Religiöser Glaube gegen menschliche Triebe. Der Frage, wer diesen Zweikampf gewinnen würde, sind wir nachgegangen. Die Recherche spülte zwei Wahrheiten ans Tageslicht: Die offizielle, nach der der Glaube stärker ist und den menschlichen Trieb unterdrückt. Und die inoffizielle, nach der der menschliche Trieb auch vom religiösen Glauben nicht abgewürgt werden kann.

Der eine Islam existiert nicht. Gelehrte versuchen seit Jahrhunderten, diese Religion zu definieren. Sollte eine Frau vor der Hochzeit Sex haben, sinken die Chancen, einen Ehemann zu finden.

Und doch halten sich einige Moslems nicht an diese Regel – eine Parallele zu Christen und Juden. Der Zugang zu den Menschen gestaltet sich bei dieser Thematik schwierig. Einige Befragte reagierten mit Verschwiegenheit, schauten verschähmt zu Boden oder gingen ihres Weges. Sex zum Zwecke der Fortpflanzung sei in Ordnung, Selbstbefriedigung für unverheiratete Männer zu tolerieren, wenn dadurch eine Vergewaltigung verhindert würde, berichtete ein Pakistani, der nach seiner Aussage in der Heimat Wissenschaftler war.

So sehen die Piktogramme aus, mit denen zanzu.de Aufklärung betreibt.
So sehen die Piktogramme aus, mit denen zanzu.de Aufklärung betreibt.

Darüber reden ist eine Sache, seinen Namen preiszugeben oder gar mit Bild in der Tageszeitung zu erscheinen, eine andere. „Wir sind auch nur Menschen“, sagt ein junger Iraker, der im Landkreis Konstanz auf die Auswertung seines Asylantrags wartet. Er ist modisch gekleidet, seine Haare sind blond gefärbt. „Freitag und Samstag gehen wir in Diskotheken und trinken Alkohol.“

Er ist zwar Moslem, „doch ich habe einen festen Glauben und kann trotzdem Bier trinken“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Natürlich lernen wir Frauen kennen. Und ja, natürlich gehen wir mit Frauen ins Bett.“ Die Herkunft der Sexualpartner spiele nur eine untergeordnete Rolle, „aber eine Muslima treffen wir eher nicht in der Disko. Meistens sind es deutsche Frauen.“ Seinen Namen möchte der Mann nicht nennen. „Wenn meine Eltern wüssten, wie wir hier leben, würde ich Ärger bekommen.“ Gewalt käme für ihn nie infrage. „Nein, nein“, sagt er in aller Deutlichkeit. „Ich kann nicht verstehen, warum in Köln Frauen sexuell bedrängt wurden. Das geht nicht. Wir würden das nie machen“, sagt er. Die Freunde nicken.

Islam und Homosexualität

Ortswechsel. Landkreis Sigmaringen. Der junge Mann aus Syrien bekennt sich zu seiner Homosexualität: „In meiner Heimat kann ich das nicht ausleben. Das geht nur im Untergrund, weil es gefährlich ist“, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er hat sogar Angst vor Repressalien bei einer möglichen Rückkehr nach Syrien, daher möchte er anonym bleiben. Die meisten Muslime gehen davon aus, dass Homosexualität widernatürlich ist und gleichgeschlechtlicher Sex eine Sünde darstellt. Im Iran, in Saudi-Arabien und in Nigeria droht nach Darstellung des syrischen Mannes die Todesstrafe.Ein Heimleiter aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis beobachtet jedes Wochenende, wie die Unterkünfte zu Partymeilen werden. „Diese Menschen sind ja weder gefangen noch isoliert“, sagt er.

Bild: zanzu.de

Ein anderer fügt lachend hinzu: „Wer weiß: Vielleicht haben wir bald schon viele deutsch-syrische oder deutsch-nigerianische Babys.“ Zum Vergleich – auch wenn die Voraussetzungen anders sind: Soldaten der Alliierten zeugten 66 700 Kinder mit deutschen Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland, so das Statistische Bundesamt. Hinzu kommen Zehntausende Kinder im Osten.Ein anderer Mann aus Syrien, Anfang 20, blickt verlegen zu Boden, als er auf das Thema Sexualität angesprochen wird. „Ich möchte nicht darüber reden“, sagt er schließlich. „Der Glaube verbietet mir das.“ Seine Freunde sind im selben Alter. Auch sie sind plötzlich schüchtern, nicht mehr so lustig wie zuvor. „Deutsche Frauen sind sehr hübsch“, sprudelt es aus einem dann doch heraus. „Ich möchte gerne eine deutsche Frau heiraten. Ich mag Kopftuch und Schleier nicht“, fügt er hinzu.Karen Krüger aus Waldshut-Tiengen, ausgewiesene Islam-Expertin und Journalistin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zu dieser Thematik: „Kopftuch und Schleier tragen viele Frauen aus spirituellen Gründen. Sie wurden aber auch das islamistische Parteisymbol. Aus dem politischen und moralischen Zwang seiner Anhängerinnen, eines zu tragen, wurde ein Bedürfnis.“ Die Disziplinierung und Politisierung des Körpers würde auch den Mann betreffen, denn die Islamisten nähmen die Sexualität als solche ins Visier. Karen Krüger: „In ihrer Sicht auf die Welt ist sie Skandal und Katastrophe, Mann und Frau schäumten derart über vor sexueller Energie, dass der Absturz ins Chaos droht.

Damit der Mann seine Triebe zügeln kann, muss die Frau sich bedecken.“Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat in Zusammenarbeit mit der belgischen Organisation Sensoa ein Onlineportal für Flüchtlinge geschaffen – zanzu.de. In dreizehn Sprachen gibt es Infos zu sechs Themenblöcken: Körper, Sexualität, Familienplanung und Schwangerschaft, Beziehung und Gefühle, Infektionen sowie Rechte und Gesetze. Unter dem Punkt Rechte und Gesetze wird beschrieben: „Niemand darf körperliche Gewalt, seelische Gewalt oder sexuelle Gewalt gegen die Partnerin/den Partner ausüben. Das heißt, es ist verboten die Partnerin/den Partner zu schlagen, ihr/ihm zu drohen oder sie/ihn zu vergewaltigen. Es ist verboten, die Partnerin/den Partner einzusperren.“ Was fehlt, ist der Zusatz, dass dies auch gegenüber fremden Personen gilt oder der Satz „Sexuelle Gewalt in Deutschland ist verboten“.Sexualpädagoge Thomas Hahn (siehe Interview), der für die Firma MySize in Singen unter anderem an Flüchtlinge Kondome verteilt, hält das Portal für gelungen: „Es ist geprägt von einer unspektakulären, sexualpositiven und am Individuum orientierten Haltung, die nicht wertet“, erklärt er. „Klasse ist, dass ich als Nutzer die Tiefe des Einstiegs in die Infos bestimme. Ich unterliege nicht der Angst, wegen Unwissenheit ausgelacht zu werden und hole mir mehr Info ein, als ich es mir im persönlichen Kontakt zutrauen würde.“ Der Haken: Kaum ein Heimleiter oder Flüchtling hat bisher etwas davon gehört.
 

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