Stuttgart – Inge Gräßle hat einen Packen CDU-Europawahlzeitungen in der Hand, auf dem Titel groß ihr Porträt. „Guten Tag, das bin ich, wollen Sie mich mit nach Hause nehmen?“ spricht sie gut gelaunt Passanten an und streckt ihnen ein Exemplar entgegen. Der Absatz ist bescheiden, kaum jemand bleibt stehen. Es nieselt, die Menschen auf dem Wochenmarkt vor dem Stuttgarter Rathaus haben es eilig an diesem Donnerstagvormittag und bestenfalls Augen für die Spargel- und Erdbeerberge an den Marktständen. Aber nicht für Inge Gräßle. Es ist ganz offensichtlich: Kaum jemand kennt sie. „Das macht mir nichts aus, ich nehme es nicht persönlich“, sagt sie und steuert den nächsten Passanten an.

Überzeugungsarbeit der Europaabgeordneten auf dem Stuttgarter Marktplatz.
Überzeugungsarbeit der Europaabgeordneten auf dem Stuttgarter Marktplatz. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Inge Gräßle, 58 Jahre alt, CDU-Politikerin aus Heidenheim und Mitglied des Europaparlaments seit 2004, ist eine der einflussreichsten Frauen des EU-Parlaments. Sie leitet den wichtigen Haushaltskontrollausschuss, hat Transparenzregeln und Budgetkontrollen initiiert, Abgeordneten ihre Champagner- und Reiseabrechnungen zusammengestrichen und sich als Berichterstatterin für das EU-Betrugsbekämpfungsamt Olaf Feinde wie den Ungarn Viktor Orbán gemacht, den sie wegen Vetternwirtschaft verfolgt.

Gräßle ist respektiert, vielsprachig und hartnäckig

Dass es ab 2020 einen EU-Antibetrugsstaatsanwalt geben soll, ist mit ihr Werk. Gräßle kann vielsprachig kommunizieren, gilt als detailkundig und hartnäckig. Im April wurde sie vom Brüsseler Politikmagazin „Politico“ auf Platz zwölf der wichtigsten EU-Abgeordneten der laufenden Wahlperiode gelistet, 16 Plätze vor dem CSU-Spitzenmann Manfred Weber, der EU-Kommissionspräsident werden will.

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Die promovierte Philologin Gräßle brennt für Europa. Das ist ihr Leben seit 15 Jahren, dazu ist sie Landesvorsitzende der Frauen-Union. Daneben ist nicht viel Raum. Die Südwest-CDU kann Umfragen zufolge bei der Europawahl am 26. Mai mit knapp 30 Prozent der Stimmen rechnen. Das reicht, um vier Abgeordnete ins EU-Parlament zu schicken.

Aber Inge Gräßle steht auf Platz fünf. Hinter vier Männern.

Gräßle weiß: Es könnten ihre letzten Tage als EU-Parlamentarierin sein. Was das mit ihr macht, lässt sie sich nicht anmerken. „Ich kämpfe um jede Stimme“, sagt sie, „und wenn es nicht reicht, akzeptiere ich das Votum des Wählers und bin der CDU dankbar für diese Jahre, in denen ich viel mehr bewegen konnte, als ich es je gedacht hätte. So ist Politik, man hat ein Mandat auf Zeit.“

Der Wähler hat nur eine Stimme, und die geht an eine Partei – nicht an eine Person.

Im Vorfeld der Listenzusammenstellung hatte es viel Unruhe um Gräßles schlechte Platzierung gegeben. Der Grund: In der Südwest-CDU setzen die vier Landesbezirke abwechselnd ihre Kandidaten auf die Liste. Der Wähler hat hier nichts zu melden, bei der Europawahl hat jeder nur eine Stimme, und die kann er keiner Person, sondern nur einer Partei geben. Inge Gräßle gehört zum CDU-Landesbezirk Nord-Württemberg. Für diesen sitzt seit 1997 Rainer Wieland im EU-Parlament, der 62-Jährige tritt wieder an.

Die CDU hasst Kampfkandidaturen

Weil danach mit Daniel Caspary (Nordbaden), Andreas Schwab (Südbaden) und Norbert Lins (Süd-Württemberg) ebenfalls amtierende EU-Abgeordnete wieder antreten, bleibt für Gräßle nur Platz fünf. „Sie hätte doch gegen Wieland antreten können“, heißt es in der Partei. Doch Gräßle weiß selbst, was auch in der Partei zu hören ist: Sie hätte keine Chance gehabt. Mit ihrer zuweilen harschen Art hat sie außer der Frauen-Union kaum eine Lobby. Wieland dagegen ist beliebt und bestens vernetzt. Und die CDU hasst Kampfkandidaturen. Einzig Bezirkschef Steffen Bilger hätte Wieland bitten können, mit Gräßle den Platz zu tauschen. Er tat es nicht.

Die CDU-Politikerin hat keinen Plan B

Was macht Inge Gräßle, wenn am 2. Juli das neue EU-Parlament erstmals zusammentritt und sie nicht mehr dabei ist? „Ich weiß es nicht“, sagt Inge Gräßle. „Es gibt keinen Plan B. Ich werde mich wieder ins Leben integrieren.“ Bis zur Wahl jedenfalls absolviert sie jeden Tag noch Termin um Termin. Erklärt Wählern geduldig, warum Europa wichtig ist. Auf dem Stuttgarter Marktplatz trifft sie aber dann doch noch auf zwei Damen, die sie freudig begrüßen.

Unterstützung: Inge Gräßle (Mitte) trifft auf dem Stuttgarter Marktplatz mit Resi Beckmeier (links) und Gisela Ehwald-Scheunert zwei alte Bekannte aus der Arbeit im Landesfrauenrat wieder.
Unterstützung: Inge Gräßle (Mitte) trifft auf dem Stuttgarter Marktplatz mit Resi Beckmeier (links) und Gisela Ehwald-Scheunert zwei alte Bekannte aus der Arbeit im Landesfrauenrat wieder. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Gisela Ehwald-Scheunert und Resi Beckmeier waren einst mit Gräßle im Landesfrauenrat aktiv. Beide wünschen Gräßle viel Glück bei der Wahl. „Wir sind stinksauer, was die CDU-Männer mit dir gemacht haben“, schimpft Ehwald-Scheunert. Gräßle lächelt. Das passiere ihr derzeit überall, sagt sie. „Mir schlägt Mitleid entgegen. Das fühlt sich ulkig an. Mitleid habe ich definitiv nicht verdient.“