Freiburg – Während sich Hussein K. am 16. Oktober 2016 nahezu eine Stunde an der 19-jährigen Studentin Maria L. verging, war sein Opfer mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusstlos. Das ist eine der zentralen Aussagen des Rechtsmediziners Stefan Pollak, der gestern am 20. Verhandlungstag im Dreisammordprozess aussagte.

Pollak hatte die Leiche der Studentin obduziert und schlimmste Verletzungen im Intimbereich festgestellt. Bernhard Kramer aus Villingen-Schwenningen, Anwalt der Familie L. hatte als Vertreter der Nebenklage beantragt, bei der Aussage von Pollak die Öffentlichkeit auszuschließen, um die Intimsphäre des Opfers und deren Familie zu schützen. Das Gericht lehnte den Antrag jedoch ab und so wurden die schrecklichen Details der erlittenen Verletzungen, darunter Bisswunden, öffentlich beschrieben.

Die Vorsitzende Richterin Katrin Schenk begründete die Ablehnung einer nichtöffentlichen Erörterung damit, dass das Obduktionsergebnis maßgebliche Informationen zum Tatablauf beinhalte und der öffentliche Vortrag wichtig sei. Eine posthume Bloßstellung des Opfers sei damit nicht verbunden, meinte Richterin Schenk. Der Familienanwalt und Nebenkläger Bernhard Kramer zeigte sich im Gespräch mit dieser Zeitung verwundert. Er verwies auf eine prozessuale Entscheidung des Gerichts zu Beginn des Verfahrens. Da ging es um eine von Hussein K. behauptete Misshandlung und Vergewaltigung, die ihm angeblich in einer Taliban-Koranschule in Afghanistan widerfahren sein soll. Als das zur Sprache kam, wurde die Öffentlichkeit zum Schutz der Intimsphäre von Hussein K. ausgeschlossen.

Inzwischen hat sich herausgeschält, dass es diese Misshandlung des Angeklagten mit größter Wahrscheinlichkeit gar nicht gegeben und dass Hussein K. sie erfunden hat. Zahlreiche Aussagen und Hinweise lassen nämlich vermuten, dass er vor seiner Flucht nach Westeuropa ständig im Iran und niemals in Afghanistan lebte – also dort auch nicht Missbrauchsopfer in einer Koranschule hätte werden können.

Der Rechtsmediziner Pollak geht davon aus, dass Maria L. von Hussein K. bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt wurde, bevor er sie vergewaltigte und dann im Niedrigwasser des Flüsschens Dreisam ablegte. Weiter bewusstlos sei sie dort dem Ertrinkungstod ausgeliefert gewesen. Dass Sie nach dem Würgen noch einmal das Bewusstsein erlangt habe, sei unwahrscheinlich.

Auf der Basis der Angaben von Hussein K. zu den gewaltigen Alkoholmengen, die er nach eigenen Angaben vor der Tat konsumiert haben will, errechnete Pollak theoretisch eine hohe Alkoholisierung des Täters mit bis zu vier Promille. Um dessen Zustand und die Schuldfähigkeit zu bewerten, komme es aber in viel höherem Maß darauf an, sein Verhalten vor und nach der Tat zu bewerten. Aufnahmen aus einer Bar und der Straßenbahn, in der er in der Tatnacht gefilmt wurde, lassen ebenso wie Zeugenaussagen keinen Schluss auf eine enorm hohe Alkoholisierung des jungen Afghanen zu, die seine Steuerungsfähigkeit elementar hätte einschränken können. Der Prozess wird am 27. Februar fortgesetzt.