Die Fasnacht ist unpolitisch, dachte man lange. So unpolitisch wie der Schmuck des Weihnachtsbaums. Der Gedanke der dem Alltag entrückten Fasnacht hatte stets seinen eigenen Charme. Für einige Tage tauchen Menschen in eine fröhliche Welt ab. Eine Escape-Taste, um dem Alltag zu entkommen. Mit ihrem gewohnten Leben und der Politik hatte das alles nichts zu tun, hieß es. Diese Idee ist schön, doch leider ist sie krottenfalsch.

Wie sehr das Brauchtum mit dem Zeitgeist verbandelt war, zeigen aktuelle Forschungen. Der Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler ging dieser Frage für Konstanz und Stockach nach – beides Hochburgen, die zu Recht stolz sind auf ihre Traditionen. In beiden Städten startete ein ehemaliger NS-Funktionär nach 1945 eine zweite, dieses Mal närrische Karriere.

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Seine Lieder wurden bis vor Kurzem angestimmt und im SWR-Fernsehen übertragen. Seit einigen Monaten ist der Schmetterer "Ja, wenn der ganze Bodensee..." offiziell gestrichen. Man wird die gekonnte Melodie sicherlich noch hier und da singen oder hören. Fasnacht wäre der falsche Anlass, um Lieder zu verbieten; auch ein beschädigtes Lied ist ein Lied. Nur, die Aura des Harmonischen hat es verloren. Seine Unschuld ist weg.

Es wäre ungerecht, nur den Einzelfall Konstanz zu betrachten. Die Fasnacht im Dritten Reich konnte nur überleben, wo und wann sie sich anpasste und den NS-Staat als ordnenden Rahmen akzeptierte. Den Rest besorgten die Akteure selbst: In Schwenningen beispielsweise wurden Wagen auf den Umzug geschickt, die offen gegen Juden und Sinti hetzten. Und in Stockach spielten die Teilnehmer das faschistische Italien von Mussolini nach. Die Reihe dieser brisanten Beiträge lässt sich fortsetzen, zumal das NS-Regime nicht nur aus einigen hundert braunen Uniformen bestand. Vielmehr profitierten weite Teile der Bevölkerung und unterstützten die Politik Hitlers in den ersten Jahren – auch an Fasnacht.

Die NS-Machthaber hatten deshalb guten Grund, den Mummenschanz laufen zu lassen. Masken und Umzüge konnten nicht weiter gefährlich werden, solange sie von Zünften und Vereinen eingerahmt wurden. Zugleich war das Brauchtum nützlich: Es lenkte das Volk von den Ungeheuerlichkeiten ab, mit denen das Land nach 1933 konfrontiert war. Während bis Kriegsbeginn 1939 die Fasnacht gefeiert wurde, füllten sich gleichzeitig die ersten Konzentrationslager mit Verfolgten. Die städtischen Umzüge führten an Häusern vorbei, die leerstanden oder bereits arisiert waren.

Wintergeist gegen Christliches

Als nach der Kapitulation das öffentliche Leben zaghaft erwachte, waren Masken vorne dabei. Während in fast alle Lebensbereiche hineingeleuchtet wurde, galt das Brauchtum als unbeschädigt. Die Zünfte passten in den konservativen Geist der 50er Jahre. Wenigstens etwas, auf das man stolz sein durfte! Das Enttarnen vermeintlich harmloser Bühnenauftritte wurde erst viel später eingeleitet. Kein Wunder: Die Elferräte und Zunftmeister sahen kaum Anlass zum Wechsel. Warum auch, wo Humor doch unpolitisch ist?

In mindestens einem Punkt wirkt der Einfluss von NS-Ideologen bis heute fort. Dabei geht es um die Frage, woher die Fasnacht kommt und was dahinter steckt – für alles, was mit Tradition zu tun hat, ist das eine entscheidende Frage. Willige Volkskundler in Diensten des Regimes hatten das Maskentragen mit dem Austreiben des Winters erklärt. Das klang plausibel und passte in die Jahreszeit, da es an Fasnacht oft schneit (dass es nach Fasnacht noch schneit, störte niemand).

Die Winter-Theorie passte perfekt in das NS-Weltbild mit seiner germanischen Grundierung, die eine überragende Absicht hatte: Der Germanenzauber sollte die christlichen Wurzeln der närrischen Tage ausreißen und neu-heidnisch aufforsten. In mindestens diesem Punkt war der NS-Ideologe Rosenberg erfolgreich: Die Story mit dem Winteraustreiben wird bis heute gerne erzählt und gehört.

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