Hussein K. hat lange geschwiegen. Der Angeklagte im Freiburger Mordprozess sagte nichts, nahm größtenteils ohne erkennbare äußerliche Regung an dem Verfahren teil. Nach mehr als einem halben Jahr Prozessdauer und 24 Verhandlungstagen ergreift er das ihm mögliche letzte Wort. „Ich bereue die Tat. Ich möchte mich entschuldigen“, sagt er. Der Prozess, der Anfang September vergangenen Jahres begonnen hat und überregional auf Resonanz stößt, steht somit vor seinem Finale. Das Urteil wird am 22. März verkündet.

Die Anklage sieht es als erwiesen an, dass der junge Flüchtling im Oktober 2016 nachts in Freiburg die 19 Jahre alte Studentin Maria L. vom Fahrrad gestoßen, vergewaltigt und ermordet hat. Die Studentin war nachts alleine mit dem Fahrrad auf dem Weg von einer Studentenparty nach Hause, als sie Opfer des Verbrechens wurde.

Angeklagter entschuldigt sich für seine Tat

„Es tut mir leid, dass es passiert ist. Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen“, sagt Hussein K. am Montag im großen Saal des Freiburger Landgerichts. „Das, was ich getan habe, tut mir sehr leid.“ Mit Blick auf die anderen am Prozess Beteiligten sagt er: „Sie leben in Gedanken an Maria. Ich leide darunter. Mein Herz brennt.“

Nun erwarte er ein Urteil: „Ich möchte dafür in Rechenschaft gezogen werden - die Strafe erhalten, die mir zusteht“, sagt der junge Mann, dessen Worte übersetzt werden. „Drogen haben mir mein Leben zerstört.“ Kurze Zeit später wird Hussein K. schwer bewacht sowie in Hand- und Fußfesseln zurück in seine Zelle gebracht, in der er seit mehr als einem Jahr sitzt.

Alter wirft Fragen auf 

Das Verbrechen in der baden-württembergischen Stadt löste - noch vor dem Terroranschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 - eine Debatte über die deutsche Flüchtlingspolitik aus. Zum Prozessauftakt gab Hussein K. zu, die Studentin bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und vergewaltigt zu haben. Die Frau ertrank im Fluss Dreisam. Er gab an, im Affekt und ohne Absicht gehandelt zu haben. Zudem sei er betrunken gewesen. Sein Alter sowie Details der Tat nannte er, trotz vieler Fragen, nicht.

Der Fall wirft ein Licht auf die Zeit der Flüchtlingskrise. Hussein K. war im November 2015 ohne Papiere nach Deutschland gekommen. Er galt als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Den Behörden gab er an, 16 oder 17 Jahre alt zu sein. Er lebte in Freiburg bis zu seiner Festnahme bei einer Pflegefamilie. Überprüft wurde das Alter nicht.

Staatsanwalt fordert Erwachsenenstrafrecht

Doch das Alter hat in dem Fall große Bedeutung. Zur Unterscheidung zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht ist es juristisch entscheidend. Die Staatsanwaltschaft hält den vor der Jugendkammer angeklagten Hussein K. für mindestens 22 Jahre alt. Gutachten und Zeugenaussagen haben das bestätigt, sagt Oberstaatsanwalt Eckart Berger. Die Folge sei Erwachsenenstrafrecht. Die Strafen sind dabei in der Regel höher als beim Jugendstrafrecht.

Hussein K. direkt gegenüber sitzt Rechtsanwalt Bernhard Kramer. Er vertritt die Eltern der getöteten Studentin, die in dem Prozess als Nebenkläger auftreten. Persönlich erschienen sind sie nicht. „Seelisch und nervlich sind sie nicht dieser Situation gewachsen“, sagt Kramer. Die Eltern, sagt der Jurist, „sind nicht von Hass oder Rachegefühlen erfüllt.“ Sie hätten „unvorstellbares Leid durchlebt“ und wünschten sich, dass der Fall juristisch korrekt aufgeklärt werde. Dies sei in dem Prozess gelungen.

Angeklagter war bereits inhaftiert

Reue, sagt Staatsanwalt Berger, habe Hussein K. nicht gezeigt. Er habe gelogen und getäuscht, die Grausamkeit des Verbrechens sei erst durch Ermittlungen ans Licht gekommen. Berger fordert eine lebenslange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Zudem müsse die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Damit wäre eine vorzeitige Freilassung nach 15 Jahren Haft nahezu ausgeschlossen. Es wäre, rechtlich gesehen, die Höchststrafe.

Kramer schloss sich dem für die Nebenklage an. Er sieht eine Gefahr in dem Angeklagten, dieser sei ein Wiederholungstäter. Wegen einer schweren Gewalttat an einer jungen Frau auf der Insel Korfu im Jahr 2013 war Hussein K. in Griechenland zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, im Oktober 2015 aber vorzeitig entlassen worden und untergetaucht.

Der Pflichtverteidiger Sebastian Glathe setzt der Anklage grundsätzlich nichts entgegen. Auch er rechnet mit einer langjährigen Haftstrafe, wie er in seinem Plädoyer am Montag sagt. Er fordert eine Drogentherapie für seinen Mandanten. Sicherungsverwahrung und besondere Schwere der Schuld lehnt Glathe ab.

 

Unterschied zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht

Die Justiz unterscheidet bei Strafprozessen zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht. Wesentliches Kriterium ist das Alter. Ist ein Angeklagter zur Tatzeit jugendlich (14 bis 17 Jahre alt), gilt Jugendstrafrecht. Rechtlich möglich ist das in den meisten Fällen auch bei Heranwachsenden (zur Tatzeit 18 bis 21 Jahre alt). Ist ein Angeklagter zur Tatzeit 22 Jahre oder älter, gilt automatisch Erwachsenenstrafrecht. Jugendstrafrecht ist dann ausgeschlossen.

Unterschiede gibt es bei den Strafen: Möglich nach Jugendstrafrecht sind maximal fünf Jahre Haft, bei Mord in der Regel bis zu zehn Jahre. Bei Mord in besonders schweren Fällen und nur bei Heranwachsenden (nicht bei Jugendlichen) können es auch maximal 15 Jahre Haft sein. Nach Erwachsenenstrafrecht wird Mord in der Regel mit einer lebenslangen Haftstrafe geahndet, zudem ist in besonders schweren Fällen eine anschließende Sicherungsverwahrung möglich.