Blumberg – Es gibt Jubiläen, die klingen unglaublich. Die Scheffellinde in Achdorf (bei Blumberg) begeht und begießt eine solche runde Zahl in diesem Jahr: Seit 475 Jahren ist das alte Gasthaus in der Hand einer Familie. 475 Jahre sind exakt 19 Generationen. Wobei Wirtschaft, Garten und Scheune bisher stets in weiblicher Erbfolge weitergegeben wurden. Aktuell wird das Anwesen mit dem prägnanten Stufengiebel von einem Trio geleitet: Den Eheleuten Cornelia und Karl Wiggert sowie von Sabine Hille, geborene Wiggert.

Wer nach Achdorf mit seinen 190 Einwohnern fährt, hat dazu guten Grund. Der erste ist die nahe Wutachschlucht. Der zweite ist dieses Wirts- und Wirtinnenhaus mit einer strikt regionalen Speisekarte. Man bekommt hier etwas für sein Geld. Dem gemischten Salat ist frisch gehobelter Radi zugegeben, alles ist nach Angaben von Sabine Hille frisch zubereitet. Keine Fertiggerichte.

Dann gibt es noch einen Grund, den man weder an der Statistik nach an der Speisekarte festmachen kann: die Atmosphäre. Es ist die spezielle Scheffel-Atmosphäre, die sich auch im Namen des alten Anwesens niederschlägt. Ein Gasthaus eben, kein Restaurant.

Der Schriftsteller hielt sich vor gut 160 Jahren häufig in Achdorf auf. Aber nicht um die Landwirtschaft zu studieren, die ihn herzlich wenig interessierte. Er hatte einen sehr einfachen Grund, vom nahen Donaueschingen her wandernd immer wieder die Klinke der "Linde" zu betätigen. Josef Viktor Scheffel, damals Anfang 30, hatte sich in die Wirtstochter Josefine Meister verliebt. Offenbar war die Zuneigung aber einseitig, sie wurde von Josefine nicht erwidert. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Womöglich wurde der Standesunterschied als zu groß empfunden: Hier der Rechtsassessor Scheffel, der damals bereits Bibliothekar des Fürsten zu Fürstenberg war. Was sollte die Josefine mit einem Akademiker aus der Stadt anfangen? Oder traute man einem (noch unbekannten) Poeten nicht über den Weg? Schrifsteller waren als Schwiegersöhne damals nicht gern gesehen. Sie galten als unsolid, als arme Lauser.

Bald blieb der gelehrte Dichter mit dem Hang für ländliche Schönheiten weg. Er hat Josefine in einem Gedicht verewigt, wenn auch unter einem anderen Namen: In dem Sechszeiler erinnert Scheffel nochmals an sein Ausruhnest, wie er Achdorf nennt. In der letzten Zeile fordert der Gast die Bedienung dann auf: "Maria Gutta – spring mit dem Glas."

Scheffels Riesling-Ritter

Dieses Worte wurden zum geflügelten Wort im Wutachtal. Jede heutige Bedienung in der Linde kennt es, auch wenn viele Gäste heute eher Bier oder Wasser trinken und nicht mehr jene Mengen an Wein, die Scheffel und seine Riesling-Ritter offenbar konsumierten, bevor sie die nächste Bestellung aufgaben.

Das ist die letztlich traurige Romanze, die hinter dem berühmten Haus steckt. Dass sie nicht in Vergessenheit gerät, dafür sorgen die Inhaber seit vielen Jahren. Früh wurde die Scheffel-Stube eingerichtet, in der das Erbe und einige Kuriositäten von Josef & Josefine sorgsam gepflegt werden. Das galt auch für das Jahr 1930, als das Gasthaus abbrannte. Es wurde im alten Stil wieder aufgebaut und der Baaremer Giebel erst jetzt draufgesetzt. Der Neubau sollte alt wirken, da man die Tradition fortsetzen wollte. Auch die Dichterstube mit Reliquien und alten Ausgaben wurde nachgebaut mit Holzvertäfelung und Ölbildern. Der Zauber wirkt bis heute, ein Besuch der guten Stube ist wie eine Zeitreise ins Biedermaier.

Auch der Name erinnert an den Dichter, der später zu einer deutschen Berühmtheit werden sollte – weit über das Großherzogtum Baden hinaus. Bisher hatte die Restauration den Namen "Linde" getragen. Der Name geht auf den Friedensbaum zurück, den die Bürger nach dem Dreißigjährigen Krieg gepflanzt hatten. Damals betrieben die Inhaber zusätzlich eine Mühle und brauten das Bier noch selbst.

Nach der bittersüßen Episode mit dem Gast und seiner Lieblingskellnerin wurde das Lokal dann in Scheffellinde umbenannt. Von Marketing verstand man im 19. Jahrhundert jede Menge.

.Neben der Scheffellinde gibt es noch andere traditionsreiche Wirtshäuser in Baden:
http://www.sk.de/http://9806852

Sein Name ist
eine bekannte Größe

  • Karlsruhe: Hier wurde Joseph Viktor Scheffel (1826-1886) geboren. Er studierte Jura unter anderem in Heidelberg, zeigte aber wenig Neigung, den Beruf auszuüben. Dennoch promovierte er zum Dr. iur. und war sonst als Burschenschaftler aktiv. Für diese Vereinigungen textete er zahlreiche Lieder, die bis heute gesungen werden.
  • Donaueschingen: In der damaligen Residenzstadt entkam Scheffel der Juristerei. Der Fürst von Fürstenberg beschäftigte ihn als Bibliothekar (1858/59). In dessen Sammlung begeisterte sich Scheffel für die Literatur des Mittelalters. Von der Donau aus wanderte er südwärts und stieß auf Achdorf und dessen größtes Gasthaus, die damalige Linde.
  • Singen war damals ein kleines Dorf, das kurz vor der Industrialisierung stand. Auf den Hohentwiel verlegt Scheffel seinen Roman Ekkehard, der es schnell zum Kultbuch im Kaiserreich brachte.
  • Radolfzell: Als sich der Dichter mit Familie auf der Halbinsel Mettnau niederließ, war er bereits ein berühmter Mann und mit einem "von" geadelt. Ein altes Rebpächterhaus ließ er stattlich ausbauen – heute das Scheffelschlösschen.
  • Säckingen: Als Rechtspraktikant wurde er an die Stadt am Hochrhein versetzt. Dort hatte er die Idee zum "Trompeter von Säckingen" – eine Erzählung, die durchgängig gereimt ist und großen Erfolg hat. Säckingen heißt bis heute Trompeterstadt. (uli)