Merkel ist überpünktlich. Sie kommt 15 Minuten zu früh in den Saal. Doch ihre Aura wirkt noch. Die Menschen verstummen, als die Kanzlerin den Raum betritt, sie applaudieren, während Merkel, wie immer im Hosenanzug, kombiniert mit einem blauen Blazer, zur Bühne schreitet.

Hier, „in der guten Stube von Ravensburg“, dem Schwörsaal im Waaghaus am Marienplatz in Ravensburg, soll Merkel den Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe zu Ehren des verstorbenen früheren Bundestagsabgeordneten Andreas Schockenhoff bilden. Der Saal ist gut gefüllt. Die Menschen hier sind gekommen, um dem Abgeordneten die Ehre zu erweisen, aber auch, um die scheidende Kanzlerin noch einmal zu sehen.

„Schockenhoff war Außenpolitiker durch und durch“

So wie Matthias Mayer. Er kannte Schockenhoff persönlich – seine Schwester war mit ihm verheiratet, später geschieden. Doch dem einstigen Schwager will Mayer Respekt zollen. „Es ist schön, dass so viele Menschen gekommen sind, um ihm die Ehre zu erweisen“, sagt Mayer. Und was erwartet er von Merkels Rede? „Ich habe nach 14 Jahren Regierung Merkels gelernt, die Erwartungen nicht zu hoch zu hängen“, sagt er gerade heraus. Er hoffte, dass sie den europäischen Gedanken aufgreife. Mayer lebt in Österreich, er hat Verwandtschaft in ganz Europa, sagt er. „Ich finde es schade, dass so viele Leute die EU nicht mehr schätzen.“

Bundestagsabgeordneter Axel Müller (CDU) spricht bei der Premiere der Dr. Andreas Schockenhoff-Lecture.
Bundestagsabgeordneter Axel Müller (CDU) spricht bei der Premiere der Dr. Andreas Schockenhoff-Lecture. | Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Axel Müller, der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises, beschreibt die Arbeit seines Vorgängers. Schockenhoff beschreibt er als „durchsetzungsstark und einflussreich“, der sich für den Dialog mit den Balkanstaaten einsetzte mit Blick auf deren EU-Beitrittskandidatur, der sich „intensiv engagierte“ für die deutsch-russische Zusammenarbeit und für einen Neuanfang in den Beziehungen Russlands zur EU.

„Schockenhoff war Außenpolitiker durch und durch“, beginnt Merkel ihre Rede. Die Idee einer jährlichen Lecture in seinem Namen begrüßte sie ausdrücklich. Denn Schockenhoff sei einer gewesen, der den großen Linien gefolgt sei. Diese zu überprüfen, werde durch die Veranstaltung immer wieder möglich.

Merkel: Müssen uns für diese Ordnung einsetzen

„Was macht unser Selbstverständnis als Deutsche und Europäer aus“, fragt Merkel. Vor 74 Jahren fand der Zweite Weltkrieg ein Ende, betont die Kanzlerin. In einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeugen lebten, sei es umso wichtiger, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. „In Frankreich entwarf Robert Schuman eine völlig neue Form der Zusammenarbeit, die Montanunion – mit ihr nahm die Europäische Union ihren Anfang.“

Viele Freiheiten hingen heute von dieser Ordnung ab. Viele Herausforderungen ließen sich nur bewältigen, wenn sie gemeinsam angegangen würden. „Diese Ordnung ist natürlich nicht perfekt, deshalb wird sie auch häufig kritisiert“, betont Merkel. Aber „ohne diese Ordnung würden gegenseitiges Misstrauen noch sehr viel stärker zurückkehren – mit allen Konsequenzen für das Zusammenleben“.

„Ich habe das tiefe Gefühl, dass wir gerade in einer Zeit leben, in der wir uns alle miteinander für diese Ordnung einsetzen müssen“, sagt Merkel. Deshalb dürfe niemand die Augen davor verschließen, wenn Russland die Krim annektiere. Damit werde ein Wesenskern des Völkerrechts angetastet.

Auch könne man nicht einfach darüber hinwegsehen, wenn internationale Sicherheit durch Staaten wie Nordkorea oder Iran gefährdet werde. „Europa steht zu diesem Vertrag und ich bin stolz darauf, dass es dort Einigkeit gibt“, sagt die Kanzlerin.

Kompromissfähigkeit ist die Grundlage

Internationale Abkommen würden „mühselig“ verhandelt – „es ist bedauerlich, wenn solche Abkommen dann ins Wanken geraten“. Es ist Merkels Seitenhieb auf den Alleingang von US-Präsident Donald Trump – sowohl mit Blick auf den Atomvertrag mit dem Iran als auch auf das Pariser Klimaabkommen: „Alleine können wir diese Herausforderungen nicht bewältigen.“ Merkel verweist auf die gefährdete Artenvielfalt.

„Wir haben Rückschläge zu verkraften“, gesteht die Kanzlerin. „Zunehmend protektionistische Tendenzen“ stellt sie fest und erinnert an die Finanzkrise von 2008. „Wenn dir dem nicht gemeinsam entgegengetreten wären, wären die Folgen noch viel schlimmer gewesen“, mahnt Merkel. Mit protektionistischen Maßnahmen wie der Erhöhung von Zöllen könne es allerdings nur Verlierer geben, fügt sie hinzu.

„Ist es nicht auch im deutschen Interesse, die Sorgen des anderen ernst zu nehmen“, fragt Merkel. Kompromissfähigkeit sei in der internationalen Zusammenarbeit die Grundlage. Die Menschen im Saal unterbrechen Merkel mit kurzem Applaus.

„Wir müssen unsere internationale Ordnung immer weiter entwickeln“, fordert sie. „Denn die Menschen erwarten Lösungen.“ Das habe Europa gezeigt – die Wunden des Krieges seien noch frisch gewesen, als sich Frankreich und Deutschland die Hand reichten. Die Wiedervereinigung von Deutschland wurde nur möglich, weil die Alliierten Vertrauen hatten in die Bundesrepublik – „das war alles andere als selbstverständlich“.

Merkel betonte die Erfolgsgeschichte des europäischen Einigungsprozesses. „Wenn wir, die Europäer mit einer Stimme sprechen, verschaffen wir uns Gehör“, sagt die Kanzlerin. Wieder erntet sie Applaus. „Zu glauben, wir könnten als Deutschland irgendetwas bewegen, wenn wir nicht zusammenhalten, ist ein Irrglaube“, hebt Merkel hervor. „Wir müssen stark sein.“

„Wirkliches Herzensanliegen“

Früher sei Europa Vorreiter gewesen bei den Erfindungen. Heute schicke sich China an, diese Rolle einzunehmen. „Wir sind außenpolitisch noch längst nicht so weit, gemeinsam zu denken“, kritisiert Merkel. Und fordert „qualifizierte Mehrheitsentscheidungen auch bei der Außen- und Sicherheitspolitik“ in der EU. Bislang werden Entscheidungen unter den Mitgliedstaaten auf Basis von Einstimmigkeit getroffen.

„Deutschland und Frankreich machen sich auf den Weg, ein Flugzeug zu entwerfen, einen gemeinsamen Panzer zu entwickeln, das ist ein hoher Vertrauensbereich“, betont Merkel. Sie verspricht, die Ausgaben auch im militärischen Bereich zu erhöhen.

Sie sei froh, „dass Großbritannien sich weiter in der Sicherheitspolitik einbringen will.“ May sagte, das Vereinigte Königreich verlasse die EU, aber nicht Europa, zitiert Merkel ihre britische Amtskollegin.

„Die Schockenhoff-Lektüre würde ihr Ziel verfehlen, wenn wir uns nicht auch der deutsch-französischen Rolle widmen würden“, glaubt Merkel. Dies sei ein „wirkliches Herzensanliegen“ Schockenhoffs gewesen. Die deutsch-französische Versammlung, die nun ins Leben gerufen wurde, festige die Zusammenarbeit, die der verstorbene Bundestagsabgeordnete immer vorangetrieben habe.

Sicherheit in Europa: Nur gemeinsam mit Russland

„Ein Ravensburger Handwerker, der seine Kenntnisse erweitern will, sollte das ohne Probleme tun können“, fordert Merkel. Handwerkstitel würden um englische Titel ergänzt, um die Qualifikationsstufe auch im EU-Ausland einfacher kenntlich zu machen.

„Wir wollen die Sozialsysteme nicht zusammenlegen“, betont Merkel mit Blick auf Ängste in der Gesellschaft vor sogenannter sozialer Migration. Dennoch fordert sie eine Annäherung. Auch im Bereich der Digitalisierung wollen beide Länder stärker zusammenarbeiten.

Merkel spricht aber auch die Integration in die Nato an. In Wales haben sich die Mitglieder darauf geeinigt, die Verteidigungsaufgaben auf zwei Prozent der Jahreswirtschaftsleistung zu erhöhen: „Deutschland hinkt hier hinterher“, gesteht die Kanzlerin unumwunden, spricht aber auch von erheblichen Fortschritten in den vergangenen Jahren.

Dauerhaft sei Sicherheit in Europa nur gemeinsam mit Russland möglich, betont Merkel. Deswegen „ist es unverzichtbar, dass die Bundesregierung im kritischen Dialog mit“ Moskau bleibe, so die Kanzlerin.

Auch mit Blick auf Afrika müsse Deutschland mehr tun: „Von diesem Kontinent hängt auch unserer Sicherheit ab“, betont sie. Mit Abschottung sei dies nicht zu erreichen. „Wir sind zu einem völlig neuen außenpolitischen Engagement gekommen“, ergänzt sie mit Blick auf den gemeinsamen deutsch-französischen Einsatz in Mali. Sie spricht auch die erwartete demografische Entwicklung in Afrika an, besonders mit Blick auf den Niger, wo sich die Bevölkerung alle 12 Jahre verdopple. „Wir müssen uns fragen, ob wir nicht mehr Engagement zeigen müssen und vor allen Dingen, ob wir nicht schneller werden müssen.“

„Wie hätte sich Schockenhoff darüber gefreut“

Europa müsse besser werden – „denn für unsere Werte und Worte kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht kaufen, wenn nicht auch Taten folgen“, stellt Merkel klar. Die Lösung grenzüberschreitender Herausforderungen brauche aber auch Geduld, betont sie. Sie erwähnt die Wiedervereinigung und die Demonstrationen in der DDR, die schließlich zum Fall der Mauer führten. Sie erwähnt aber auch die Lösung im jahrelangen Streit zwischen Griechenland und Nordmazedonien über den Namen des Landes. „Wie hätte sich Schockenhoff darüber gefreut.“ Sie spricht den serbisch-kosovarischen Konflikt an, bei dem Schockenhoff deseskalierend eingewirkt habe.

„Beharrlichkeit und Optimismus, das hat Schockenhoff ausgezeichnet. Kein Brett war ihm zu dick“, sagt Merkel abschließend. „Es bleibt mir zu hoffen, dass der heutige Abend der Anfang einer Tradition wird“, so die Kanzlerin.

Zuschauer Mayer ist positiv überrascht: „Sie klang freier, sprach viel offener, als ich das vom Fernsehen gewöhnt bin“, sagt der Mann. Ein guter Tag für Europa? „Ich habe wieder Hoffnung.“

Zum Ausklang des Abends wird die „Ode an die Freude“ gespielt, die Hymne Europas. Es ist der Ausklang eines Abends für, von und über Europa und im Gedenken an einen Mann, der sich dafür einsetzte.