Platz der alten Synagoge, 22 Uhr. Obwohl es leicht nieselt, herrscht im Herzen der Freiburger Altstadt dichtes Gedränge. Laute Musik, viele halten Bier- oder Weinflaschen oder auch Hochprozentiges in Händen. Einige mit einer Wodkaflasche dürften volljährig sein, andere nicht. Und einer ist mal wieder mittendrin: Polizist Harald Haas von der Sondereinheit „Gewa-City“, die in der Freiburger Innenstadt für mehr Sicherheit sorgen soll.

Haas leitet heute Nacht den Einsatz und ist mit sechs Kollegen im Dienst. Ihr Job: Sie sollen gewährleisten, dass es bei den vielen Alkoholisierten rund um das Freiburger „Bermuda-Dreieck“, das bekannt ist für seine vielen Kneipen und Bars, ruhig bleibt. Bis 6 Uhr am nächsten Morgen geht die Schicht. „Am meisten zu tun haben wir in den frühen Morgenstunden“, so der Polizist. Dann, wenn der Alkoholpegel bei vielen richtig hoch ist. Zum Schichtbeginn zunächst das Übliche – eine Ausweiskontrolle folgt auf die nächste, Lautsprecher werden eingezogen wegen zu lauter Musik.

Großstadt mit den meisten Straftaten im Land

Probleme in den Zentren der Großstädte gibt es an den Wochenenden oft. Doch es hat seinen Grund, warum der Blick nach Freiburg führt: Seit 2001 ist die Stadt, die ansonsten gerne ihr Öko- und Studentenimage pflegt, die Großstadt mit den meisten Straftaten in Baden-Württemberg.

Im vergangenen Jahr kam es dort zu 11.712 Delikten pro 100.000 Einwohner. Das sind mehr als in Stuttgart, Karlsruhe oder Mannheim. Selbst bundesweit befindet sich Freiburg im oberen Bereich. So gab es in Berlin 2017 auf 100 000 Einwohner gerechnet nur knapp 3000 Delikte mehr als in der Breisgau-Stadt.

Die meisten Straftaten in Freiburg gibt es in der Altstadt. „Wir haben ein großes Einzugsgebiet. Es kommen sogar viele extra aus der Schweiz oder aus Frankreich hierher, um hier Party zu machen“, sagt Haas. Wo viele Studenten sind, lasse sich gut feiern, dies sei nun mal bekannt.

Und plötzlich häuften sich die Verbrechen

Viele Jahre haben sich die Freiburger ihrem Schicksal ergeben. Es wird lieber das Bild der Wissenschaftsstadt mit hohem Erholungsfaktor und großem Umweltbewusstsein gezeichnet. Dann häufen sich plötzlich die Verbrechen, mit denen Freiburg überregional in die Schlagzeilen kommt.

So wird im Oktober 2016 eine 31-jährige Frau in ihrer Wohnung durch mehrere Messerstiche getötet. Kurze Zeit später dann der schreckliche Fall der Studentin Maria L, die tot und missbraucht an der Dreisam gefunden wird. Der Fall zieht sich und ihr Mörder Hussein K. wird erst im Frühjahr dieses Jahres zu lebenslanger Haft verurteilt.

Joggerinnen-Mord in Endingen

Dann folgt die nächste schreckliche Tat: Eine Joggerin wird in Endingen – knapp 20 Kilometer Luftlinie von Freiburg entfernt – vergewaltigt und ermordet. Vor allem viele Frauen bekommen es in und rund um Freiburg immer mehr mit der Angst zu tun. Neben der faktischen nimmt auch die gefühlte Unsicherheit zu. Hängen bleibt: Der Herbst 2016 ist ein schwarzer Herbst für Freiburg.

Die Politik reagiert und Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) bringt eine Sicherheitspartnerschaft des Landes mit der Stadt Freiburg auf den Weg. Das Freiburger Polizeipräsidium erhält 25 zusätzliche Einsatzkräfte, weitere zehn Beamte folgen. Mehr Kontrollen, mehr Präsenz in der Altstadt. Auch die Stadt Freiburg trägt ihren Teil dazu bei und installiert einen Vollzugsdienst mit 13 Personen gegen Ordnungsstörungen in der Innenstadt.

Ausbau der Videoüberwachung

Dazu wird die Videoüberwachung ausgebaut, Hecken und Büsche werden zurückgeschnitten, um die Sicht zu verbessern, Straßen und Gassen nachts besser beleuchtet sowie Sicherheitskonzepte für Schulen und Kindertagesstätten erarbeitet. Weiter beschließt der Gemeinderat die Einführung von Frauennachttaxis – ein Flop, wie sich später herausstellt, weil kaum Frauen das Angebot nutzen.

Insgesamt zeigen die Maßnahmen Erfolge. In der Altstadt geht die Gewaltkriminalität in den ersten Monaten der Sicherheitspartnerschaft um 16 Prozent zurück. Zur Beruhigung beigetragen hat auch der Verein „Sicheres Freiburg“, ein Zusammenschluss von Vertretern aus Stadt, Schulen, Polizei und Wirtschaft. „Wir bieten Selbstverteidigungskurse an, für Frauen und Männer“, sagt Vorstandsmitglied Roland Schneble.

Antigraffiti-Projekt will Stadt in schönerem Licht erscheinen lassen

Am meisten Beachtung findet jedoch das Antigraffiti-Projekt des Vereins. Hier haben Besitzer von Immobilien, an deren Hauswände Graffiti gesprüht wird, die Möglichkeit, die Fassade von Mitgliedern der Malerinnung kostenlos neu streichen zu lassen. Das Projekt verhindert zwar keine Gewalt, lässt die Innenstadt aber in einem schöneren Licht erscheinen.

Polizist Haas ist lange nach Mitternacht noch immer rund um das „Bermuda-Dreieck“ unterwegs. Erst als sich die Partygänger zwischen vier und fünf Uhr morgens auf den Weg nach Hause machen, wird es ernst. Es kommt es zu zwei Schlägereien mit Körperverletzungen und zu einer sexuellen Belästigung. Für Haas nichts Besonderes. Er spricht von einer „sehr ruhigen Nacht“.