Konstanz – Wer ihm auf Augenhöhe begegnen will, sollte entweder deutlich über 1,90 Meter sein oder Andreas Schwarz gegenübersitzen. Der Fraktionschef der Grünen gehört vom Typ her eher zu den leisen Politikern, die es schaffen, trotz der stattlichen Körpergröße nicht von oben herab zu sprechen. Der Mann, der wie Winfried Kretschmann gern mit grüner Krawatte auftritt, kann geduldig zuhören und druckreif reden. Eigenschaften wie diese muss wohl jemand haben, der einer Fraktion aus 47 Abgeordneten im Stuttgarter Landtag eine Stimme geben soll. Einer seiner Vorgänger war Winfried Kretschmann, heute Ministerpräsident. Damit könnte auch der Weg des 38-jährigen gebürtigen Schwaben vorgezeichnet sein. Klar, dass er Nachfolgefragen um den 70-jährigen Laizer umschifft: "Hmm?" schreckt er dann bei der Frage doch noch auf, als habe er sich verhört. Er, Andreas Schwarz als Nachfolger von Kretschmann? – Er selbst habe ihm geraten, bei der nächsten Wahl bloß wieder anzutreten. Schließlich vertrauten die Bürger ganz besonders ihm, dem Winfried Kretschmann.

Lösung des Asylstreits ist für Schwarz das drängendere Problem

Tatsächlich scheint den Stuttgarter Parlamentarier aber weniger die MP-Frage als die ungelöste Flüchtlingskrise zu beschäftigen. Was sich da gerade in Berlin abspielt, das Hickhack von CDU und CSU, mache ihn besorgt, sagt Schwarz bei einem Gespräch in der SÜDKURIER-Redaktion in Konstanz. Niemand wisse schließlich, wie das ausgeht. Er sei zumindest gespannt. Nur eins sei für ihn klar: „Die Flüchtlingsproblematik ist nur im Rahmen einer europäischen Lösung hinzubekommen. Deshalb unterstütze ich die Kanzlerin in dieser Frage. Die EU ist kein Verschiebebahnhof mit nationalen Alleingängen.“ Welchen Plan CSU-Chef Seehofer hingegen in der Flüchtlingsfrage verfolgt, bleibe doch im Dunkeln. „Wir stochern im Nebel, weil wir gar nicht wissen, was der Herr Seehofer will und ob das überhaupt mit dem EU-Recht in Einklang zu bringen ist.“ Einen kleinen Seitenhieb kann sich Schwarz beim Blick in den politischen Rückspiegel auf die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen vor ein paar Monaten nicht verkneifen. „Wir wären im Falle von Jamaika bereit gewesen, Kompromisse in Kauf zu nehmen. An uns lag es nicht, sondern an der Umfallerpartei FDP,“ kartet er nach. Das klingt so, als wäre mit Jamaika heute in Berlin alles stabiler.

Die Europäische Union bedeutet für viele Wohlstand, Freiheit, Frieden und Sicherheit. Das gilt es zu bewahren

Als Grüner ist man auch überzeugter Europäer, und so beschwört Schwarz Werte, die für viele Menschen dank der Europäischen Union zumindest in Deutschland heute selbstverständlich sind: Wohlstand, Freiheit, Frieden, Sicherheit. Was Baden-Württemberg betrifft, so habe die Landesregierung in den klassischen Sicherheitsfragen ihre Hausaufgaben gemacht: mit der Polizeireform und 1500 neuen Stellen. „Wir müssen aber den Fokus auf einen erweiterten Sicherheitsbegriff legen, der auch Fragen der sozialen Sicherheit, zum Beispiel beim Wohnungsbau, im Bildungssystem oder beim Zusammenleben mitdenkt." Bei den Flüchtlingen fordert Schwarz weitere Fortschritte in der Integration, die auch den Geflüchteten Anstrengungen abverlangt. Unterstützung komme hier von vielen Seiten – aus den Kommunen, von Landratsämtern, aus dem Handwerk und der Industrie. „Ich bin davon überzeugt, alle strengen sich an, um Integration gelingen zu lassen.“

Nur ein Zuwanderungsgesetz kann in Deutschland die Flüchtlingsfrage lösen

Was aber in seinen Augen dringender denn je fehlt, ist ein Zuwanderungsgesetz, dem sich die Union bislang verschlossen hat. Dass Menschen als Asylbewerber einreisen, um in Deutschland Lohn und Brot zu finden, könne nicht angehen. Das Asylrecht habe einen anderen Zweck. „Wir müssen in Deutschland über ein Einwanderungsgesetz reden, das nach klaren Regeln funktioniert. Das heißt: Es sollte nicht nur berufliche Spezialisten, sondern auch Menschen berücksichtigen, die handwerkliche Fähigkeiten haben.“