Im sogenannten Mafia-Prozess am Landgericht Konstanz drohen den sechs noch verbliebenen Angeklagten jahrelange Gefängnisstrafen. Sie könnten zwischen vier und deutlich über zehn Jahre ausfallen. In einer vorläufigen Einschätzung der Beweislage legte die Schwurgerichtskammer nach dem fast ein Jahr dauernden Prozess die Marschrichtung fest.

Der Vorsitzende Richter Arno Hornstein stellte allerdings klar, dass es beim Strafmaß noch erheblichen Spielraum gäbe. Sollten die Angeklagten mehr zu den Hintergründen der Drogengeschäfte preisgeben, könne ein künftiges Urteil auch „deutlich nach unten abweichen“, deutete Hornstein an.

Staatsanwalt sieht sich bestätigt

In Summe hält die Kammer nach den Beweisen, die bislang gewürdigt wurden, die Anklage in großen Zügen für zutreffend. Damit wäre auch das Bild der „unbescholtenen Pizzabäcker“ Makulatur, wie Oberstaatsanwalt Joachim Speiermann als Vertreter der Anklage klarstellte.

Vor allem in zwei Punkten, einem mutmaßlich geplanten Raubüberfall auf einen Mailänder Juwelier und einen Fall von Brandstiftung, deutete das Gericht eine Einstellung an. Dennoch reichen die Beweise nach Ansicht der Richter schon jetzt für hohe Strafen. Demnach geht es um einen harten Kern von drei italienisch stämmigen Männern aus dem Schwarzwald, die bandenmäßigen Drogenhandel mit bis zu 140 Kilogramm Marihuana, 20 Kilo Haschisch und bis zu zwei Kilo Kokain betrieben haben sollen. Zweien stellte das Gericht Haftstrafen von über zehn Jahren in Aussicht.

Einer von Ihnen, Nicolo M., erntete massive Kritik des Gerichts, weil er bislang jegliche Schuld abstreitet. Nicolo M. behauptet nach wie vor, nichts mit Drogen zu tun zu haben: „Das glaubt Ihnen niemand,“ sagte Hornstein. Die Ermittlungen deuteten dagegen auf eine zentrale Rolle Nicolo M.‚s hin.

Gezielte Schüsse in Hüfingen

Nicolo M. sitzt aber nicht nur wegen Drogenhandels, sondern auch wegen fünf Schüssen auf eine Gastwirtschaft in Hüfingen auf der Anklagebank. „Die Kammer tendiert dazu, von versuchtem Mord auszugehen“, sagte Hornstein. Er sprach von einer „gewissen Planung“ der Tat, die nicht zu verkennen sei. So ließen auch die abgehörten Gespräche im Auto in der Tatnacht nur einen Schluss zu: „Man hat einfach reingeballert“ – und das auch noch recht zielgerichtet auf ein Fenster. Nur die Frage nach dem Motiv sei noch nicht erschöpfend beantwortet. Im Raum steht der Vorwurf eines Einschüchterungsversuchs gegenüber einem Geschäftspartner. Ein soweit gutes Zeugnis stellte das Gericht hingegen Placido Anello, einem der drei Hauptangeklagten aus, der im Prozessverlauf Handel und Besitz großer Mengen Drogen eingeräumt hat. Um eine wohl zweistellige Haftstrafe zu verhindern, müsse der Pizzabäcker, dem das Gericht „sehr gute Kontakte nach Italien„ nachsagt, allerdings noch Gewichtiges beitragen, erklärte Hornstein. Anellos Anwalt, Martin Stirnweiss, kündigte an, sein Mandant werde weiter aussagen.

Auch der dritte Hauptangeklagte, Giovambatista S., will nach bisherigem Stand weitere Angaben machen. Ihm weist das Gericht die Rolle eines Handlangers zu, der aber ein wichtiges Bindeglied zwischen Lieferanten und Abnehmern gewesen sei. S. drohen bis zu acht Jahre Gefängnis.

Aussagen im Bandenbereich

Hohe Strafen könnten auch auf drei weitere Angeklagte zukommen. Da ist zum einen der mehrfach vorbestrafte Italiener Rosario I., der mit 40 Kilo Drogen gehandelt haben soll und sich überwiegend geständig zeigte. Ihm, der laut Gericht ebenfalls eine Rolle als Bandenmitglied innehat, drohen bis zu acht Jahre Gefängnis, die er in Italien absitzen würde. Das Gericht stellte auch ihm einen Rabatt in Aussicht. Sollte er im Laufe des Prozesses „glaubhafte Angaben zur Aufklärung“ etwa im Bandenbereich machen, wären möglicherweise fünf Jahre Haft drin. Dem ebenfalls angeklagten Giuseppe A. aus dem Stuttgarter Raum, der selbst Drogenabhängig ist, könnte der Handel mit 25 Kilogramm Marihuana bis zu sieben Jahre Gefängnis einbringen.

Und schließlich ist da noch Nicolo M.‚s Sohn, dessen Untersuchungshaft ausgesetzt ist. Er könnte nach der vorläufigen Einschätzung bis zu vier Jahre absitzen, wobei die Untersuchungshaft angerechnet würde. Denn die Richter sehen ihn möglicherweise wegen Beihilfe zum Drogenhandel und wegen unerlaubten Schusswaffenbesitzes im Zusammenhang mit der Tat in Hüfingen schuldig.

Der Prozess wird am Dienstag um 9 Uhr fortgesetzt.