Eine Geschichte, die das Leben schreibt: Ein Ostfriese kommt zum Studium nach Baden-Württemberg. Er lernt also Schwäbisch. Dann kommt Diedrich Onnen als Pfarrer an den Bodensee und lernt Badisch. Im Ruhestand verschlägt es den beliebten Seelsorger, 67, nach Vorarlberg.

Diedrich und Iris Onnen in der evangelischen Kirche von Uhldingen-Mühlhofen im Bodenseekreis. Dort war Onnen bis 2016 Pfarrer. Bild: Uli Fricker
Diedrich und Iris Onnen in der evangelischen Kirche von Uhldingen-Mühlhofen im Bodenseekreis. Dort war Onnen bis 2016 Pfarrer. Bild: Uli Fricker | Bild: Fricker, Ulrich

Dort machte er eine verblüffende Erfahrung: Er versteht kein Wort. Warum er überhaupt umgezogen ist? Seine Frau Iris stammt aus Schruns im Montafon. Für sie gab es nichts anderes als zurück nach Vorarlberg.

Das könnte Sie auch interessieren

Für Ihren Mann Diedrich war das ein Kulturschock. So schreibt er es in seinem kleinen feinen Buch "Wurschtland". Mit Wurschtland meint er seine neue Heimat Vorarlberg, wo die Einheimischen sagen, dies oder jenes sei ihnen "wurscht". Erst mühsam, dann mit immer mehr Freude arbeitete sich der Pfarrer i. R. in die Mundart in Dornbirn und Bregenzer Wald ein. Inzwischen versteht er auch seine zahlreichen Schwager und Schwägerinnen, die er bei den beliebten Familientreffen in Schruns trifft.

Diedrich Onnen liest aus seinem Buch „Wurschtland – Ein Ostfriese in Vorarlberg“. Bild: Kleinstück
Diedrich Onnen liest aus seinem Buch „Wurschtland – Ein Ostfriese in Vorarlberg“. Bild: Kleinstück | Bild: Kleinstück, Holger

Der Dialekt wird weniger. Nicht in Vorarlberg, aber in Baden oder Württemberg. Wie passt es dann dazu, dass Mundart-Theater derart erfolgreich ist? Im SWR-Fernsehen beispielsweise ist "Hannes und der Bürgermeister" ein Publikumsrenner. Der Amtsbote Hannes (Albin Braig) und sein Bürgermeister (Karlheinz Hartmann) schwätzen im schwäbischen Dialekt erfolgreich über die großen und kleinen Dinge des Lebens. Warum sehen das die Leute gerne? Weil man manches im Dialekt besser ausdrücken kann. Hannes zum Beispiel ist vielleicht nicht hochintelligent, aber unbedingt "gnitz". Eines der Worte, die man nicht gescheit übersetzen kann. Mundart eben.

Dialekt im Rathaus: "Hannes und der Bürgermeister".
Dialekt im Rathaus: "Hannes und der Bürgermeister". | Bild: Leo-Tippbilder

Warum sprechen die Schwaben anders als die Badener? Eigentlich sind das alles Alemannen – wie auch Elsässer und die deutschsprachigen Schweizer Alemannen sind. Und natürlich die Vorarlberger, zu denen es Diedrich und Iris verschlagen hat. Der Dialekt ist eine Wissenschaft, sagen viele Germanisten. Einer davon ist der Sprachwissenschaftler Hubert Klausmann aus Tübingen. Er war bei der Entwicklung des ersten "Sprechenden Sprachatlas" von Baden-Württemberg dabei. Dabei kann man einzelnen Hörproben abrufen. Gut daran sind die lokalen Unterschiede. Wo sagt man "gsi" und wo "gwäa"?

Mundart zum Hören: Hubert Klausmann war am ersten "Sprechenden Sprachatlas" von Baden-Württemberg beteiligt. Bild: dpa
Mundart zum Hören: Hubert Klausmann war am ersten "Sprechenden Sprachatlas" von Baden-Württemberg beteiligt. Bild: dpa | Bild: Christoph Schmidt

Auf den Dorfbühnen ist der Dialekt unverzichtbar. Die Schwänke, die in Baden aufgeführt werden, würden im Hochdeutschen gar nicht funktionieren. Dialekt wird als nuancenreich und lustig, Hochdeutsch als kühl und steif empfunden. Die Theatergruppe der Burgzunft Hammereisenbach (Schwarzwald-Baar-Kreis) führte vor einigen Wochen das Stück "Heuernte mit Hindernissen" auf. Der Text selbst stammt aus Bayern!

Ein bayrischer Schwank im Schwarzwald: Die Theatergruppe der Burgzunft Hammereisenbach führte das Stück „Schau mer, dass ma's Heu hoambringe“ auf.
Ein bayrischer Schwank im Schwarzwald: Die Theatergruppe der Burgzunft Hammereisenbach führte das Stück „Schau mer, dass ma's Heu hoambringe“ auf. | Bild: Leo-Tippbilder

Das Abweichen von der (sogenannten) Hochsprache beschäftigt viele Länder. Deshalb war die Dialekt-Komödie "Willkommen bei den Sch'tis" ein derart großer Erfolg. Als der Postdirektor Philippe aus der Provence nach Nordfrankreich versetzt wird, kommt das für ihn einer Verbannung nach Sibirien gleich. Denn die Franzosen lieben den Norden ihres Landes ebenso wenig wie den Dialekt, der dort gesprochen wird. Philippe versteht anfangs kein Wort, bis er sich allmählich einhört und mit den Nordlichtern anfreundet.

Noch ein Kulturschock: Postdirektor Philippe (links) wird aus der Provence nach Nordfrankreich versetzt. Seinen Mitarbeiter (rechts) versteht er anfangs gar nicht.
Noch ein Kulturschock: Postdirektor Philippe (links) wird aus der Provence nach Nordfrankreich versetzt. Seinen Mitarbeiter (rechts) versteht er anfangs gar nicht. | Bild: tel-a-vision