Den größten Teil übernimmt der Bund. Das Land wird sich mit mehreren Hundert Millionen Euro beteiligen. Es handelt sich also um ein gemeinsames Projekt, mit dem der Verkehr in die Zukunft gebracht werden soll.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will den Ausbau in drei großen Stufen vorantreiben. Dies geht aus der Kabinettsvorlage zur Elektrifizierung des baden-württembergischen Schienennetzes hervor. Das Konzept soll am Dienstag im Kabinett verabschiedet und am Freitag danach von Hermann offiziell in Stuttgart vorgestellt werden. 

Sind die drei Ausbaustufen umgesetzt, wären „fast 3900 Kilometer und 95 Prozent des gesamten Schienennetzes in Baden-Württemberg elektrifiziert“, schreibt Hermann in der Vorlage. Bis dahin ist aber noch viel Arbeit zu tun – politisch und erst recht handwerklich.

Arbeit von Jahrzehnten

In einem ersten Abschnitt sollen größtenteils bis zum Jahr 2023 sechs Elektrifizierungsprojekte unabhängig voneinander im Südwesten umgesetzt werden. Diese sind bereits in Bau oder in Planung. Gefordert wird deren Umsetzung schon lange. Dazu gehören die Schönbuchbahn (sie führt von Böblingen nach Dettenhausen), die Breisgau S-Bahn im Raum Freiburg, die Südbahn (Ulm nach Lindau), die Allgäubahn (Memmingen nach Lindau), die Regionalstadtbahn Neckar-Alb und die Hochrheinbahn (Basel nach Singen). Sie sind unter der Priorität eins eingestuft. Hier werden insgesamt 514 Kilometer elektrifiziert. Das sind zwölf Prozent des gesamten Schienennetzes, so wurde in Stuttgart dazu ausgerechnet.

Die zweite Tranche soll bis zum Jahr 2025 komplett elektrifiziert sein. Dazu zählen die Hohenlohebahn (Öhringen nach Schwäbisch Hall) im Norden von Baden-Württemberg. Dazu kommen im Süden die Zollernbahn (Albstadt nach Sigmaringen), der Ringzug Schwarzwald-Baar-Heuberg, die Nagoldtalbahn (Horb nach Nagold), die Hermann-Hesse-Bahn (Calw nach Weil der Stadt) und die Bodenseegürtelbahn (Radolfzell nach Friedrichshafen). Hier soll die Quote um weitere fünf Prozent gesteigert werden.

Die dritte Gruppe umfasst die langfristigen Projekte, mit denen weitere 687 Kilometer dazukommen. Zu dieser Gruppe zählen die Donautalbahn (Ulm nach Tuttlingen), die Taubertalbahn (Crailsheim nach Wertheim) und die Brenzbahn (Aalen nach Ulm). Eine Realisierung der dritten Gruppe kann allerdings erst nach 2030 umgesetzt werden, heißt es in der Kabinettsvorlage aus dem Haus von Minister Winfried Hermann. Damit zählen sie zu den Zukunftsvorhaben.

Hintergrund des ehrgeizigen Konzeptes ist, dass sich Grün-Schwarz im Koalitionsvertrag auf eine „Elektrifizierungsoffensive“ geeinigt hat. So steht es im Koalitionsvertrag von 2016. Nun gehen die beiden politischen Partner an die praktische Umsetzung. Baden-Württemberg besitzt aktuell ein Schienennetz von rund 4100 Streckenkilometern. Knapp 2500 Streckenkilometer oder rund 60 Prozent des Netzes sind bisher elektrifiziert. Das wird als zu gering eingestuft.

Eine Rolle spielen auch die Stimmen und Kommentare der Kunden. Die alten Dieselloks, die derzeit über die Hochrheinbahn ziehen, sind über die Jahre laut geworden. Es ist kein besonders komfortables Reisen. Mit der Elektrifizierung würden auch neue Loks auf die Gleise gesetzt. Damit wächst die Hoffnung, dass die Fahrzeuge in Zukunft geräuschärmer unterwegs sind. Für die Fahrt von Radolfzell nach Basel benötigt ein Reisender etwa zwei Stunden. Eine leisere Lok könnte manche Reise komfortabler und schonender für die Ohren machen.

Hochrheinbahn

Die Hochrheinbahn bezeichnet die Strecke von Basel (Badischer Bahnhof) bis Konstanz (144 Kilometer insgesamt). Die heutige Bahnstrecke ist mehr als 150 Jahre alt. Der erste Abschnitt von Basel bis Waldshut wurde bereits 1856 eröffnet und auch befahren. Die Strecke lag bereits damals am Rande der großen Verkehrsnetze Deutschlands. Umso wichtiger war sie für die Erschließung des Hochrheins und der angrenzenden Waldgebiete im Schwarzwald. Sie verband Städte wie Säckingen oder Waldshut mit dem fernen Konstanz sowie mit dem Bodenseeraum. Für die Erschließung und Verbindung der bisher getrennten Teile des Großherzogtums Baden war die Hochrheinbahn von zentraler Bedeutung. Wenig später kam noch die Schwarzwaldbahn durch das Kinzigtal hinzu. Die Trasse von Singen bis Offenburg ist bereits vollständig mit Stromleitungen ausgerüstet und der Hochrheinbahn rein technisch gesehen voraus. (sk)