugetragen. „Meist sind die Leute völlig schockiert, dass gegen sie ermittelt wird. Die Familien wissen in der Regel nichts.“