Frau Rohrer, wie enttäuscht sind Sie nach dem Urteil vom Waldshuter Landgericht?

Ich bin natürlich schon sehr enttäuscht. Ich habe mit meinem Anwalt über siebeneinhalb Jahren juristisch gekämpft. 2009 hatte ich die Lungenembolie, der körperliche Kampf geht also noch länger und das Gefühl der Ungerechtigkeit bleibt. Das waren schon sehr intensive Jahre, in denen ich eng mit meinem Anwalt zusammengearbeitet habe und versucht habe, einem großem Konzern etwas entgegenzusetzen. Jetzt ist auf einen Schlag dieses Urteil gefallen. Das ist schon niederschmetternd.

Haben Sie mit der Entscheidung nicht gerechnet?

Nein, es war ein reiner Verkündungstermin, es hätte auch einen Beweisbeschluss geben können. Dass ein Urteil verkündet wurde, war überraschend. Weil im Oktober noch der Gutachter gehört wurde und nachdem, was er gesagt hat, ist es überraschend, dass das Gericht zum Schluss kam, dass wir den Beweis nicht ausreichend erbringen konnten.

Hätten Sie sich denn auf einen Vergleich eingelassen, wenn Ihnen Bayer ein Angebot gemacht hätte?

Das Gericht hat beim Prozesstag im Oktober einen Vergleich vorgeschlagen und wir haben gesagt, dass wir uns diesem Vorschlag nicht verschließen würden. Aber Bayer hat sofort abgelehnt.

Was hätte Bayer anbieten müssen, damit es zu einer außergerichtlichen Einigung hätte kommen können?

Da eine Summe zu nennen, ist schwierig, weil es mir von Anfang an nicht ums Geld ging. Es war mir wichtiger, dass sich das Gericht detailliert mit dem Fall beschäftigt. Aber wir wollten auch guten Willen zeigen und waren deshalb zu Gesprächen mit Bayer bereit. Nachdem Bayer das allerdings kategorisch ausgeschlossen hat, machen wir uns darüber auch keine Gedanken mehr.

Sehen Sie sich als Stellvertreterin für andere Frauen, die ähnliche Schmerzen erleiden mussten wie Sie?

Ja, das ist der Fall, auch wenn ich das nicht geplant habe. Es ist eben schwer, eine solche Klage einzureichen. Vielen anderen ist das nicht möglich. Mein Fall ist tatsächlich ein Präzedenzfall und steht für andere Opfer und auch Todesopfer. Deshalb ist es Bayer ja auch so ein Anliegen, den Prozess nicht zu verlieren: weil sie wissen, dass dann andere Frauen folgen könnten. Schade, dass ein deutsches Gericht nicht gesehen hat, dass der Gutachter durchaus eine Kausalität formuliert hat.

Das Gericht befand, dass die Kausalität zwischen Ihrer Erkrankung und der Einnahme der Pille nicht zweifelsfrei dargestellt sei und verwies auf Ihre Flugfernreise wenige Wochen vor Ihren ersten Symptomen. Was halten Sie dem entgegen?

Die Flugreise wurde auch ausführlich im Gutachten erläutert und der Gutachter kam weiterhin zu dem Schluss, dass die Antibabypille Yasminelle bei mir zumindest mitursächlich ist, wenn nicht sogar hauptursächlich. Es ist mir daher eben schleierhaft, wie das Gericht zu diesem Urteil kommen konnte.

Wollen Sie in Berufung gehen?

Wir werden erst einmal die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, das wird einige Wochen dauern. Mein Anwalt wird das Urteil dann genau prüfen. Sollte es juristisch möglich sein, möchte ich aber auf jeden Fall in Berufung gehen.

Was erhoffen Sie sich davon?

Dass andere Richter, ein höheres Gericht diesen Fall aus anderer Sicht heraus bewertet. Womöglich hat das Oberlandesgericht Karlsruhe vielleicht andere Möglichkeiten als das Landgericht in Waldshut. Ich weiß nicht, was mich erwartet, aber es kann so noch nicht zu Ende sein.

Mit welchem Urteil wären Sie denn zufrieden?

Nach wie vor mit einem Urteil gegen Bayer.

Soll die Pille dann auch vom Markt genommen werden?

Das kann ein Gericht nicht bestimmen, sondern das müsste das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Berlin entscheiden. Das Institut ist dafür zuständig, Zulassungen zu erteilen und diese auch wieder zu entziehen. Aber ja, das wäre wünschenswert.

Sie haben Ihren erlernten Beruf der Tierärztin nicht ergreifen können. Wie sehr hat Sie Ihre Erkrankung eingeschränkt?

Gerade in der Medizin muss man körperlich zu hundert Prozent fit und psychischen Belastungen gewachsen sein. Ich habe ein Lymphödem und eine Blutflussstörung im linken Bein und kann deshalb nicht lange stehen, ich darf nicht mehr als fünf Kilo tragen, weil mein Brustkorb geöffnet wurde. Auch psychisch bin ich nicht mehr so belastbar und leide nach den Ereignissen auch unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Deshalb kann ich meinen erlernten Beruf nicht ausüben.

Sie arbeiten heute als freie Journalistin, Fühlen Sie sich wohl damit?

Inzwischen fühlt es sich nicht mehr so arg wie ein Plan B an, es ist ja schon ein schöner Beruf. Ich hab verschiedene Auftraggeber, Zeitschriften, Zeitungen, PR-Agenturen. Das passt inzwischen. Muss es ja auch.

Und wie sieht es mit Ihrer neuen Heimat in der Ortenau aus?

Ich mag Bad Säckingen schon sehr, da komme ich her und hoffe auch, irgendwann dorthin zurückzukommen, aber es ist auch schön in der Ortenau.