Wer Dominik Grutza auf Streife sieht, muss genau hinschauen: Am Gürtel seiner blauen Polizeiuniform hängen Handschellen, in der Brusttasche krächzt ein Funkgerät, in seinem Holster an der Hüfte steckt eine Pistole.

„Der Bürger hält mich für einen ganz normalen Polizisten“, sagt Grutza. Doch zwei kleine, hellblaue Balken auf seinen Schultern verraten, der 33-Jährige ist ein Polizeifreiwilliger - einer von 673, die sich derzeit ehrenamtlich bei der Polizei im Südwesten engagieren.

15.07.2018, Baden-Württemberg, Künzelsau: Der freiwillige Polizist Dominik Grutza läuft bei seiner Streife durch die Fußgängerzone. Erkennbar für seinen freiwilligen Polizeidienst ist Grutza an den beiden Streifen auf seinen Schulterklappen. (zu dpa «Bürger in Uniform - Zwischen Aufwertung und Auslaufmodell» vom 08.08.2018) Foto: Christoph Schmidt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Der freiwillige Polizist Dominik Grutza läuft bei seiner Streife durch die Fußgängerzone. | Bild: Christoph Schmidt (dpa)

Der Polizeifreiwillige ist eigentlich Betriebswirt

An diesem Tag ist Grutza zusammen mit Polizeihauptkommissar Dieter Jakob auf „Präventivstreife“ bei einem Regionaltag in Künzelsau im Hohenlohekreis unterwegs. Die beiden mischen sich unter die 3000 Festbesucher.

„Ich habe immer ein Auge auf meinen Kollegen“, sagt Grutza und windet sich an wartenden Menschen vorbei. Hin und wieder stoppen die beiden vor einem Stand und sondieren die Lage. Einige Passanten grüßen freundlich, die Stimmung ist friedlich.

15.07.2018, Baden-Württemberg, Künzelsau: Der freiwillige Polizist Dominik Grutza läuft bei seiner Streife durch die Fußgängerzone. Erkennbar für seinen freiwilligen Polizeidienst ist Grutza an den beiden Streifen auf seinen Schulterklappen. (zu dpa «Bürger in Uniform - Zwischen Aufwertung und Auslaufmodell» vom 08.08.2018) Foto: Christoph Schmidt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Erkennbar für seinen freiwilligen Polizeidienst ist Dominik Grutza an den beiden Streifen auf seinen Schulterklappen. | Bild: Christoph Schmidt (dpa)

Mehrmals im Monat zeigt Grutza - eigentlich Betriebswirt bei einem Bildungswerk - so in Uniform Präsenz - ebenso wie seine 36 Kollegen bei der Polizei Heilbronn.

Grün-rote Vorgängerregierung wollte Dienst auslaufen lassen

Die Ehrenamtlichen haben eine ähnliche Stellung wie Polizisten, dürfen etwa Vernehmungen und Festnahmen durchführen. Nur ermitteln im Auftrag der Staatsanwaltschaft dürfen sie nicht. Pro Stunde bekommen sie eine Aufwandsentschädigung von sieben Euro.

ARCHIV - 20.11.2015, Baden-Württemberg, Stuttgart: Ralf Kusterer, der Landesvorsitzende Baden-Württemberg der Deutschen Polizeigewerkschaft Baden-Württemberg (DPolG-BW), aufgenommen bei einer Öffentlichkeitsveranstaltung der DPolG-BW. (zu dpa: «Polizeigewerkschaft lehnt Juristen als Leiter im Polizeidienst ab» vom 27.06.2018) Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Ralf Kusterer, der Landesvorsitzende Baden-Württemberg der Deutschen Polizeigewerkschaft Baden-Württemberg (DPolG-BW). | Bild: Marijan Murat (dpa)

„Wir können nicht auf die Freiwilligen verzichten“, sagt Ralf Kusterer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Ohne sie könne die Polizei aufgrund der dünnen Personaldecke schon längst vielen Maßnahmen, wie etwa Verkehrsregelungen bei Fußballspielen, nicht mehr nachkommen, sagt Kusterer. Zwar bilde die Polizei mehr Nachwuchs aus, doch das dauere.

Allerdings geht der Freiwilligendienst langsam zurück. Seitdem die grün-rote Vorgängerregierung auf Drängen der SPD beschlossen hatte, den Dienst 2011 auslaufen zu lassen, werden keine neuen Freiwilligen mehr eingestellt. Ihre Zahl sank seitdem um rund 43 Prozent.

Immer weniger Freiwillige müssen immer mehr Dienste übernehmen

Als dann noch 2013 entschieden wurde, die Freiwilligen nicht mehr auf Streife einzusetzen, haben viele ihre Uniform an den Nagel gehängt. „Für viele war der Dienst nicht mehr attraktiv genug“, erzählt Grutza.

Doch die Zahl der Einsatzstunden blieb nach dem Wegfall des Streifendienstes mit rund 50 000 pro Jahr nahezu gleich. Immer weniger Freiwillige übernehmen seitdem also immer mehr Dienste.

15.07.2018, Baden-Württemberg, Künzelsau: Der freiwillige Polizist Dominik Grutza spricht bei seiner Streife durch die Fußgängerzone mit einem Bürger. Erkennbar für seinen freiwilligen Polizeidienst ist Grutza an den beiden Streifen auf seinen Schulterklappen. (zu dpa «Bürger in Uniform - Zwischen Aufwertung und Auslaufmodell» vom 08.08.2018) Foto: Christoph Schmidt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Der freiwillige Polizist Dominik Grutza spricht bei seiner Streife durch die Fußgängerzone mit einem Bürger. | Bild: Christoph Schmidt (dpa)

„Wir haben aus den Polizeipräsidien bislang nicht vernommen, dass es da Probleme gibt“, sagt indes ein Sprecher des Innenministeriums.

Koalition bleibt Plan für weiteren Freiwilligendienst bislang schuldig

Mittlerweile wurde der Beschluss, den Freiwilligendienst auslaufen zu lassen, widerrufen. Wie die Freiwilligen künftig arbeiten sollen, ist noch unklar. Die Fortentwicklung des Dienstes scheint nicht die allerhöchste Priorität zu haben.

Andere Projekte waren zuerst dran. Das „Gesamtkonzept für sichere öffentliche Räume“, in dem auch der Freiwilligendienst neu geregelt werden soll, werde wie im Koalitionsvertrag vorgesehen bis zum Ende der Legislatur vorliegen, heißt es.

Innenminister Thomas Strobl sprach im April im Landtag von einer 50-jährigen Erfolgsgeschichte und einer wichtigen Brücke zwischen Gesellschaft und Staat. Noch liege kein finalisiertes und abgestimmtes Konzept für die Reform des Freiwilligendienstes vor.

Künftige Aufgabenfelder sehe er vorrangig in präventiven Aktivitäten wie dem Jugendschutz und Präsenzmaßnahmen im öffentlichen Raum.

Grüne wollen Freiwillige lieber in der Prävention einsetzen

Noch ringt die grün-schwarze Koalition darum, wie es weitergehen soll. „Der Freiwillige Polizeidienst ist voll handlungs- und einsatzfähig“, sagt CDU-Fraktionssprecher Thomas Oeben.

Während die CDU den Dienst stärken möchte, wollen die Grünen die Freiwilligen lieber in der Prävention einsetzen. „Denkbar ist ein Einsatz der Helfer bei der Verkehrserziehung sowie bei der Drogen- oder Einbruchsaufklärung“, sagt ihr Innenexperte Uli Sckerl (Grüne).

Der baden-württembergische AfD-Fraktionsvorsitzende Jörg Meuthen (l) und der Pressesprecher der AfD-Fraktion und Landtagsabgeordnete, Lars Patrick Berg, gehen am 07.06.2016 in Stuttgart (Baden-Württemberg) zu einer Fraktionssitzung. Foto: Marijan Murat/dpa (zu dpa "AfD-Bundesvorstand empfiehlt Parteiausschluss von Gedeon" vom 07.06.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Der ehemalige baden-württembergische AfD-Fraktionsvorsitzende Jörg Meuthen (l.) und der innenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Lars Patrick Berg. | Bild: Marijan Murat (dpa)

Die AfD im Landtag beklagt eine „ideologisch begründete Vernachlässigung“ der freiwilligen Polizei. „Wir werden das Wächteramt dafür wahrnehmen, dass die freiwillige Polizei besonders von der grünen Partei nicht als lästiges Anhängsel betrachtet und auf Grundlage des neuen Konzepts nicht mangelhaft ausgerüstet und ausgebildet wird“, betont der innenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Lars Patrick Berg.

Gewerkschaft der Polizei sieht Freiwilligendienst kritisch

Umstritten ist, ob die Freiwilligen weiter eine Schusswaffe tragen sollen. Grutza fühlt sich mit Waffe sicherer: „Es geht ja nicht darum, ein cooler Waffenträger zu sein, sondern darum, Sicherheit und Schutz zu bieten.“

Schließlich wolle er auch in möglichen Notsituationen helfen. Unterstützung bekommt er von der DPolG. Die Freiwilligen seien zwar nie alleine unterwegs. Sie bräuchten dennoch zur eigenen Sicherheit und zur Sicherheit ihres Kollegen eine Waffe, erklärt Kusterer.

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Anders sieht das die Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Wir wollen Profis für die innere Sicherheit und keine Hilfspolizisten“, sagt Carsten Beck, Vize-GdP-Landesvorsitzender. Die Freiwilligen lobt Beck für ihre „sehr ehrbaren Motive“, sich zu engagieren, doch sei der Polizistenberuf eben ein Erfahrungsberuf.

Eine zweiwöchige Ausbildung sei zu wenig. „Ich finde, da mutet man den Freiwilligen zu viel zu.“ Die Grünen lehnen eine Bewaffnung ab. Grutza warnt: „Ohne Waffe würden viele meiner Kollegen den Dienst nicht machen.“

Vereinzelt tragen Freiwillige noch alte, grüne Uniform 

Ob mit Waffe oder ohne - mindestens genauso wichtig ist vielen die Ausstattung mit passenden Uniformen. Vereinzelt müssen die Freiwilligen noch das alte, grüne Modell tragen.

Ersatz gebe es nur da, wo er erforderlich sei, heißt es aus dem Landespolizeipräsidium. Bei einem Einsatz auf einer Fastnachtsfeier habe das vor ein paar Jahren irritiert, erzählt Grutza.

Während er die grüne Montur trug, kam sein Kollege in blau. Die Feiernden fragten sich, wer von beiden verkleidet war. „Das war doof.“ (dpa)