Wer diese Zeilen liest, muss ein vernünftiger Mensch sein. Sie haben ausgeschlafen und verfolgen das Geschehen in der besten aller Regionalzeitungen. Dazu rühren Sie im Kaffeesatz. Draußen lärmt es schon wieder. Trommeln in der Frühe, Glocken, Fetzen von Katzenmusik dringen an Ihr geschultes Ohr. Selbst bei größter Konzentration entkommen Sie dem Rasen und Rattern nicht. Man nennt es Fasnacht, Fastnacht, Fasnet, Fasching, Karneval. Alles richtig, denn Narretei ist kein Fall für den Duden. Spätestens jetzt fängt es an zu kribbeln. Der Fasnachtsvirus greift. Wenn Sie soweit sind, wird es Zeit für einige Tipps für den Quereinsteiger und Spätzünder. Motto: Fettnäpfchen erkennen, Fettnäpfchen betreten!

An Fasnacht verkleiden sich alle, heißt es immer. So ein Unsinn, denn wer nicht erkannt werden will, kleide sich wie immer. Die größten Narren sind ganzjährig unterwegs und jederzeit zu besichtigen. Schalten Sie einfach Ihren Fernseher ein!

Mit dem Maskieren verhält es sich so: Jeder gibt sich in den kommenden Tagen als das, was er gerne wäre. Die Vollschlanken gehen als Sportler, die Dünnen als Dicke. Die schönsten Frauen am Schmutzigen Donnerstag sind im wirklichen Leben Männer. Die Jungen spielen Cowboy. Chefs verkleiden sich als Müllmänner, was ebenso tief blicken lässt wie ihre rußigen Gesichter. Bis zur Kenntlichkeit verkleidet tanzen die Menschen durch die Gassen.

Noch eine Überraschung: Sie werden nichts verstehen, wenn Sie nicht aus der Gegend stammen. Der Eingeborene, den man sonst als netten Nachbarn kennt, reimt unverständlich. Es handele sich um alte Narrensprüche, sagt er. Schon das Zuhören tut weh. Hier gilt es, das Fettnäpfchen zu vermeiden, also die Menschen aussprechen lassen und den besten Vers auswendig lernen. Der Teufel sitzt im Detail: Ein gutgemeintes Hellau kommt bei den Muttersprachlern nicht gut. Die Ureinwohner nehmen das übel, denn Fasnacht ist eine ernste Sache. Darin ist sich die große Koalition der Humoristen einig.

Zum Klimbim dieser Tage zählen auch die Orden, die verschwenderisch verliehen werden. Sie wurden einst eingeführt, um den Ordenskult der Preußen ins Lächerliche zu ziehen. Das ist die offizielle Begründung, die wie alle offiziellen Begründungen etwas verschweigt. Tatsächlich werden Plaketten und Lametta mit viel Stolz und aufrechtem Kinn getragen, seit es kaum mehr ordentliche Orden gibt. Von wegen Parodie! Also hängen sich Zunftmeister kiloweise vom Buntmetall an die Brust. Aus der Parodie auf die Ordnung ist eine neue Ordnung geworden. Mancher Obernarr läuft herum wie einst die Marschälle der Sowjetunion.

Achtung, Promi

Ein gemeines Fettnäpfchen lauert in der Prominenz. Die Mitglieder der örtlichen VIP-Szene wollen auch an Fasnacht erkannt und honorig behandelt werden. Sie erhalten Spezialplätze und werden hofiert. Und das aus gutem Grund: Die Fasnacht hält im besten Fall fünf Tage. Die übrigen 360 Tage sind Alltag. Man wird es sich wegen einiger schöner Stunden nicht mit der Obrigkeit verderben wollen.

Das war früher anders, wenn man den Chroniken glauben darf. Da waren die unteren Schichten unter sich und feierten, was das Zeug hielt. Ihr Häs war dürftig. Einen Katalog für frische Verkleidungen gab es noch nicht. Selbst der Wirtshausbesuch war schon hochgegriffen. Viele taten sich zuhause gütlich, bevor sie auf die Gasse gingen.

Natürlich dürfen alle mitmachen. Dürfen sie wirklich? Immer wieder kommt es vor, dass eine neue Gruppe nicht mitlaufen darf, weil sie nicht in die Tradition passt. Zuletzt die Schattengeister in Villingen. Die Familie der Perchten sieht in der Tat so schauerlich aus, dass nicht nur Kinder erschrecken. Aber deshalb gleich verbieten? Solange sie friedlich sind, ist nichts einzuwenden. Eine schrecklich nette Monsterfamilie eben, die Nachwuchs bringt.

Fazit: Wer das Außergewöhnliche im Gewohnten liebt und Fettnäpfe sucht, wird eine gute Zeit haben. In diesem Sinne eine glückselige Fasnacht.