Es ist ungewöhnlich warm an diesem Morgen in Karlsruhe. In der Hans-Thoma-Straße rund um den Schlossgarten erwacht der Verkehr. Deutlich ruhiger ist es dagegen in der abzweigenden Stephanienstraße, an der der Eingang zum Schwurgerichtssaal des Landgerichts liegt. Gegen sieben Uhr fahren Mannschaftswagen der Polizei in den Innenhof. Am Eisentor postieren sich zwei Polizisten, weitere patrouillieren mit Maschinenpistolen vor dem Gerichtsgebäude.

Der Tag der Anklage ist gekommen: Vor Gericht stehen gestern neun Bürger mit italienischem Hintergrund. Sie sollen mit Rauschgift – Marihuana, Haschisch und Kokain – in dreistelligem Kilobereich großräumig gehandelt haben, in der Region, der Schweiz und in Italien. Es geht um illegalen Waffenhandel, um gefährliche Körperverletzung, um versuchten Mord. Die meisten Angeklagten kommen aus dem Raum Schwarzwald-Baar-Heuberg, einer kommt aus Stuttgart, ein weiterer aus Italien, von wo ihn die dortigen Strafverfolgungsbehörden an die deutsche Justiz überstellt haben.

Der Schwurgerichtssaal: Hier findet der Mafia-Prozess statt.
Der Schwurgerichtssaal: Hier findet der Mafia-Prozess statt. | Bild: Nils Köhler

Ein hagerer schwarzhaariger Mann in kariertem Sakko, strumpflos unter der Röhrenhose, geht mitten auf der verkehrsarmen Straße. Er telefoniert intensiv, trifft auf zwei andere, sie gestikulieren und reden aufgeregt miteinander auf Italienisch. Es sind Angehörige jenes Angeklagten, der sie nach Monaten in italienischer und deutscher Untersuchungshaft zum ersten Mal wieder sieht – diesmal allerdings unter belastenden Bedingungen. Glaubt man den Ausführungen der Staatsanwaltschaft später, dann gibt es dickere Fische als den Italiener, der kein Deutsch spricht, in diesem Prozess, der sich annähernd ein Jahr lang hinziehen soll.

Vor dem Landgericht in Karlsruhe warten Zuschauer auf Einlass. Das Gerichtsgebäude ist streng bewacht.
Vor dem Landgericht in Karlsruhe warten Zuschauer auf Einlass. Das Gerichtsgebäude ist streng bewacht. | Bild: Nils Köhler

In die Straße mit hoher Polizeipräsenz biegen nach und nach Gefängnisfahrzeuge ein, begleitet von Sicherheitskräften. So schnell, wie sie auftauchen, verschwinden sie auch wieder im Hof des Landgerichts. In jedem Fahrzeug sitzt einer der Untersuchungshäftlinge, denen der Prozess gemacht wird. Sie kommen aus unterschiedlichen Haftanstalten, abgeschirmt, ohne Kontakt zu ihren Angehörigen, und sie wissen, dass es in diesem Prozess für sie um die Freiheit geht. Und das auf Jahre.

Mit dem Handy schnell fotografiert: Einer der Wagen mit den Angeklagten.
Mit dem Handy schnell fotografiert: Einer der Wagen mit den Angeklagten. | Bild: Nils Köhler

Blitzlichtgewitter

Die Schleuse mit Metalldetektor und Leibesvisitation passieren die angereisten Italiener als letzte. Vor ihnen staut sich noch die Schlange von Journalisten und Anwälten, die von einem Dutzend Polizisten gefilzt werden. Im Schwurgerichtssaal drängen sich die Medien auf den vorderen Plätzen, während die Zuschauerplätze große Lücken aufweisen. Ein Prozess, in dem es auch um Mafia-Vorwürfe geht, wollen viele lieber aus der Ferne verfolgen.

Der Zugang zum Gerichtssaal wird von Polizisten kontrolliert.
Der Zugang zum Gerichtssaal wird von Polizisten kontrolliert. | Bild: Nils Köhler

Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen werden die Angeklagten einzeln hereingeführt. In Handschellen und Fußketten betritt als erstes der Italiener den Saal: Rosario I. hangelt sich in dunkler Fleece-Jacke an seinen Platz, sein Blick sucht unter den Zuschauern die Angehörigen. Er wirkt erleichtert, als er ihr aufmunterndes Lächeln entdeckt, dann setzt er sich zwischen seine beiden Anwälte. Es folgt eine Reihe schwergewichtiger Angeklagter – in engen T-Shirts, mit kurzem Haarschnitt. Sie kommen aus dem Raum Villingen-Schwenningen, Donaueschingen und Rottweil. Ihre Blicke streifen sich, weichen einander aus, obwohl die Ermittler für sie so viele gute geschäftliche Verbindungen im Drogenhandel aufgelistet haben. Ist alles konstruiert – wie ein Verteidiger später sagen wird? Ist es ein krasser Irrtum, der den Ermittlern da unterlaufen ist? Zwei der mutmaßlichen Bande, deren Verfahren abgetrennt wurde und die bereits ihre Haftstrafen für mehrere Drogengeschäfte erhalten haben, sollen angeblich mit der Polizei zusammengearbeitet haben, heißt es. Schaffen ihre Aussagen für den einen oder anderen Probleme?

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Fesseln an den Füßen eines Angeklagten. Der Prozess ist gut bewacht.
Fesseln an den Füßen eines Angeklagten. Der Prozess ist gut bewacht. | Bild: Uli Deck/dpa

Unsicherheit

Die Unsicherheit ist zumindest bei den Angeklagten spürbar an diesem ersten Verhandlungstag in Karlsruhe, an dem sich ein Beteiligter deutlich von dem Bild abhebt. Es ist Placido A., ein Schwarzwälder Gastwirt, der sehr freundlich und in seiner Weste vergleichsweise schlank auftritt. Stehend lässt er hinter seiner Sonnenbrille das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen, nickt höflich lächelnd in die Runde und wird der Verlesung der 170 seitigen Anklageschrift von Oberstaatsanwalt Joachim Speiermann kopfschüttelnd zuhören. Er ist es auch, der in der Anklage massiv belastet wird – wenn es um den Schmuggel eines Revolvers der Marke Smith & Wesson Magnum geht, der in Palermo am 14. Juni 2016 bei einer Polizeikontrolle aufflog; wenn es um die Einfuhr von 40 Kilogramm Marihuana aus Italien am 7. November 2016 geht oder um gefälschte Ausweispapiere. Sein Stuttgarter Anwalt Martin Stirnweiss warnt bei der Verlesung einer Erklärung seines Angeklagten vor Vorverurteilungen seines Mandanten. Eine „herbeigeredete Zugehörigkeit zur Mafia“ sei vollkommen haltlos. Routiniert ergänzt der Vorsitzende Richter Arno Hornstein: Das Gericht urteile unabhängig.

Ein Aktenordner auf der Richterbank im Schwurgerichtssaal des Landgerichts. Aufschrift: „Mafia Verhandlung“.
Ein Aktenordner auf der Richterbank im Schwurgerichtssaal des Landgerichts. Aufschrift: „Mafia Verhandlung“. | Bild: Uli Deck/dpa
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Anders reagiert der Anwalt von Nicolo M., den die Polizei am 21. Juni vergangenen Jahres um 5 Uhr morgens aus der Wohnung holte. Auch er steht im Fokus der Staatsanwaltschaft, und das nicht nur wegen üppiger Rauschgiftgeschäfte. Die Vorwürfe wiegen noch schwerer: Im Mai 2017 soll er fünf Schüsse aus einem Revolver der Marke Taurus auf das geöffnete Fenster eines Lokals in Hüfingen von einem Daimler aus abgegeben haben. Als Abstrafung in einem Streit um Drogen, wie es heißt. Wie schon im Fall Placido A. nennt auch sein Anwalt Bernd Behnke die Vorwürfe haltlos und bringt den angeschlagenen Gesundheitszustand seines Angeklagten ins Spiel. Der klagt über Depressionen in seiner 15-monatigen Untersuchungshaft, die er in der Justizvollzugsanstalt Offenburg verbringt. Aus Sicht des Anstaltsarztes seien das aber häufige Symptome von Untersuchungshäftlingen, sagt er vor Gericht aus. Auffälligkeiten habe er nicht feststellen können – außer Bluthochdruck und Vorschädigungen durch Alkoholexzesse. Ein Geständnis legte zum Prozessauftakt keiner der Angeklagten ab. Der Prozess wird am 2. Oktober in Karlsruhe fortgesetzt.