Dieser Prozess stellt alles in den Schatten, was bislang vor dem Konstanzer Landgericht verhandelt wurde. Von Freitag an stehen neun Angeklagte vor Gericht. Was dabei an die Öffentlichkeit dringt, dürfte Einblicke in die Untiefen einer Gesellschaft bringen, die einen Teil ihres Lebens im Dienst der organisierten Kriminalität verbringt. Einer der größten Mafia-Prozesse in der Geschichte des Landes wird in den nächsten Monaten über die Bühne gehen.

Allein die Anklageschrift umfasst 117 Seiten

Die meisten Angeklagten kommen aus dem Raum Schwarzwald-Baar-Heuberg, aus Stuttgart sowie aus Italien. Bis Mitte nächsten Jahres soll an 67 Tagen gegen die überwiegend italienisch stämmigen im Alter zwischen 26 und 57 Jahren an unterschiedlichen Orten verhandelt werden. Vorsitzender der 4. Strafkammer ist Arno Hornstein, der bereits den umfangreichen Prozess um einen Handgranatenwurf auf Wachleute einer Donaueschinger Flüchtlingsunterkunft vor zwei Jahren verhandelt hat. Bestellt sind 17 Verteidiger und zwei Dolmetscher sowie vorerst 15 Zeugen. Allein die Anklageschrift umfasst 117 Seiten. Die Gerichtssäle in Karlsruhe und später in der ehemaligen Siemens-Kantine in Konstanz werden zu Festungen hochgerüstet: samt Leibesvisitation und Abgabe von Handys und Laptops. Es geht um Drogen- und Waffenhandel, um Brandstiftung, Raub, gefährliche Körperverletzung, um versuchten Mord – ein Bezug zur sizilianischen Cosa Nostra und der kalabrischen 'Ndrangheta scheint offensichtlich.

Drei Jahre lang haben die Ermittler gemeinsam mit Kollegen vor allem aus Italien an dem Puzzle gearbeitet, bis sie alles zusammen hatten. An einem Tag, Mitte vergangenen Jahres, vollstreckten sie 17 Haftbefehle innerhalb von drei Stunden, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft nach der Festnahme verkündete. Zwei davon in Italien. 

Schüsse in Hüfingen mit Mafia-Hintergrund

Aufgeschreckt wurde die Öffentlichkeit, als im Mai 2017 fünf Schüsse fielen: In Hüfingen bei Donaueschingen wurde durch das Fenster einer Gaststätte gefeuert. Drinnen saßen zwei Männer, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Mittelpunkt eines Streits um Drogengeschäfte saßen und "abgestraft" werden sollten. Der Beschuldigte sitzt ebenfalls auf der Anklagebank.

Drogen, Villen und Sportwagen im Millionenwert beschlagnahmt

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft Konstanz haben es in sich: Die Angeklagten sollen zwischen 2013 und 2017 in großem Stil unter anderem mit Drogen gehandelt haben. Genannt werden 270 Kilogramm Marihuana, 20 Kilogramm Haschisch und 2,5 Kilogramm Kokain. Bei der Festnahme beschlagnahmten die Ermittler 400 000 Euro sowie Villen und Sportwagen im Millionenwert.

Von den ursprünglich elf Angeklagten stehen neun vor Gericht. Vier der elf Angeklagten sollen nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft den Handel eingefädelt und überwacht, drei weitere sollen sich in unterschiedlicher Weise daran beteiligt haben. Vier weitere Angeklagte sollen die Drogen als Dealer verteilt haben.

Zwei Männer im Alter von 36 und 52 Jahren sind bereits in abgetrennten Verfahren zu Haftstrafen von jeweils mehr als drei Jahren verurteilt worden. Sie sollten Drogen an den Mann oder die Frau bringen. Weil sie geständig waren und kooperiert hätten, sei das Strafmaß geringer ausgefallen, so die Staatsanwaltschaft. Im Konstanzer Prozess sollen sie ebenfalls aussagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Aus Platzgründen reichte das Gebäude des Konstanzer Landgerichts nicht aus, um diesen Mammutprozess zu führen. Daher wurde die ehemalige Siemens-Kantine im Konstanzer Industriegebiet umgebaut und hochgerüstet. Weil das Haus aber noch nicht fertig ist, sollen die beiden ersten Verhandlungstage – morgen und am 2. Oktober – im Landgericht Karlsruhe stattfinden. Das Gebäude in der Hans-Thoma-Straße 7 gleicht einer Festung. An den Zugängen wird massiv kontrolliert, Spezialeinheiten riegeln das Anwesen ab. Die Behörden in Karlsruhe zeigen sich sensibilisiert. In einem Rundschreiben an die Mitarbeiter des Gerichts habe Gerichtspräsident Jörg Müller auf die besondere Sicherheitslage hingewiesen, heißt es. So könne nicht ausgeschlossen werden, "dass Unterstützer aus dem Umfeld Angeklagte zu befreien versuchen“.