Es ist Nachmittag, im Industriegebiet in Freiburg herrscht geschäftiges Treiben. Die Sonne scheint, das Herbstlaub raschelt unter den Füßen, wenn man an dem Grünstreifen entlang der Bundesstraße geht. Dort, an der Ecke, liegt die Diskothek, von der nun alle reden: das Hans-Bunte-Areal.

Das Tor mit der Holzverkleidung ist verschlossen. Ein Schild weist darauf hin, dass Foto- und Filmaufnahmen strengstens untersagt sind. Rechts vom Tor befindet sich ein kleines Gebüsch. Direkt neben der Mauer, die das Clubareal umgibt.

Wieder ist der Tatort Freiburg

Hier soll es geschehen sein: Am 14. Oktober soll eine Gruppe von Migranten sowie einem Deutschen eine 18 Jahre alte Frau vergewaltigt haben. Wieder ist der Tatort Freiburg – und wieder ist eine erbitterte Debatte über die Sicherheit junger Frauen in der Stadt ausgebrochen.

Video: Moll

Einige hundert Meter weiter von der Diskothek liegt ein Supermarkt. Eine junge Frau verstaut gerade ihre Einkäufe im Fahrradkorb. Die 25-Jährige ist Studentin. Natürlich hat sie von dem Fall gehört – wer nicht? „Es ist natürlich schockierend, was passiert ist“, sagt sie.

„Aber ich habe den Eindruck, dass die Tat selbst gerade in den Hintergrund gerät.“ Stattdessen rücke die Debatte um den möglichen Migrationshintergrund des mutmaßlich beteiligten Deutschen in den Vordergrund, nicht zu sprechen von den Syrern, die unter Tatverdacht stehen.

„Als junge Frau muss man alleine sowieso immer aufpassen“

„Darum geht es doch gar nicht“, betont die blonde Frau. Sie will nur, dass die Tat aufgeklärt wird. Verunsichert fühle sie sich aber nicht, sagt sie. „Ich will mich von so etwas einfach nicht beeinflussen lassen“, erklärt sie. „Als junge Frau muss man alleine sowieso immer aufpassen.“ Im Industriegebiet würde sie alleine nie unterwegs sein, fügt sie hinzu.

Keine Fotos, keine Filme erlaubt: Hinweis am Eingang zum Hans-Bunte-Areal. Bild: Moll
Keine Fotos, keine Filme erlaubt: Hinweis am Eingang zum Hans-Bunte-Areal. Bild: Moll | Bild: Moll, Mirjam

Sie ist nicht alleine mit ihrer Meinung. Als Frau alleine ins Industriegebiet? Unmöglich. Dabei hatte das Opfer bei ihrem Diskothekbesuch eine Freundin dabei. Nach Polizeiangaben lernte die 18-Jährige den Hauptverdächtigen in dem Club kennen, soll Ecstasy eingenommen haben und wurde zu einem Drink eingeladen. Ob darin K.o.-Tropfen enthalten waren, wird noch ermittelt.

In welchem Zustand sie war, als sie den Club mit dem Fremden kurz nach Mitternacht verließ, ist nicht geklärt. Sie kommt nur wenige Meter weit, bevor sie in die kleine Baumgruppe ins Gebüsch gezerrt wird. Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung soll der Haupttäter in den Club zurückgekehrt sein, seinen Freunden Bescheid gegeben haben, dass die junge Frau wehrlos da draußen liege. Anschließend sollen die Männer sich ebenfalls an ihr vergangen haben.

Inzwischen gibt es zehn Tatverdächtige

Julia Altreuter ist Medizinstudentin. Die 24-Jährige sitzt in einem Café in der Innenstadt, als sie über den Vorfall spricht. „Natürlich bin ich geschockt“, beginnt sie. „Aber es ist doch überall so, immer mal wieder“, fügt sie hinzu. Es klingt, als müsse man als junge Frau heutzutage mit diesem Gefühl einfach leben – dass es „entweder passiert, oder eben nicht“. Altreuter zuckt nur mit den Schultern: „Ich mache mir nicht so viele Gedanken.“

Der Tatort befand sich in einem dicht bewachsenen kleinen Wäldchen wie diesem – in unmittelbarer Nähe der Clubs.
Der Tatort befand sich in einem dicht bewachsenen kleinen Wäldchen wie diesem – in unmittelbarer Nähe der Clubs. | Bild: Patrick Seeger

Die Zahl der Verdächtigen ist gerade wieder angestiegen – es wurden weitere DNA-Spuren gefunden. Inzwischen gibt es zehn Tatverdächtige. Gegen den Hauptverdächtigen, Majd H., lag wenige Tage vor der Tat bereits ein Haftbefehl vor. Gesucht wurde er wegen Drogenhandelns.

Doch in dem Haftbefehl wurde der inzwischen 22-Jährige (zur Tatzeit 21 Jahre alt) nach Polizeiangaben als Intensivtäter gehandelt, wegen unter anderem „drei Körperverletzungsdelikten und zwei mutmaßlichen Taten mit Sexualbezug“. Er war am 10. Oktober erlassen worden – vier Tage vor der Tat. Dennoch scheiterte eine Festnahme – Medienberichten zufolge soll der Verdächtige zwischenzeitlich abgetaucht gewesen sein.

Die Polizei selbst hatte angegeben, aus ermittlungstechnischen Gründen noch einige Tage abwarten zu wollen haben. Dabei ist gegen den Mann bereits ein weiteres Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, auch hier steht der Vorwurf einer Vergewaltigung im Raum, auch hier sollen weitere Männer beteiligt gewesen sein. Das mutmaßliche Opfer ist 22 Jahre alt.

Zwei Clubs befinden sich an der Hans-Bunte-Straße. In einem der beiden war das 18-jährige Opfer tanzen, bevor es von mehreren Männern vergewaltigt wurde. Bild: dpa
Zwei Clubs befinden sich an der Hans-Bunte-Straße. In einem der beiden war das 18-jährige Opfer tanzen, bevor es von mehreren Männern vergewaltigt wurde. Bild: dpa | Bild: Patrick Seeger

Für junge Frauen ist das alles unbegreiflich

Wegen widersprüchlicher Angaben sei ein dringender Tatverdacht, der für einen Haftbefehl notwendig sei, allerdings nicht möglich gewesen, hieß es bei einer Pressekonferenz der Polizei. Die Menschen sind erschüttert – über Freiburg hinaus: Wie kann es sein, dass ein offenbar gefährlicher Mann nach Ausstellung des Haftbefehls nicht sofort festgenommen wurde? Erst am 21. Oktober, eine Woche nach der mutmaßlichen Vergewaltigung der 18-Jährigen, wird Majd H. schließlich festgenommen.

Für Studentinnen wie Julia Hahn ist das unbegreiflich. „Ich mache mir schon Gedanken“, sagt die 23-Jährige. Aber jungen Frauen werde doch auch immer eingeschärft, auf ihre Getränke aufzupassen, nichts offen stehen zu lassen, nicht in dunkle Gassen zu gehen, schon gar nicht alleine. Sie will das Opfer nicht verurteilen. Sie zählt nur die Vorsichtsmaßnahmen auf, die sie nun wieder bewusster umsetzen will.

Dunkle Flecken im Sicherheitsbild der Stadt

In der Hans-Bunte-Straße ausgehen würde sie wohl trotzdem: „Ich bin neu hier, wenn mich jemand fragen würde, ob ich mitgehe, würde ich das wohl machen.“ Die junge Frau kommt aus Regensburg, wo vor wenigen Jahren eine Vergewaltigungsserie im Stadtpark die Stadt verunsicherte. Auch damals wollte sich die Studentin nicht einschränken lassen.

Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger hatte es sicher gut gemeint, als er sagte: "Macht euch nicht wehrlos durch Alkohol oder Drogen“. Doch damit brachte er sich selbst in die Kritik – weil er damit suggerierte, das Opfer hätte sich selbst besser schützen können oder sogar müssen.

Die junge Journalistin Anika Maldacker sieht das ganz anders: „Die Forderung, dass Frauen das gleiche Recht auf Enthemmung und Rausch wie Männer haben, sollten wir immer wieder betonen und aufrecht erhalten.“ Es sollte möglich sein, dass sich Frauen nachts angstfrei bewegen können, schreibt die Autorin auf Fudder.

Polizeipräsident Bernhard Rotzinger spricht während der Pressekonferenz im Fall der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung.
Polizeipräsident Bernhard Rotzinger spricht während der Pressekonferenz im Fall der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung. | Bild: Patrick Seeger

Doch das Sicherheitsbild der Stadt zeigt dunkle Flecken. Der Polizeipräsident bemühte sich zwar, ein generell positives Bild der Sicherheitslage in Freiburg zu zeichnen. Seit der Einrichtung der Sicherheitspartnerschaft mit der Stadt seien Gewaltdelikte zurückgegangen, auch Raub- und Straßenkriminalität seien seither rückläufig.

Allerdings musste auch er eingestehen, dass die Zahl der Sexualdelikte in der Stadt stark angestiegen sind. Der Anstieg ist allerdings hauptsächlich auf die neue Strafbarkeit sexueller Belästigung zurückzuführen, das belegt auch eine Statistik des Bundeskriminalamts zum bundesweiten Trend. Die Aufklärungsrate sei hoch, betont der Polizeipräsident, sie liege in Freiburg bei 70 Prozent.

Fühlt man sich unwohl in Freiburg?

Jana Holderied helfen solche Zahlen nicht. Die gerade erst 20-jährige Studentin fühlt sich unwohl in Freiburg. Sie wohnt etwas außerhalb, das Warten auf die Straßenbahn in der Dunkelheit ist ihr unangenehm. Alleine traut sie sich fast nicht mehr. „Das war vor diesem Fall aber auch nicht viel besser“, stellt sie klar: „Da gab es auch immer wieder Schlägereien und so was in der Stadt“, erzählt sie.

Inzwischen telefoniert sie häufig auf dem Heimweg, beschreibt, wo sie gerade ist und schickt eine Textnachricht, wenn sie sicher zu Hause angekommen ist. In der Hans-Bunte-Straße ausgehen? „Auf keinen Fall“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Die Tat selbst kann sie nicht nachvollziehen: „Da stimmt menschlich etwas nicht mit diesen Leuten, die so etwas tun. Aber mit der Nationalität hat das nichts zu tun“, betont sie.

Und dennoch sorgt der Fall der 18-Jährigen, der mit einer sofortigen Festnahme womöglich hätte verhindert werden können, für Kopfschütteln bei der Bevölkerung. Freiburgs Polizeipräsident Rotzinger verteidigt das Vorgehen: „Es tut uns weh, wenn Ermittler, die auch übers Wochenende durcharbeiten, kritisiert werden, wenn eine zu planende und geplante Fahndung, Durchsuchung und Festnahme mit Haftbefehl nachträglich so skandalisiert wird.“

Ein Polizeifahrzeug fährt in der Fußgängerzone vor dem Martinstor. Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung einer 18-Jährigen durch mehrere Männer will das baden-württembergische Innenministerium mit der Stadt Freiburg über eine bessere Sicherheitslage reden.
Ein Polizeifahrzeug fährt in der Fußgängerzone vor dem Martinstor. Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung einer 18-Jährigen durch mehrere Männer will das baden-württembergische Innenministerium mit der Stadt Freiburg über eine bessere Sicherheitslage reden. | Bild: Patrick Seeger (dpa)

Die Rufe nach mehr Polizeipräsenz auch in entlegenen Stadtteilen werden immer lauter. Die CDU-Fraktion der Stadt forderte in dieser Woche, den Ordnungsdienst zu erweitern: Zehn neue Stellen und eine Überarbeitung des bisherigen Konzepts des sogenannten Vollzugsdiensts in der Stadt seien überfällig.

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Die Polizei kündigte ein „Maßnahmenpaket zur an der Lage orientierten Fortentwicklung der Sicherheitspartnerschaft“ an. Es soll noch in diesem Monat bekannt gegeben werden. Landesinnenminister Thomas Strobl gab seinerseits in einer eigenen Pressekonferenz bekannt, die vergangenes Jahr eingerichtete Sicherheitspartnerschaft zwischen Freiburg und dem Land werde fortgeführt und die Polizeipräsenz in der Stadt nochmals ausgebaut.

Strobl war auch deshalb unter Druck geraten, weil der Haupttäter dem Sonderstab "Gefährliche Ausländer" des Innenministeriums schon im August gemeldet worden war. Damals sei allerdings keine „erhebliche stafrechtliche Verurteilung“ gegen den Mann vorgelegen, die für eine Ausweisung notwendig gewesen sei. Freiburgs jungen Frauen scheint es um etwas anderes zu gehen. Sie wollen einfach nur mehr Sicherheit. Keine polemische Debatte über Migrationspolitik.

Mehr Gewalt – nicht nur in Freiburg

In Baden-Württemberg nimmt die Gewalt gegen Frauen weiter zu. „Während sich die Anzahl der weiblichen Opfer 2017 auf dem Niveau von 2016 bewegt hat, zeichnet sich für das Jahr 2018 ein Anstieg im einstelligen Bereich ab“, erklärt ein Sprecher des Innenministeriums auf Anfrage des SÜDKURIER. Eine genaue Zahl will das Ministerium erst mit der Veröffentlichung der Kriminalstatistik nennen.

  • Mehr weibliche Opfer: 2016 waren 39.150 Frauen Opfer von Straftaten, 2017 waren es 39.604. Den größten Teil bildeten in beiden Jahren mit rund 34.000 Straftaten die Delikte Raub und Körperverletzung. Es folgten Bedrohung, Nötigung und Nachstellen mit mehr als 8000 Fällen. Dabei kommt es immer wieder auch zu Vergewaltigungen wie zuletzt in Freiburg, als Männer eine 18-jährige Frau schwer missbrauchten. Alleine 2017 gab es knapp 5000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, darunter mehr als 1000 Vergewaltigungen sowie sexuelle Übergriffe und Nötigungen.
  • Kriminalitätshochburg Freiburg: Die Uni-Stadt ist seit 2001 die kriminellste Großstadt in Baden-Württemberg. 2017 gab es dort 11.712 Straftaten pro 100.000 Einwohner – mehr als in Stuttgart oder Mannheim. In der Region Freiburg sorgen immer wieder Straftaten für Aufsehen. Dazu gehört der Mord an Studentin Maria L., die 2016 tot und missbraucht an der Dreisam gefunden wurde. Oder der Fall der Joggerin Carolin G., die im selben Jahr nahe Freiburg ermordet wurde.