Jeden Tag wird Boris Palmer beschimpft, bepöbelt, beleidigt. Er will das gar nicht anders. „Ich gehe da hin, wo es weh tut“, sagt er. Und meint das Netz. Wenn der Tübinger Oberbürgermeister dort die Erziehungsmethoden von Zuwanderern kritisiert oder Eigentümer zum Verkauf ihrer Grundstücke zwingen will, kochen die Emotionen hoch.

Misst man die Empörung, die ihm in den Kommentarspalten auf seiner Facebookseite entgegenschlägt, hat Palmer sich am Dienstag wieder selbst übertroffen. Dort wird dem 46-Jährigen nun Rassismus vorgeworfen, ein Aufmerksamkeitsdefizit oder schlicht Langeweile.

Kritik an Bahn-Kampagne

Palmer stört sich aktuell an einer Kampagne der Bahn. Das Unternehmen wirbt auf seiner Internetseite mit Bildern von Reisenden mit unterschiedlichen Hautfarben, etwa mit dem dunkelhäutigen Sterne-Koch Nelson Müller und der türkisch-stämmigen Moderatorin Nazan Eckes.

„Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die "Deutsche Bahn" die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat“, schreibt Palmer. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Palmer hält den Anteil der Menschen mit dunkler Hautfarbe auf den Bildern für deutlich überrepräsentiert. In den Zügen bekomme er ein anderes Bild als in der Kampagne dargestellt.

Daniel Lede Abal, der Tübinger Landtagsabgeordnete der Grünen, hält Palmers Post für „einfach völlig daneben“. „Das ist das Deutschland, das dem Tübinger OB offenbar fremd geblieben ist.“ Palmer solle sich überlegen, ob er Oberbürgermeister bleiben kann. meint er. Die Bahn verteidigt die Werbekampagne, auch die Grünen-Spitze begrüßt die Vielfalt der Werbung. Manch einer in der Partei bekommt nur noch Schnappatmung, wenn Palmer postet.

Palmer liebt die Provokation

Palmer liebt die Provokation und die Aufmerksamkeit, die sie mit sich bringt. Im vergangenen halben Jahr hat er ein Kopftuch-Verbot für junge Mädchen an Schulen und Kindergärten gefordert, eine Steuer auf Einwegpappbecher und Nudelboxen angekündigt, wegen einer nächtlichen Ruhestörung hat er sich als Ordnungshüter mit einem Studenten angelegt und damit bundesweit Aufsehen erregt. Vor wenigen Tagen erst sprach sich Palmer dafür aus, Grundstückseigentümer zum Verkauf ihrer Flächen zu zwingen, wenn sie diese nicht bebauen.

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Dabei rede er doch auch so gern über Kommunalpolitik, sagt der 46-Jährige. Boris Palmer ist seit 2007 Oberbürgermeister. Beim Gespräch im Winter in seinem Büro im zweiten Stock des Rathauses hält er eine doppelt bedruckte DIN-A4-Seite hoch, die er sich extra zurechtgelegt hat. Er nennt sie die Liste seiner Erfolge. Und dann ratterte er seine Verdienste als Stadtoberhaupt herunter, etwa dass der CO2-Ausstoß pro Kopf in Tübingen in seiner Amtszeit um 32 Prozent gesunken und die Zahl der Arbeitsplätze um 25 Prozent gestiegen sei.

Widerstand liegt in der Familie

Es müsse mehr über Sachpolitik gesprochen werden, über das „Schwarzbrot“, die mühsamen Entscheidungen im Gemeinderat, forderte Palmer damals. Und weniger über das „Brimborium“, wie er es nennt. Allerdings ist Palmer selbst Meister des Brimboriums.

Palmer sieht sich als Mann, der die Dinge offen anspricht, besonders in der Migrationsdebatte. Er habe die Erfahrung gemacht, dass man sofort als Nazi oder Rassist beschimpft werde, wenn man auf Probleme mit Gruppen aufmerksam mache, die Diskriminierungen erleiden müssten, sagt er. Ob es ihm Spaß mache, sich immer wieder in Shitstorms zu werfen? „Nein. Aber ich weiche eben auch nicht aus“, sagt er.

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Der wütende Widerstand liegt in der Familie. Sein Vater Helmut Palmer kämpfte als „Remstal-Rebell“ lautstark gegen Behördenwillkür. Der hatte damals aber noch kein Facebook. Palmer maximiert mit den sozialen Medien die Aufmerksamkeit. Im Tübinger Gemeinderat hören ihm 40 Leute zu. Auf Facebook sind es mittlerweile mehr als 45.000.

Palmer will jetzt Facebook-Fasten

Mit seinen Vorstößen stößt er in den eigenen Reihen immer wieder auf Widerstand. Dabei galt Palmer einst als Zukunftshoffnung der Grünen. Im November 2012 warfen ihn die Grünen dann aus dem Parteirat, dem Führungsgremium auf Bundesebene. Nun ist er der, der sich an dunkelhäutigen Gesichtern auf der Bahn-Homepage stößt. Die Berliner Grünen-Politikerin Canan Bayram legte ihm 2017 nahe, er solle „einfach mal die Fresse halten“.

Um Palmer dürfte es nun erstmal ruhiger werden. Er will im Mai Facebook-Fasten. Er schreibt ja auch an seinem neuen Buch. Darin will er die Politik aufrufen, nicht Stimmungen, sondern Fakten zu folgen.