Wie viel Pestizide die Landwirte in Baden-Württemberg einsetzen, kann nur grob geschätzt werden. Denn obwohl die Landwirte selbst penibel Buch darüber führen müssen, fragt das zuständige Landwirtschaftsministerium die Daten nicht ab.

Aufwand, Rechtslage und Datenschutz stünden dem entgegen, argumentiert das Ministerium.

Der Naturschutzbund Nabu will das Land deshalb gerichtlich zur Abfrage und Herausgabe der Daten zwingen und hat dazu gestern an allen vier Verwaltungsgerichten des Landes in Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe und Sigmaringen Klage gegen das Land erhoben. Im Vorfeld war bereits ein Antrag des Nabu auf Akteneinsicht von den Gerichten zurückgewiesen worden.

Der Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle vermutet dahinter System.

"Es geht darum, die Bauernlobby zu schützen", glaubt Enssle und kündigt im Fall einer Niederlage bereits den Gang vor die nächsthöhere Instanz an. Insbesondere will der Nabu wissen, wie viel Pestizid innerhalb der Naturschutzgebiete ausgebracht wird.

Auch in Naturschutzgebieten wird gespritzt

"Dass dort überhaupt gespritzt werden darf, glauben die meisten Menschen gar nicht", sagt Enssle. Der Nabu verlangt, dass das Land selbst eine Vorreiterrolle übernimmt und auf den eigenen Flächen auf Pestizideinsatz verzichtet. Insgesamt gibt es im Land 1041 Naturschutzgebiete, auf rund 2,4 Prozent der Flächen – rund 86 000 Hektar – wird Landwirtschaft betrieben, auch durch das Land Baden-Württemberg selbst. "Um gegen das Insektensterben anzugehen, müssen wir so schnell wie möglich raus aus der Chemiewirtschaft auf dem Acker", so Enssle.

Genaue Zahlen gibt es nicht

Der Nabu hatte vor einem Jahr den ersten Pestizidbericht für Baden-Württemberg vorgelegt, der von 2300 Tonnen pro Jahr ausgeht, und in diesem Zug die Halbierung des Werts gefordert. Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) bezeichnet diese Zahlen als "schlicht falsch". Landwirte seien nur zu einem Teil für den Pestizideinsatz verantwortlich.

Auch in Privatgärten wird gespritzt

Speziell das hochgiftige Glyphosat würde ebenso von der Bahn zur Freihaltung der Gleisbette, von den Kommunen oder Privatleuten eingesetzt.

Umwelt- und Landwirtschaftsministerium im Clinch

Landespolitisch schwelt dazu ein grün-schwarzer Streit um die Strategie zur Pestizidreduktion, die längst beschlossen sein sollte. Doch Hauks Entwurf lehnt das Umweltministerium ab. "Eine Strategie zur Reduzierung von Pestiziden ist nur dann sinnvoll, wenn sie auch tatsächlich zu einer Reduzierung von Pestiziden führt. Das sehen wir mit der Vorlage nicht gegeben", sagt Umweltminister Franz Untersteller (Grüne), der die Festlegung auf messbare Reduktionsziele in Hauks Entwurf vermisst. In Hauks Ministerium wiederum hält man konkrete Reduktionsziele ohne eine zugrunde liegende Datenbasis für unsinnig.