Offensichtlich gut gelaunt in weißer Trainings-Jacke und Jogginghose kommt Placido Anello mit der winkenden Rechten in den neuen Sitzungssaal des Landgerichts Konstanz. Seine Geste ist eindeutig: Schaut her, die Untersuchungshaft hat mir nichts anhaben können, soll es heißen. Anellos Anwalt Tomislav Duzel spricht Klartext: Er sei unschuldig, mit der Mafia habe er nichts zu tun, das weise sein Mandant strikt zurück, betont der Rechtsanwalt aus Konstanz. Genau deshalb wolle er in dieser Zeitung auch der Welt sein Gesicht zeigen und seinen Namen genannt haben, sagt Duzel gegenüber dem SÜDKURIER. Nach einem Freispruch wolle sein Mandant in Rottweil eine Pizzeria eröffnen und dieser dann einen entsprechenden Namen geben.

Bis dahin liegt aber noch ein weiter Weg vor ihm. Denn dem Pizzabäcker und weiteren acht Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft unter anderem bandenmäßigen Drogenhandel im Raum Schwarzwald-Baar-Heuberg vor. Es geht um Rauschgift in dreistelligem Kilobereich, um Waffenbesitz und Mordversuch. Im Raum steht außerdem der Vorwurf, Kontakte zum organisierten Verbrechen in Italien zu haben und damit geht es um die Frage, ob die Mafia im südlichen Baden-Württemberg Präsenz zeigt.

Es geht um viel in diesem Prozess, der zunächst im Landgericht Karlsruhe startete und jetzt in Konstanz fortgeführt wird. Weil der Platz in dem Gerichtsgebäude für neun Angeklagte, 17 Verteidiger und Dutzende Wachtmeister und Polizisten nicht ausreichte, wurde das Verfahren in die ehemalige Kantine auf dem Siemensareal verlegt. Eine Nähe zum organisierten Verbrechen weisen die Angeklagten strikt von sich. Doch die Vorwürfe wiegen so schwer, dass sechs von ihnen in Untersuchungshaft sind. Sie werden zu jedem Verhandlungstag aus verschiedenen Haftanstalten des Landes herbeigefahren: Aus Rottweil, wie im Falle Anellos, aus Offenburg, Villingen-Schwenningen, Konstanz.

Auch diesmal flogen den Angeklagten zu Prozessbeginn Handküsse aus dem Zuschauerraum entgegen. Gesten zeigten: Haltet durch, wir sind bei euch. Nur einzelne, wie Anello, gaben sich betont locker. An diesem ersten Verhandlungstag in Konstanz scheiterte sein Anwalt mit einem Antrag auf Aussetzung des Prozesses. Dass er die 30 000 Seiten umfassende Akte lediglich elektronisch und nicht auf Papier zu lesen bekommen habe, verstoße gegen europäisches Datenschutzrecht, rügte Duzel. Nach einer mehr als halbstündigen Beratung wies Kammervorsitzender Arno Hornstein den Antrag erwartungsgemäß ab: Die Europäische Datenschutzverordnung gelte nicht im Falle der Rechtsakten, lautete seine Begründung.

Auch in einem weiteren Fall räumte das Gericht eine Hürde weg. So kam der Vorsitzende dem Angeklagten Nicolo M. entgegen, der über psychische und physische Leiden geklagt hatte. Damit er konzentriert der Verhandlung folgen kann, soll er künftig nicht mehr aus der Haftanstalt Offenburg herbeigefahren werden, sondern er wird in die Ravensburger Justizvollzugsanstalt überstellt. Von dort ist es näher nach Konstanz.

Gegen Nicolo M., den ein Sondereinsatzkommando im vergangenen Jahr an einem Juni-Morgen um 5 Uhr aus dessen Wohnung auf der Baar holte, fährt die Staatsanwaltschaft Konstanz schweres Geschütz auf. Ihm wird zusätzlich zum Drogenhandel auch versuchter Mord zur Last gelegt. So soll er drei Wochen vor seiner Verhaftung fünf Schüsse auf ein geöffnetes Fenster eines Lokals in Hüfingen bei Donaueschingen abgegeben haben – laut Staatsanwaltschaft zur Abstrafung nach einem Streit bei einem Drogendeal.

Dessen Anwalt Bernd Behnke, fügte einiges zur Person seines Madanten an. Der italienisch stämmige 49-Jährige lebe seit neun Jahren von der Reparatur von Spielautomaten und der Vermietung von Gaststätten. Seine monatlichen Einkünfte im hohen vierstelligen Bereich seien ihm durch seine Verhaftung weggebrochen. Bei der Durchsuchung habe die Polizei „weder Drogen noch Waffen gefunden“, betonte der Anwalt.

Im Unterschied zu den meisten Hauptangeklagten gaben drei Männer, die aus der Untersuchungshaft entlassen wurden über ihre Anwälte einiges zu ihrer Person zu Protokoll. Dabei geht es um verwandtschaftliche Bande, die einzelne Angeklagte mit italienischen Wurzeln mit den Hauptangeklagten verbinden. Und immer wieder um Versuche, nach persönlichen Rückschlägen auf die Beine zu kommen.

Der nächste Verhandlungstag im sogenannten Mafia-Prozess ist am Dienstag, 23. Oktober. Dann soll ein Ermittler einen ersten Überblick zum Strafverfahren geben.

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in Konstanz:
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