Konstanz – Früher fürchtete sich manche evangelische Gemeinde, wenn der Bischof zu Besuch kam. Oft war Strenge und Ermahnung angesagt. Bei der evangelischen Pfarrerin Sabine Wendlandt (56) ist das anders: Sie erhielt zum Geburtstag den Besuch von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh geschenkt. So kam es, dass der Chef der badischen Landeskirche am frühen Sonntagmorgen den weiten Weg von Karlsruhe an den Bodensee unternahm und in der Kapelle am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Reichenau erschien. Es war sein erster Besuch auf dem weitläufigen Gelände der Psychiatrie, auf dem 600 Patienten untergebracht sind.

Sabine Wendlandt ist Seelsorgerin für jene Patienten, die christlichen Beistand wünschen. Wie die katholische Kirche kümmert sich auch die evangelische Kirche um Patienten in Krankenhäusern und in Psychiatrien. Die Nachfrage sei groß, bestätigt Klaus Hoffmann, Medizinischer Direktor am ZfP. Er begrüßt es, dass die christlichen Gemeinschaften auch auf der Reichenau vertreten sind – inklusive festen Büros und Sprechzeiten auf dem Klinikgelände. Für Patienten mit muslimischem Bekenntnis sei die Lage nicht so günstig. "Ich vermisse den muslimischen Part," sagt Hoffmann dazu. Es gebe keinen klaren Ansprechpartner, den man als Arzt anrufen und holen könne, wenn ein Patient nach religiöser Begleitung frage.

Jochen Cornelius-Bundschuh bekannte sich in seiner Predigt in der Kapelle zu dieser speziellen Seelsorge. "Wir dürfen seelisch kranke Menschen nicht alleine lassen," sagte er. Die Unterstützung der Kranken sei eine wesentliche Aufgabe seiner Kirche. Durch seinen Besuch, der ihn später auch auf eine Krankenstation führte, werde das unterstrichen.

Worüber man nicht spricht

Dass er damit den richtigen Ton traf, zeigte sich nach der Predigt, als ein Besucher die Worte des Landesbischofs mit einem lauten und spontanen "Halleluja" untermalte. Dieser Zwischenruf war liturgisch sicherlich ungewöhnlich, doch traf er den Nagel auf den Kopf.

Sorgen bereiten dem Landesbischof die depressiven Erkrankungen, die stark zunehmen. Für ihn stellt sich die Frage, wie man Selbsttötungen besser verhindern kann – und eine entsprechende Absicht früher erkennen kann. Wichtig ist für ihn, dass das Thema Suizid erst einmal enttabuisiert werde. Die diesjährige Woche für das Leben der beiden großen Kirchen widmete sich diesem Thema. "Leben schützen, Menschen begleiten, Suizide verhindern" lautet das Motto für 2019.

Cornelius-Bundschuh leitet die Badische Landeskirche (Sitz in Karlsruhe) seit Juni 2014. Der heute 61-Jährige folgte damals Ulrich Fischer nach, nachdem er sich bei der Wahl durch die Landessynode gegen zwei andere Kandidaten durchsetzen konnte.