Schmierereien am Veranstaltungsort waren dem Auftritt vorausgegangen. Rund 80 Zuhörer kamen am Samstagabend in das Bürgerhaus Adler Post nach Stockach, um die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion Alice Weidel zu hören. Die meisten waren selbst Mitglieder der AfD oder ihren Ideen nahestehende Bürger. Die Veranstalter sehen sich als Opfer einer Politik im Land, die ihrer Meinung nach Extremismus verharmlost. Sie fordern Konsequenzen. So verlief der Tag im Minutenprotokoll:

Samstag, 16.20 Uhr am Bahnhof Konstanz: Der Seehas, die Bahnverbindung Konstanz-Engen, füllt sich, die ersten Demonstranten sind da. An die 20 vorwiegend junge Leute, leger gekleidet, versammeln sich im letzten Abteil. Auf T-Shirts finden sich Anti-Rassismus-Parolen, eine Frau trägt einen Rucksack mit der Aufschrift: "Das kannste so machen, aber dann isses halt kacke". Die kleine Gruppe schweißt ein Feindbild zusammen: die AfD und deren Frontfrau Alice Weidel, die an diesem Abend in Stockach den regionalen Wahlkampfauftakt zur Europa- und Kommunalwahl markieren soll. „Ihre rassistischen und rechtsextremen Positionen sind schon lange kein Geheimnis mehr“, heißt es in einem Aufruf des Offenen antifaschistischen Treffens Konstanz (OAT), den ein Holzlatte-schwingender Vermummter ziert.

Schmierereien sollen in der Stockacher Innenstadt Stimmung gegen die AfD machen. Bild: Stephan Freißmann
Schmierereien sollen in der Stockacher Innenstadt Stimmung gegen die AfD machen. | Bild: Freißmann, Stephan

16.23 Uhr: Der Zug rückt an, Ausflugsstimmung, während die Bodenseelandschaft am Fenster vorbeizieht. An jeder Haltestelle steigen weitere Menschen zu, mit bedruckten T-Shirts und Rucksäcken. Am Bahnhof Reichenau betritt ein älterer Mann mit Fahrrad den gut gefüllten Zug. Ein hochgewachsener junger Mann mit Antifa-T-Shirt, der später bei der Demo eine Ordnerbinde tragen wird, bietet ihm höflich einen Platz an.

16.50 Uhr: Umsteigen in Radolfzell. Auf Gleis 1 wartet schon ein dicht gefüllter Wagen der Südwestdeutschen Verkehrs AG (SWEG), der auch die Fahrgäste aus dem Seehas aufnimmt. Man kennt, umarmt sich, alles läuft diszipliniert ab. Draußen unterhalten sich zwei junge Leute mit einem drahtigen Bundespolizisten. „Chuck Norris“, sagt einer mit einer Bierflasche in der Hand halb respektvoll, der den Beamten durchs Fenster beobachtet. Zwei, drei schmunzeln.

16.53 Uhr: Der Schienenbus nach Stockach rückt an, es geht über Dörfer, im Innern steht den ersten der Schweiß auf der Stirn. Der junge Mann mit dem Chuck-Norris-Spruch und dem T-Shirt: „Antifaschistische Aktion“ bemerkt: „Sitzplatz wäre jetzt gut.“ Er hat Glück, in Stahringen werden zwei Plätze frei, er sinkt schon jetzt ermattet nieder. Weiter vorne im Gewühl diskutiert ein geschätzt 30-Jähriger mit einem Pappschild. „Fuck AfD“ steht darauf. Er sieht aus wie der Enkel von Fritz Teufel, der legendären 68er-Kommunarde.

17.10 Uhr: Einfahrt des Zuges in den Bahnhof Stockach. Rund hundert Demonstranten warten schon auf die Ankommenden, Musik dröhnt aus Lautsprechern, Volksfeststimmung. Auf der anderen Straßenseite stehen Polizisten konzentriert aufgereiht – ohne Helm, ohne Schild. Einsatzleiter Gerhard Buchstab in gelber Weste, der Leiter des Stockacher Polizeireviers, erwartet an die hundert Demonstranten an diesem Tag, später schätzt er die Zahl auf 150. Krawalle wie beim G-20-Gipfel in Hamburg vor zwei Jahren erwartet niemand. „Wir sind Herr der Lage“, sagt Buchstab, ein besonnener Beamter. Dass die AfD-Veranstaltung nach den Schmierereien an der Tür des Veranstaltungsortes und dem Demo-Aufruf mit einer stilisierten Holzlatte kurzerhand nichtöffentlich durchgeführt wird, feiern die Demonstranten als Erfolg.

17.20 Uhr: Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Sonnenbrillen und Kapuzen sind jetzt bei manchen gefragt. Auch Stockacher Bürger sind dabei, die unverhüllt ihren Protest gegen Fremdenhass kundtun. Eine junge Mutter mit ihren Kindern ist dabei, sie halten bunte Schilder hoch.

Eine engagierte Mutter protestiert in Stockach mit ihren Kindern für eine friedliche offene Gesellschaft.
Eine engagierte Mutter protestiert in Stockach mit ihren Kindern für eine friedliche offene Gesellschaft. | Bild: Freißmann, Stephan

Mit einem aufgemalten Regenbogen stehen sie für die Vielfalt der Gesellschaft. Sie gehöre nicht zu der antifaschistischen Gruppe, die zur Demo aufgerufen hat, sondern sei spontan da, "weil ich meinen Kindern zeigen will, dass man sich friedlich gegen Rechts wehren kann – Schwerpunkt friedlich."

Video: Nils Köhler

Und: "Ich bin hier, weil ich das Wahlprogramm gelesen habe." Aus Sorge vor einem Rechtsruck läuft auch ein Ehepaar mittleren Alters mit. Sie stehen mit ihren Pappschildern dazu, dass sie gegen die AfD sind. Ihre Namen möchten sie aber trotzdem nicht veröffentlicht wissen. Sie haben eine Ferienwohnung am Bodensee und wollen keine schlechte Bewertung auf einem Internetportal, so wie das schon der Fall gewesen sei, sagen sie. Entlang der vorgegebenen Strecke stehen Einsatzkräfte.

Video: Nils Köhler

Beamte in gelben Westen, die mögliche Konflikte lösen sollen, begleiten die Veranstaltung. Durchs Mikrofon ruft eine junge Frau: „Ob Ost, ob West, nieder mit der Nazipest“, die Menge stimmt ein, an Fenstern und am Straßenrand sehen sich Bürger das Schauspiel an.

17.45 Uhr: Der Demonstrationszug erreicht das Bürgerhaus Adler Post. Vor dem Denkmal für die toten Soldaten zweier Weltkriege steckt eine Vogelscheuche zwischen gelben Stiefmütterchen.

Eine Strohpuppe erinnert an dubiose Spenden an die AfD. Bild: Nils Köhler
Eine Strohpuppe erinnert an dubiose Spenden an die AfD. | Bild: Nils Köhler

Sie hält ein Schild mit der Aufschrift "Weidels Spenden-Strohmann" und macht auf die dunklen Quellen aufmerksam, aus denen Geld an die AfD geflossen sein soll. Um das Bürgerhaus Adler Post hat die Polizei eine Bannmeile gezogen. Einige Stockacher protestieren mit Schildern gegen die AfD-Veranstaltung. Unter ihnen der ehemalige Geschichtslehrer Fredy Meyer und Grünen-Kreisrat Udo Engelhardt. Auch Bürgermeister Rainer Stolz macht sich ein Bild. Meyer: "Wir sind der Meinung, dass man der AfD hier in Stockach nicht so einfach das Feld überlassen darf." Und: "Es ist eine traurige Situation, dass ich in meinem Alter noch so demonstrieren muss."

Video: Nils Köhler

Auch Christin Löhner und ihre Frau Michelle sind dabei, zwei transsexuelle Frauen, die im Herbst als erstes Paar in dieser Konstellation in Baden-Württemberg in Stockach geheiratet haben. Löhner: "Die AfD steht für alles, wogegen wir sind, Homophobie, Transphobie und so weiter." Während sich am Eingang des Bürgerhauses Männer in dunklen Anzügen und roten Krawatten aufbauen, rufen und singen die Demonstranten der Antifa Konstanz aus Lautsprechern zu ihnen hinüber.

Es geht um Flüchtlinge, Frauenrechte, Rassismus, Anti-Nazi-Rhetorik, Provokation. Redebeiträge aus der Kommunalpolitik gibt es nicht. Wer ins Bürgerhaus will, muss sich Schmährufe gefallen lassen. Nach Schmierereien am Eingang und der Ankündigung mit der Holzlatte hat die AfD die Veranstaltung nichtöffentlich gemacht. Geladen sind Parteifreunde und Unterstützter, Gäste können ebenfalls zugelassen werden. Am Eingang kontrolliert ein Tuttlinger Sicherheitsunternehmen.

Video: Nils Köhler

19 Uhr: Gut 80 Zuhörer, zumeist nicht aus Stockach, sitzen in der Adler Post, nach Anzahl der Stühle hat die rechtspopulistische Partei mit doppelt so vielen gerechnet.

Viele Stühle bleiben unbesetzt beim Wahlkampfauftakt im Stockacher Bürgerhaus Adler Post. Bild: Stephan Freißmann
Viele Stühle bleiben unbesetzt beim Wahlkampfauftakt im Stockacher Bürgerhaus Adler Post. | Bild: Freißmann, Stephan

Die Enttäuschung ist greifbar. Steffen Jahnke, einer der Kreistagskandidaten, räumt im Gespräch ein: Veranstaltungen wie diese „werden uns durch solche Umtriebe nicht gerade leicht gemacht“.

Walter Schwäbsch, Sprecher des AfD-Kreisvorstands, der die Veranstaltung mit Alice Weidel ausrichtet. Bild: Stephan Freißmann
Walter Schwäbsch, Sprecher des AfD-Kreisvorstands, der die Veranstaltung mit Alice Weidel ausrichtet. | Bild: Freißmann, Stephan

Im Saal kocht innerlich vor allem einer: Walter Schwäbsch, der Sprecher des Konstanzer Kreisvorstands der AfD. „Durch Terror und durch Aufmärsche und Bedrohung lassen wir uns nicht beeindrucken,“ ruft er unter dem Beifall der Versammelten in den Saal, dann knöpft er sich rhetorisch hartleibig die grün-rot-schwarze Politik im Land vor, schimpft über dampfplaudernde Medienvertreter, Gambische Drogenhändler, den „Genderwahn der Grünen“ und deren Erfindung von „120 Phantasiegeschlechtern“ und pflügt genüsslich durch das weite Feld der EU-Bürokratie, die sich um Angelegenheiten kümmere wie die elektrische Leitfähigkeit von Honig. Sein Fazit: „Ich verspreche Ihnen, da räumen wir auf, in der EU, in Brüssel“. Beifall.

20 Uhr: Alice Weidel tritt zum Höhepunkt des Abends ans Mikrofon. Die Co-Vorsitzende der AfD doziert mit einer längeren Passage aus ihrem Buch, beklagt nach dem erneuten Scheitern der AfD am Amt des Vizepräsidenten des Bundestags einen „Tiefpunkt der Debattenkultur“, geißelt Eurorettung und Nullzinspolitik zugunsten der „maroden Südländer“ Europas.

Mut zur Wahrheit, verheißt das Plakat hinter Alice Weidel. Zur Aufhellung dubioser Spenden an die Partei kann die Co-Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag in Stockach nichts beitragen. Bild: Stephan Freißmann
Mut zur Wahrheit, verheißt das Plakat hinter Alice Weidel. Zur Aufhellung dubioser Spenden an die Partei kann die Co-Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag in Stockach nichts beitragen. | Bild: Freißmann, Stephan

Ihre Partei sieht sie aber auch als Opfer einer liberalen linken Politik. Angesichts des Knüppel-Aufrufs durch die Gegner draußen habe sie ihren Verwandten abgeraten zu kommen, sagt die Politikerin aus dem benachbarten Überlingen. Sie sei überrascht über die Heftigkeit des Protestes der Antifa. Und sie sei dafür, den Extremismus-Paragraf wieder einzuführen und „die Antifa als terroristische Vereinigung einzustufen und zu verbieten“.

Die AfD selbst verortet Weidel in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, und sie hege große Hoffnungen, dass sich ihre Partei in den neuen Bundesländern zur Nummer Eins hocharbeiten kann. So in Sachsen, wo die AfD laut Umfrage mit nahezu 25 Prozent nur wenige Punkte hinter der CDU liege. „Wenn wir nichts falsch machen und uns nicht selber im Weg stehen, dann haben wir die besten Chancen zur stärksten Kraft in Sachsen zu werden“, sagt sie. Unvorhergesehen tritt eine Stockacher Bürgerin ans Mikrofon. „Ich fühle mich von Frau Weidel persönlich angegriffen“, sagt sie. Als ehemalige DDR-Bürgerin verwahre sie sich dagegen, von der AfD vereinnahmt zu werden: „Nicht alle in Dresden und Sachsen wählen immer nur rechts“.

21 Uhr: Und dann auch das noch. Ein Gast, wünscht sich von Alice Weidel eine Einschätzung zu dubiosen Parteispenden an die AfD. Weidel, die auf Anfrage des SÜDKURIER zuvor kein Interview geben wollte, scheint darauf vorbereitet. Aufklärung gibt es an diesem Abend zu diesem Thema nicht. Sie beteilige sich nicht an Spekulationen über die Herkunft des Geldes, kontert sie. Von einem Spendenskandal dürfe keine Rede sein, zumal das Geld frühzeitig wieder zurücküberwiesen worden sei. Die Angelegenheit liege jetzt bei Anwälten und Parteirechtlern. „Das ganze ist natürlich schon der blanke Hohn.“ Mehr kommt Alice Weidel dazu nicht über die Lippen.

21.15 Uhr: Walter Schwäbsch schließt die Veranstaltung und rät den Gästen, sich gut umzuschauen, wenn sie draußen vor die Tür treten. Man wisse nie, wer da im Dunkeln lauert. Da sind die Protestler schon seit einer Stunde abgezogen. Schließlich wollten sie noch den Zug bekommen.