Maria H. weint, als sie in die Sonne tritt. Hinaus aus dem Gerichtssaal, in dem über acht Wochen jener Mann saß, mit dem sie ein Drittel ihres Lebens verbringen musste. Die heute 19-Jährige fällt einer älteren Frau in die Arme, wohl eine enge Freundin der Familie und beginnt zu schluchzen.

Im Gerichtssaal hatte sich die junge Frau zusammengenommen, jetzt brechen die Gefühle aus ihr heraus – am Ende eines Prozesses, der den Schlusspunkt einer über fünf Jahre dauernden Entführung und eines Missbrauchs bildet.

Maria H. schaut ihn nicht an

Die vorangegangene Stunde brachte die junge Frau an ihre Grenzen: Maria H. ist schon früh da, sitzt im Gerichtssaal neben ihrer Mutter Monika B. Die junge Frau blickt Bernhard H. nicht an – weder, als der 58-Jährige in den Gerichtssaal geführt wird, das Gesicht hinter einem Aktenordner versteckt, noch während der Urteilsverkündung.

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Maria H. starrt vor sich auf den Tisch, unter dem sie ihre Hände zusammengefaltet hat, oder schaut zum Richter. Sie wirkt dennoch gefasst. Auch ihre Mutter, eine Frau mittleren Alters mit schwarzen Locken, hat die Hände auf dem Tisch zusammengefaltet, blickt manchmal hinüber zu Bernhard H. Der Mann mit dem grauen Haar und Halbglatze trägt einen roten Jogginganzug.

Das sagt Marias Mutter

Richter Arne Wiemann verkündet das Strafmaß: sechs Jahre. Fast so lange, wie er Maria ihrer Mutter entzogen hat. Ihr muss er Schmerzensgeld bezahlen, die Höhe wird ein Zivilgericht noch festlegen. Doch „Gerechtigkeit kann es nicht geben“, sagt Monika B., nach der Urteilsverkündung.

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Was sie meint, ist, dass kein Strafmaß wiedergutmachen kann, was ihre Familie in den vergangen Jahren durchstehen musste. „Ich bin erleichtert“, sagt sie dennoch und betont, sie finde „das Urteil angemessen“. „Es ist vorbei“, fügt sie noch hinzu, wie, um es sich selbst zu bestätigen.“Jetzt können wir schauen, dass wir ein normales Leben führen.“

Doch ein normales Leben hat Tochter Maria in Jahren nicht geführt. Richter Wiemann umreißt in der Urteilsverkündung noch einmal, wie die damals Zwölfjährige ihren späteren Entführer kennenlernte – einen 40 Jahre älteren Mann. Über einen Onlinechat kommen die beiden in Kontakt, die damalige Ehefrau von Bernhard H. kommt dahinter, verlässt ihren Mann und zeigt ihn gemeinsam mit dessen Stiefsohn an.

Noch vor der Flucht kommt es zu sexuellen Handlungen

Marias Mutter erfährt von dem Kontakt, klärt ihre Tochter über die Gefahren auf. Gegen Bernhard H. beginnt ein Verfahren, das allerdings mangels „hinreichendem Verdacht einer Straftat“ von der Staatsanwaltschaft eingestellt werden muss. Maria ist es damals, die wieder Kontakt zu dem Mann sucht. Richter Wiemann spricht von „intensivem Chatverkehr, bei dem gegenseitig immer wieder von Liebe die Rede war“.

Sie gab die Suche nach ihrer Tochter nicht auf: Monika B. im November 2013 vor der Freiburger Polizeidirektion.
Sie gab die Suche nach ihrer Tochter nicht auf: Monika B. im November 2013 vor der Freiburger Polizeidirektion. | Bild: Patrick Seeger

Bernhard H. beginnt, ihr auch Bilder seines Intimbereichs zu schicken und spricht davon, dass er gerne auch „verbotene Dinge“ mit ihr tun würde. Noch vor der Flucht kommt es in einem Freiburger Hotel zu sexuellen Handlungen – zwischen einem 52-Jährigen und einem zwölf Jahre alten Mädchen, das damit nach Angaben des Gerichts zum Teil einverstanden war.

„Mit jugendlicher Sprache“ habe der Angeklagte das Vertrauen des Mädchens gewonnen, sich verständnisvoll gezeigt und entsprechend die „Probleme des pubertierenden Mädchens zu Hause“. Mehr als das, wie der Richter betont, sei es nicht gewesen – immer wieder war die Frage im Raum gestanden, ob Maria H. aus Schwierigkeiten mit ihrer Mutter die Flucht ergriffen hatte. Das schließt das Gericht im Urteil ausdrücklich aus, betont jedoch, dass Bernhard H. Maria „umgarnte“, „sich devot gab“ und „ein Mutterfeindbild aufbaute“.

Flucht war spontane Entscheidung

Zwar sei die Flucht eine „gemeinsame, spontane Entscheidung“ der beiden gewesen, als die Mutter von Maria ihre Tochter nicht wie von ihr behauptet bei einer Freundin erreichen konnte: Bernhard H. und Maria befürchten, dass der neuerliche Kontakt ans Licht kommen und dann von der Mutter endgültig unterbunden werden könnte. Dass die Flucht nicht geplant war, scheint für das Gericht offensichtlich: Maria hatte keinen Personalausweis dabei, Bernhard H. hatte ein Hotelzimmer schon für das nächste Treffen in Freiburg vorgebucht.

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Stattdessen ging die Flucht über Berlin nach Polen, wo sie das Auto mit geklauten Nummernschildern stehen ließen, mit dem Fahrrad schließlich durch Osteuropa bis auf die italienische Insel Sizilien flüchteten. Immer wieder machte Bernhard H. Maria Angst, wenn sie zurückkehre, müsse sie ins Heim.

Auf der Flucht kommt es nach Meinung des Gerichts zu mindestens 98 Tatbeständen des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, noch bevor Maria 14 Jahre alt war. Dann bekommt Bernhard H. zunehmend Probleme mit Nierensteinen, der sexuelle Kontakt wird immer weniger, bis er nach und nach ganz aufhört.

Maria befindet sich in einem Abhängigkeitsverhältnis

Doch längst befindet sich Maria in einem Abhängigkeitsverhältnis – schon ab dem Moment der Flucht: „Er hatte das Auto„ und die finanziellen Mittel. Später muss Maria auf Sizilien betteln gehen, sie geben sich als Vater und Tochter aus. Von Smartphones und Internet hält er sie fern. Die Gemeinde, wo die beiden lebten, glaubte die Geschichte eines armen Mannes mit seiner Tochter, unterstützte die beiden und sorgte für eine Unterkunft.

Maria freundet sich dort mit einer älteren Dame an, lernt von ihr Italienisch, wird selbstständiger – auch unabhängiger von Bernhard H. Schließlich gelangt sie an einen Internetzugang, erfährt, dass ihre Familie sie immer noch sucht. Sie ist fast 18 und beschließt, einen Fluchtplan zu schmieden.

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Die Angst vor dem Heim hat sie nicht mehr, sie weiß, dass sie mit der Volljährigkeit über ihren Aufenthaltsort entscheiden darf. Einen Abschiedsbrief hinterlässt sie noch. Dann flüchtet sie erneut – mit dem Bus bis nach Mailand, wo sie Freunde des Vaters abholen, die sie vorher ins Bild setzte. Im Herbst 2018 taucht sie wieder zuhause auf.

Ihre Jugend hat sie verloren

Bei ihrer ersten Aussage bei der Polizei nahm sie Bernhard H. noch in Schutz, wollte alleine geflüchtet sein, verneinte sexuelle Handlungen. Dann aber erzählte sie, was sich wirklich zugetragen hatte.

Bernhard H. habe „in höchstem Maße egoistisch und unverantwortlich“ gehandelt, betont Richter Wiemann. „Wenn er sich verantwortungsvoll gezeigt hätte, hätte er sie zurückgebracht.“ Stattdessen habe Maria durch seine „Egozentrik“ in „weitgehender Isolation gelebt“, keine Schule besucht und musste über Jahre mit einer „Lügenlegende“ leben.

Damit sei ihre „seelische Entwicklung“gefährdet worden. „Glücklicherweise macht Maria aktuell einen stabilen Eindruck“, erkennt der Richter an. Sie plane aktiv ihre Zukunft. Ihre Jugend aber hat sie verloren. An einen Mann, der keine Reue zeigt, weil er, wie der Richter ergänzt, „Maria bis heute noch liebt“.

 

Wie beurteilen Prozess-Beobachter das Urteil im Fall Maria H.? Wir sprachen im Anschluss der Verhandlung mit Eugen Landmann, der sich mit dem Urteil zufrieden zeigt, da nun endlich ein Schlussstrich gezogen werden könne.

 

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Die Gründe für das Urteil

Trotz des Urteils, gegen das Bernhard H. binnen einer Woche noch Rechtsmittel einlegen kann, kommt der Entführer von Maria H. nicht in Sicherungsverwahrung.

  • Keine Vorstrafen: Die Regelung, wann Sicherungsverwahrung angeordnet werden kann, sind streng. Wenn keine Vorstrafe vorliegt, muss eine hohe Wahrscheinlichkeit einer erneuten Straftat vorliegen. Bernhard H. ist weder vorbestraft, noch sah Richter Wiemann in diesem Fall ein erhöhtes Risiko, dass der Mann nach seiner Entlassung aus der Haft – „mit deutlich über 60“ Erfolg bei einer Minderjährigen haben könnte.
  • Keine Pädophilie: Ein Gutachter kam zu dem Schluss, dass bei Bernhard H. keine „pädophile Nebenströmung“ vorliege, auch wenn er im Besitz von Kinderpornografie war und er seiner siebenjährigen Stieftochter einmalig in den Schritt gegriffen hatte. Trotz der Vergehen an Maria H. sei er heterosexuell geprägt. „Ein gewisses sexuelles Interesse kann nicht ausgeschlossen werden, aber das reicht noch nicht aus“, erklärte Richter Wiemann.
  • Geringes Risiko: Bernhard H. dürfte nach seiner Entlassung wenig Chancen bei Minderjährigen haben: „Dass sich eine Jugendliche auf einen Mann über 60 Jahre einlassen würde, wäre außergewöhlich“, sagte Richter Wiemann. Schon Marias Fall sei „ungewöhnlich“. H. war 52, als er sie kennenlernte.