Der Tag nach dem historisch knappen Bürgerentscheid in Markdorf ist ein trüber, grauer Tag. Nur wenige Passanten verlieren sich auf den Straßen, im Rathaus herrscht Katzenjammer. Fünf Stimmen haben am Sonntagabend das 18,4-Millionen-Euro-Projekt des Rathausumzuges in das Bischofschloss, das Wahrzeichen der 14 000-Einwohner-Stadt im Bodenseekreis, zum Scheitern gebracht. Dem amtlichen Endergebnis vom Montagabend zufolge haben sich die Gegner des Vorhabens mit ihren 2721 Stimmen gegenüber den Befürwortern, die 2716 Stimmen auf sich vereinen konnten, durchgesetzt. Das entspricht einem hauchdünnen Stimmenvorsprung von nicht einmal 0,1 Prozent.

Alles wieder auf Null

Diese knapp 0,1 Prozent sorgen nun dafür, dass in der Markdorfer Stadtpolitik alles wieder auf Null gestellt werden muss. Hätte man das Rathaus ins Schloss umsiedeln können, so sahen es die Planungen von Verwaltung und Gemeinderat vor, hätte das leerstehende Schloss eine sinnvolle Nutzung bekommen. Dafür hätte man das 100 Meter entfernte marode Rathaus abgerissen und an dessen Stelle eine Investorenlösung mit einem Hotel und/oder Supermarkt, Gastronomien und Wohnbebauung angestrebt. Nun aber gibt es nicht nur kein Rathaus im Schloss, sondern auch keine Lösung fürs Rathausareal. Denn dort wird die Stadt ihr Rathaus sanieren und erweitern müssen, zu etwa den selben Kosten wie sie für den Umzug ins Schloss vorgesehen waren. Damit fehlen der Stadt aber die finanziellen Mittel für Sanierung und Umbau des Schlosses plus der nötigen Investitionen in eine anderweitige öffentliche Nutzung. Die Folge: Das Schloss wird Stand jetzt wohl in den kommenden Jahren ungenutzt leer stehen.

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Haushalt und Finanzplanung auf den Prüfstand

Der Bürgerentscheid wird aber auch noch andere weitreichende Konsequenzen haben. Weil die Stadt für ein umgebautes Rathaus deutlich geringere Zuschüsse bekommen wird, als für die Sanierung des denkmalgeschützten Schlosses, müssen der Haushalt 2019 und die Finanzplanung der kommenden Jahre nochmals komplett auf den Prüfstand gestellt werden. Andere Großvorhaben, die bereits eingerechnet waren, wie die Erweiterung der beiden Grundschulen oder eine neue Sporthalle, müssen eventuell abgespeckt oder gestreckt werden.

Quo vadis Bischofsschloss? Still und verlassen liegt das Markdorfer Wahrzeichen unter dem grauen Winterhimmel. Die Fraktionssprecher im Gemeinderat gehen davon aus, dass sich daran in nächster Zeit auch nichts ändern wird.
In das Bischofschloss hätte die Stadtverwaltung einziehen sollen. Die auf 18,4 Millionen Euro taxierten Rathaus-Umzugspläne wurden nun durch den Bürgerentscheid gestoppt. | Bild: Georg Wex

Frei nach Monopoly: „Zurück auf Los!“

Für die Stadtpolitik heißt es nun, frei nach Monopoly, „Zurück auf Los!“. Doch in welche Richtung soll es gehen? Nun rächt es sich, dass weder Verwaltung noch Gemeinderat in den vergangenen Jahren einen Plan B als Alternative zum Rathausumzug ausgearbeitet hatten. Fassungslos und konsterniert verfolgen die Umzugsbefürworter die Verkündigung des Ergebnisses am Sonntagabend im Sitzungssaal. Ratlos die Stadträte, sichtlich erschüttert Bürgermeister Georg Riedmann. Auf die Frage dieser Zeitung, ob dies die schwerste Stunde seiner bislang fünfjährigen Amtszeit sei, sagt der 52-jährige Rathauschef: „Es ist eine schwere Stunde für uns alle.“ Und schiebt dann nach: „Das ist kein Ergebnis, womit irgendjemand jubilieren kann.“

Das Markdorfer Rathaus ist marode. Statt einem Abriss und einer Investorenlösung für das Rathausareal läuft es nun auf eine Sanierung des 60er-Jahre-Baus und einen Erweiterungsneubau hinaus.
Das Markdorfer Rathaus ist marode. Statt einem Abriss und einer Investorenlösung für das Rathausareal läuft es nun auf eine Sanierung des 60er-Jahre-Baus und einen Erweiterungsneubau hinaus. | Bild: Toni Ganter

Gewinner, die nicht jubeln

Und in der Tat: Selbst die Sprecher der siegreichen Bürgerinitiative brechen nicht in Jubel aus. Auch sie wissen, dass sie nicht die strahlenden Sieger, sondern nur die glücklichen Gewinner sind. 50,0 Prozent zu 50,0 Prozent: Das sagt nichts anderes, als dass die Stadt tief gespalten ist, was die von Verwaltung und Rat beschlossene künftige Stadtentwicklung anbelangt. Schon in den Tagen vor dem Bürgerentscheid hatte die öffentliche Diskussion an Schärfe zugenommen. In Leserbriefen im SÜDKURIER, aber auch in den sozialen Netzwerken, wurden zunehmend aggressivere Töne angeschlagen. Auch diese Gräben gilt es nun wieder zu schließen – keine einfache Aufgabe.

Die Erkenntnis über diese und die anderen Bürden reift noch am Sonntagabend auch in den Fraktionen. „Es gibt weder Sieger, noch Verlierer. Nur Markdorf hat verloren“, kommentiert Dietmar Bitzenhofer, Chef der Freien Wähler, das Ergebnis. Nun geht es in Markdorf an die Suche nach einem alternativen Weg in die Zukunft – und darum, die so unerwartet kritische Bürgerschaft mit ins Boot zu nehmen.