Ein aufmerksamer Leser hat es sofort gemerkt: Bei dem Bild, das den Besuch der Sternsinger im Kanzleramt in Berlin zeigt, fehlt eine wichtige Person – der schwarze König Caspar. Jedes dritte Kind hat demnach auf das Schminken des Gesichts verzichtet. Dabei stellt sich automatisch die Frage: Warum tun sie das, wo die 27 Gruppen aus den 27 Diözesen sonst immer mit dunklem Gesicht erscheinen? Auch in der Hauptstadt, wo man für katholische Bräuche erfahrungsgemäß wenig übrig hat?

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Dieses Mal ist die Politik unschuldig. Der Empfang der Sternsinger wird vom Kindermissionswerk (Aachen) organisiert. Dort laufen die Fäden zusammen, dort wird auch je eine Gruppe pro Diözese nach Berlin eingeladen, um dem Anliegen (Kinder helfen Kindern) öffentliches Gewicht zu verschaffen.

"Wir geben den Kindern den Rat, sich nicht schwarz zu schminken"

Das klappt bisher auch tadellos. Niemand hat sich, soweit bekannt, darüber beschwert, dass eines der drei Kinder nach alter katholischer Tradition als Afrikaner auftritt. Woran liegt es, dass in dem prächtigen Gruppenbild nur die Kanzlerin geschminkt ist, die Kinder aber bleichgesichtig aus ihren Brokatgewändern schauen?

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Das Kindermissionswerk hat dafür eine Erklärung, die aber fadenscheinig daher kommt. "Wir geben den Kindern den Rat, sich nicht schwarz zu schminken. Man trifft die Kanzlerin nur einmal im Leben", sagt Thomas Römer im Gespräch mit dieser Zeitung. Besonders aufschlussreich ist das nicht, zumal die Kanzlerin häufig und gerne in Afrika weilt. Römer setzt nach: "Die Kinder wollen schließlich, dass die Großmütter sie auf dem Bild erkennen." Mit schwarz-braun angemaltem Gesicht sei das nicht möglich.

Berlin gilt als schwieriges Gelände

Klingt weit hergeholt. Der wahre Grund dürfte woanders liegen: Im politisch sensiblen Umfeld trauen sich die Verantwortlichen nicht, Farbe zu bekennen. Und Farbe heißt: Die drei Könige oder Magier, um die es geht, kommen aus drei verschiedenen Weltgegenden und sollen verschieden aussehen. Nun könnte es jemand als Diskriminierung empfinden, wenn sich weiße Menschen dunkel schminken. Könnte. Berlin gilt als schwieriges Gelände. Die Katholiken dort leben in der Diaspora, nur jeder Vierte in der Hauptstadt ist Mitglied einer Kirche.

In Hondingen (bei Blumberg) ist es kein Problem: Ein Sternsinger ist schwarz geschminkt. Bild: Patrick Bäurer
In Hondingen (bei Blumberg) ist es kein Problem: Ein Sternsinger ist schwarz geschminkt. | Bild: Patrick Bäurer

In Baden-Württemberg sieht es schon anders aus. Auch bei Winfried Kretschmann klopfte eine Delegation aus dem Orient an, eines der Kinder war als schwarzer König erkennbar.

Auch in weiten Teilen Südbadens lassen sich Pfarreien und Mütter nicht von Berliner Gefühlslagen beeindrucken. Die Mehrzahl der Sternsinger hatte einen König Caspar in der Mitte, dessen Gesicht geschwärzt war. Übrigens findet sich zwischen Lörrach und Friedrichshafen keine einzige Stimme, die sich über Caspars Aussehen beschwert hätte.

Auch in Waldshut gilt Schwarz: Valentina Paola (links) schminkt Judith Maier als Caspar. Bild: Vivien Ebner
Auch in Waldshut gilt Schwarz: Valentina Paola (links) schminkt Judith Maier als Caspar. | Bild: Vivien Ebner

Der Hintergrund des gekrönten Mohren

Caspars Pigmentierung wird in Städten seit einigen Jahren diskutiert – meist von Menschen, die der Kirche im Allgemeinen und dem Dreikönigstag im Besonderen fernstehen. Sie sehen den Caspar als "Problem-König", wie in der Frankfurter Rundschau zu lesen ist. Die Schminke wird als Zeichen der Verachtung und Herablassung den Menschen gegenüber aufgefasst, denen eine andere Hautfarbe in die Wiege gelegt wurde. Im vorauseilenden Gehorsam wurde den Kindern nahegelegt, dieses Jahr nicht in den Farbkasten zu greifen.

Dabei geht es um etwas anderes als um die reflexhaft vorgebrachte Formel vom Rassismus. Der Hintergrund des gekrönten Mohren ist ein anderer: Seit dem Mittelalter wird einer der Könige mit einem dunklen Gesicht dargestellt. Dies geschieht freilich nicht, um ihn rangmäßig abzuwerten; er ist König wie seine beiden Kollegen auch, er trägt ebenso Krone und kostbaren Mantel und bringt Myrrhe.

Schwarz ist er deshalb, weil er Afrika vertritt. Die anderen Könige Melchior und Balthasar vertreten Europa und Asien. Zusammengenommen sind das jene drei Kontinente, die im Mittelalter bekannt waren. Das Dreigestirn repräsentiert die damals greifbare Welt. Die Drei beugen vor einem kleinen Kind das Knie. Darum geht es. Eine sehr einfache Geschichte – zu einfach für ein postmodern ausgelaugtes Denken.