Sie stammte vom Bodensee, ging in Konstanz aufs Gymnasium und entschwand über Nacht als Kämpferin für den Islamischen Staat (IS) nach Syrien: Der Fall Sarah O., der bundesweit Schlagzeilen machte, hat ein unerwartetes Ende genommen.

Die inzwischen 20-jährige Frau wurde gestern Morgen am Flughafen Düsseldorf unter Terrorverdacht verhaftet und per Hubschrauber nach Karlsruhe gebracht. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bestätigte entsprechende Informationen des SÜDKURIER.

Anfang des Jahres floh O. von Syrien in die Türkei

Sarah O., die inzwischen drei Kinder hat, war Anfang 2018 aus Syrien in die Türkei geflohen, nachdem der IS unter den Luftangriffen der Allierten sein Herrschaftsgebiet verloren hatte. In der Türkei lebte sie seither unter Arrest.

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Jetzt wurde sie von den türkischen Behörden nach Deutschland abgeschoben. Im Flughafengebäude in Düsseldorf wurde die Rückkehrerin durch die Bundespolizei befragt und anschließend nach Karlsruhe geflogen.

Erst eine unauffällige Schülerin, dann IS-Anhängerin

Auf die spätere Radikalisierung der jungen Frau hatte zunächst nichts hingedeutet. Sarah O. wuchs in Konstanz als Tochter eines Algeriers und einer Deutschen auf, sie besuchte das Humboldt-Gymnasium und blieb unauffällig. In der zehnten Klasse soll sie jedoch einem IS-Sympathisanten verfallen sein.

Das Mädchen kam plötzlich mit Kopftuch zur Schule und weigerte sich, am Sportunterricht teilzunehmen. Im Oktober 2013 verschwand sie über Nacht Richtung Syrien. Über Facebook ließ sie immer wieder mal von sich hören: Freunde und Bekannte sahen schockierende Einträge einer fanatischen IS-Anhängerin.

Sarah O. ist wieder in Deutschland 

Nun ist sie mit drei Kindern zurück in Deutschland. Es wird damit gerechnet, dass die Frau in Untersuchungshaft bleibt – die Vorwürfe sind massiv.

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So soll Sarah O. nicht nur zum Heiraten und Kinderkriegen nach Syrien gegangen sein, sondern im Herrschaftsbereich der IS-Terrormilizen selber für Angst und Schrecken gesorgt haben.

Ausbildung im Umgang mit Schusswaffen, Heirat mit IS-Kämpfer

Wie eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft bestätigte, erhielt sie nach ihrer Ankunft im Terrorstaat des IS eine Ausbildung im Umgang mit Schusswaffen, bevor sie Anfang 2014 einen aus Nordrhein-Westfalen stammenden IS-Kämpfer heiratete.

Die Konstanzerin sei bewaffnet und in die Entscheidungs- und Befehlsstruktur des IS eingebunden gewesen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann habe sie ab Februar 2014 Wach- und Polizeidienste übernommen.

Die Aufgabe von Sarah O.: Rekrutierung und Ausbildung

Ob Sarah O. an Hinrichtungen, Morden und Gräueltaten beteiligt war, steht noch nicht fest. Die Sprecherin der Generalbundesanwaltschaft gab dazu keine Auskunft. Der Anklage zufolge war sie jedoch zuständig für die Rekrutierung und Ausbildung von Neuankömmlingen aus Europa.

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Sie habe diese aktiv angeworben und nach ihrer Ankunft in Syrien vorübergehend bei sich aufgenommen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann erhielt sie von der Terrormiliz dafür ein monatliches Gehalt von 118 US-Dollar sowie eine mietfreie möblierte Wohnung.

Drei Kinder mit IS-Ehemann

Von ihrem Ehemann, der weiterhin in der Türkei inhaftiert ist, hat Sarah O. inzwischen drei Kinder. Sie waren beim Rückflug nach Deutschland ebenfalls an Bord. Die Kinder seien „gut versorgt“, sagte Frauke Köhler, Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Das Bild zeigt einen Tweet mit einem Foto von Sarah O. Sie ist in Begleitung ihrer drei Kinder und eines Mannes. Das Bild stammt aus der Türkei und soll im Frühling dieses Jahres entstanden sein.
Das Bild zeigt einen Tweet mit einem Foto von Sarah O. Sie ist in Begleitung ihrer drei Kinder und eines Mannes. Das Bild stammt aus der Türkei und soll im Frühling dieses Jahres entstanden sein. | Bild: Screenshot: Eha Medya/Twitter

Wann und ob sich Sarah O. in einem Verfahren vor Gericht verantworten muss, ist noch offen. Sollte es dazu kommen, wäre es einer der ersten großen Prozesse gegen eine IS-Kämpferin in Deutschland. In den meisten Fällen ist das Vorgehen gegen Rückkehrerinnen schwierig, da die Frauen zwar oft Kämpfer heiraten und gemeinsame Kinder im Sinne der IS-Ideologie erziehen, aber nicht immer selbst aktiv werden oder gar zur Waffe greifen.

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So verweigerte der Bundesgerichteshof Ende Juli den Haftbefehl gegen eine 31-jährige IS-Rückkehrerin, die nahe Karlsruhe festgenommen wurde. Der Aufenthalt beim IS und die Teilnahme am Alltagsleben reichten nicht aus, urteilte das Gericht. Bei Sarah O. dürfte dies anders sein: Sie war bewaffnet und hatte einen eindeutigen Auftrag.