Über allem lag der Geruch von Diesel. Über den Tagen, die sie dahin schipperten, ohne ein sinkendes Boot zu sehen, und über den Tagen, an denen sie, wenn es dämmerte, nicht mehr wussten, ob es Tag oder Nacht wird. "Man denkt, man kommt an eine Grenze, man kann nicht mehr. Und gleichzeitig weiß man, wenn noch ein Tag gekommen wäre, man hätte auch den noch geschafft."

Als Susanne Salm-Hain diesen Satz sagt, sitzt sie an einem sommerlichen Nachmittag in einem Café in der Villinger Innenstadt, tausende Kilometer entfernt von der libyschen Küste und nähert sich doch mit jedem Schluck Eistee, mit jedem gesprochenen Wort dem Mittelmeer wieder an. Eineinhalb Jahre hat sie dort Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Sie weiß: Der Wille stirbt zuletzt.

Die 49-jährige Susanne Salm-Hain stammt aus Villingen.
Die 49-jährige Susanne Salm-Hain stammt aus Villingen. | Bild: Anja Greiner

Das gilt für die Flüchtlinge und das gilt für sie selbst. Susanne Salm-Hain ist gebürtige Villingerin, 49 Jahre alt, hat braune Haare und feine Gesichtszüge, trägt Jeans und T-Shirt. Sie ist kein Gutmensch, keiner, der die Welt retten will. Nach dem Architekturstudium geht sie zur See, überführt erst Jachten, dann absolviert sie eine Ausbildung zur Seenotretterin bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Das Einzige, das größer ist als ihr Wille, ist ihr Herz.

Als sie im September 2015, dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, die Bilder von ertrinkenden Menschen sieht, beschließt sie zu handeln. Weniger aus Selbstlosigkeit, mehr aus Pflichtgefühl. Sie ist ausgebildet, Menschen in Seenot zu retten. "Einen Feuerwehrmann fragt auch keiner, warum er das Kind aus dem Haus gerettet hat", sagt Salm-Hain. "Es hat nichts mit Politik zu tun, es hat nur damit zu tun, dass man jemanden vor dem Ertrinken rettet."

Sie beschafft sich ein Boot. Die Minden, 23,3 Meter lang, 5,5 Meter breit, drei Kammern, ist ein ausgedientes Seenotrettungsschiff. Den Eigner überzeugt sie, das Boot erneut zur Rettung einzusetzen. Die Minden wird, nach einem offiziellen Hilfeersuchen von Griechenland, von der DGzRS nach Lesbos überführt. Drei Monate sind sie dort im Einsatz, solange, bis das Türkeiabkommen greift und keine Flüchtlinge mehr durchkommen. Sie hätten nach Deutschland zurückgekonnt, aber sie fuhren nach Libyen.

Bis zu 167 Menschen hat die Minden einmal aus einem Boot gerettet.
Bis zu 167 Menschen hat die Minden einmal aus einem Boot gerettet. | Bild: Sebastian Wierling

Es dauert drei Stunden, bis 167 Menschen aus einem sinkenden Schlauchboot gerettet sind. Bis sie mit dem Beiboot zur Minden gebracht werden, über die Reling gehievt, an Deck verteilt, mit Decken abgedeckt und dem Nötigsten medizinisch versorgt werden. Die Besatzung – meist acht Mann – kann sich während der Zeit an Deck nur an der Reling entlang hangeln. Zu eng liegen die Menschen beieinander, als dass man durchlaufen könnte. Einmal beladen, warten sie, bis die italienische Küstenwache oder Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen ihnen die Menschen abnehmen. Mal warten sie drei Stunden, mal acht. Es ist Mitte März 2017, als sie einmal die ganze Nacht warten müssen.

Es regnet in Strömen, gerade haben sie 139 Menschen aus einem sinkenden Boot gerettet. Einen Mann hatten sie versucht, an Bord wiederzubeleben. Vergebens. Irgendwann lautet die Vorhersage auf Sturm und die Ansage aus Italien: Heute kommt keiner mehr. Die meisten waren inzwischen so unterkühlt, sie hätten nicht mehr lange überlebt. Ihre einzige Chance: Zurück nach Malta, der Liegeplatz des Schiffes. 13 Tage waren sie meist am Stück auf See. In Malta wurde getankt und Proviant an Bord gebracht: Rettungswesten, Trinkwasser, Notrationen für Babys.

Auf dem Boot werden die Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgt. Um keine Unruhe in die Menschenmasse zu bringen, gibt es nur in Ausnahmefällen auch etwas zu essen.
Auf dem Boot werden die Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgt. Um keine Unruhe in die Menschenmasse zu bringen, gibt es nur in Ausnahmefällen auch etwas zu essen. | Bild: privat

So beladen würden sie 30 Stunden brauchen. Sie wissen: Wer an Deck bleibt, würde von den Wellen weggespült werden. Die Menschen müssen nach unten. Die Kammern, die Kombüse, der Maschinenraum: Als jeder Raum im Boot besetzt ist, sind noch 50 Menschen übrig. Einzig im kleinen Rettungsboot ist noch Platz. Decke, Mensch, Decke, Mensch. So liegen sie dann. Sie wollen gerade losfahren, da kommt die Nachricht aus Italien: Sie schicken doch noch einen Frachter, der ihnen die Menschen abnimmt.

Susanne Salm-Hain hat nie gezählt, wie viele Menschen sie gerettet hat. Sie setzt nicht gerne Zahlen vor Menschen. Nicht vor die Lebenden und schon gar nicht vor die Toten. "Zahlen", sagt sie "sollen begreifbar machen, was nicht begreifbar ist".

Die Boote, auf denen dei Flüchtlinge ankommen, werden, wenn die Menschen gerettet sind, angezündet, damit die Schleuser sie nicht noch einmal verwenden können.
Die Boote, auf denen dei Flüchtlinge ankommen, werden, wenn die Menschen gerettet sind, angezündet, damit die Schleuser sie nicht noch einmal verwenden können. | Bild: Susanne Salm-Hain