Mitten in der Innenstadt des Kurortes Bad Krozingen im Markgräflerland ist eine zentrale Brücke gesperrt worden. Der Grund: Die Spannbetonkonstruktion aus dem Jahr 1956 ist bei einer Überprüfung als so marode eingeschätzt worden, dass ein sofortiger Einsturz der Brücke nicht ausgeschlossen wird. Die Sache hat überregionale Tragweite. In Südbaden wurden zahlreiche Brücken so wie die Krozinger Bernhardusbrücke errichtet.

Laut Regierungspräsidium hat die Behörde diese Brücken „fest im Blick“, so Pressesprecher Markus Adler. Es sind 15 an der Zahl und sie sind wie die Brücke über das Flüsschen Neumagen in Bad Krozingen mit dem Spannstahl ST 145/60 bis Mitte der 60er-Jahre gebaut worden. Dieser verwendete Spannstahl gilt als „spannungskorrosionsgefährdend“. Im Fall Bad Krozingen haben sich bis zu vier Meter lange Hohlräume und Risse im Beton unter der tragenden Spannbewehrung entwickelt, durch die Feuchtigkeit eindringen kann. Von außen ist von den Schäden an der Brücke nichts zu sehen, die Gefahr entwickelt sich im von Beton umschlossenen Inneren des Bauwerks, wie eine Osteoporose der stählernen Knochen.

Dass Bad Krozingen die Brücke sofort geschlossen hat, liegt daran, dass die Anrisse sich bei dynamischer Belastung schnell ausbreiten können. An der Bernhardusbrücke wurde innerhalb weniger Jahre eine enorme Verschlechterung der Lage festgestellt, der sogenannte Sigmastahl kann, wenn Feuchtigkeit in den Beton eindringt, leicht „korrodieren und schließlich wie Glas zersplittern“. Sagt Stephan Lemper, zuständiger Fachbereichsleiter im Rathaus Bad Krozingen. Der Spannstahl vom Typ St 145/160 kam aus dem Hüttenwerk Rheinhausen. Noch an dem Tag, an dem ein Gutachter Alarm schlug und die Gefährdungsmeldung präsentierte, wurde die Brücke dichtgemacht. Auf einem Plakat erläuterte die Stadtverwaltung die Gründe der Schließung – es war für Tage das meistgelesene Dokument in der Kurstadt.

Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer mussten auf andere Brücken ausweichen, die zentrale Fußverbindung zum Bahnhof durch die Fußgängerzone war unterbrochen. Inzwischen hat das Technische Hilfswerk neben der gesperrten Brücke einen Übergang für Fußgänger und Radfahrer geschaffen und erspart damit zumindest ihnen längere Umwege. Die alte Brücke indes wird abgerissen, muss neu gebaut werden, kostet über eine Million Euro und wird möglicherweise erst in zwei Jahren ersetzt sein.

In Südbaden, so das Regierungspräsidium auf Anfrage, werden die problematischen Bauwerke mit dem Spannstahl 145/60 nach und nach ersetzt. „Im Rahmen unserer Kapazitäten“, sagt Markus Adler. Es bestünde kein akuter Handlungsbedarf beziehungsweise „kein aktueller Gefährdungszustand aus den Bauwerken und für ihre Benutzer“. „Gefährlich“, meint Pressesprecher Markus Adler, wäre „lediglich ein plötzlicher, verformungsarmer Bruchzustand, der sich theoretisch ohne größere Vorankündigung einstellen könnte“. Das sei aber nicht zu befürchten, hätten intensive statische Nachrechnungen von Bauprüfern ergeben, die die betreffenden Brücken untersucht hätten. Eine Anfrage nach Verwendung des Problemstahls bei Brückenbauwerken im Bodenseekreis hat das Landratsamt bislang nicht beantwortet.

 

Der Problemstahl

Der problematische Spannstahl ST 145/60 war neben Konstruktionsfehlern der Grund für den Einsturz des Vordachs der Kongresshalle im Mai 1980 in Berlin, die wegen ihrer geschwungenen Form vom Volksmund „Schwangere Auster“ genannt wird. Damals war ein Mensch ums Leben gekommen, vier weitere wurden verletzt. Der Spannstahl ST 145/60 durchzog auch Freiburgs größte Brücke, die Kronenbrücke. Sie wurde als untauglich bewertet und 2015 abgerissen, weil sie künftig auch noch eine Straßenbahnquerung tragen muss. Der Neubau für Freiburgs zentralen Verkehrsknoten im Zuge der einzigen West-Ost-Durchquerung der Stadt mit Verbindung zum Autobahnzubringer Mitte wird demnächst in Betrieb genommen. (uh)