Geschichte funktioniert nicht in schwarz und weiß. Sie besteht aus vielen Ebenen, die sich im Laufe der Zeit überlagern und vorsichtig getrennt werden müssen. Oft ist es auch nur der Zufall, der weitere Erkenntnis bringt, um diesen Zeitabschnitt besser zu verstehen.

Besonders eindrücklich wird das bei Wohnhäusern, die bis in diese Zeit hineinreichen. Sie besitzen einen mittelalterlichen Aufbau, wurden jedoch im Laufe der Zeit und entsprechend der jeweiligen Mode umgebaut oder ergänzt.

In Konstanz gibt es viele davon. Etliche sind in privater Hand, manche können angeschaut werden. Wir waren mit Stadtführer Daniel Gross in verschiedenen Häusern und haben einen Blick in die Vergangenheit geworfen.

Haus zum vorderen Tanz

Das Gebäude befindet sich in der Konstanzer Hohenhausgasse. Die Raumaufteilung folgt einem im Mittelalter üblichen Schema: Im Erdegschoss befinden sich die Wirtschaftsräume, im ersten Stock ist die Familie untergebracht.
 


Haus zum Delphin

Im Haus zum Delphin sind verschiedene Moden an Wandmalereien zu erkennen. 
 


Im Haus zum Delphin sind verschiedene Moden an Wandmalereien zu erkennen. Im Großteil des Raumes dominieren Muster aus der Barock-Zeit, an einer Wand wurde allerdings ältere Renaissance-Malerei freigelegt.

Renaissance-Malereien im "Haus zum Delphin". Sie wurden im Barock mit einem anderen Stil überpinselt.
Renaissance-Malereien im "Haus zum Delphin". Sie wurden im Barock mit einem anderen Stil überpinselt. | Bild: Guy Simon

Im dritten Stock des Gebäudes fand man einen hohen Raum mit Holzvertäfelungen aus dem Mittelalter, die schließlich durch Nachbauten ergänzt wurden.

Aus schriftlichen Quellen weiß man, dass sich in der Hussenstraße die Zunftstube der Zimmerleute befunden haben muss. Es wird vermutet, dass es sich bei dem Raum im Haus zum Delphin um eben jene Stube handelt.

Das "Haus zum Delphin" besitzt im dritten Stock einen größeren Raum mit hoher Decke, der mit einige Wahrscheinlichkeit, die spätmittelalterliche Zunftstube der Zimmerleute war. Der Raum wurde teilweise originalgetreu ergänzt.
Das "Haus zum Delphin" besitzt im dritten Stock einen größeren Raum mit hoher Decke, der mit einige Wahrscheinlichkeit, die spätmittelalterliche Zunftstube der Zimmerleute war. Der Raum wurde teilweise originalgetreu ergänzt. | Bild: Guy Simon


In den Zwischenböden der Räume fand man beim Umbau allerhand Material: Spielkarten aus dem 19. Jahrhundert, Münzen, Schlüssel, Fußsohlen und Stechpalmen.

Die waren absichtlich dort platziert worden. Mit den stacheligen Pflanzen wollte man verhindern, dass sich Ratten und Mäuse in den Hohlräumen ausbreiten und einnisten konnten.

Fund aus dem Zwischenboden im Haus zum Delphin. Mit der Stechpalme wollte man eine Ratten- und Mäuseplage in den Hohlräumen zwischen den Holzböden verhindern.
Fund aus dem Zwischenboden im Haus zum Delphin. Mit der Stechpalme wollte man eine Ratten- und Mäuseplage in den Hohlräumen zwischen den Holzböden verhindern. | Bild: Guy Simon

Dekoration

Neben verschiedenen Form- und Ornamentverzierungen finden sich in Konstanz auch komplexe Wandmalereien. Prominentes Beispiel ist das Haus zur Kunkel (Anmerk. d. Red.: Eine Kunkel ist ein Spinnrocken, ein stabförmiges Gerät, an dem die noch unversponnenen Fasern befestigt waren.).

Holz aus dem Haus wurde untersucht und konnte auf 1319 datiert werden, jedoch schon 1316 ist das Haus in einer Verkaufsurkunde erwähnt und demnach älter. Dort entdeckte man im zweiten Obergeschoss großflächige Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert. Zu sehen sind einerseits Szenen aus dem Parzival-Zyklus von Wolfram von Eschenbach.

Eine Wandmalerei aus dem Konstanzer Haus zur Kunkel. Gezeigt wird eine Szene aus der Erzählung vom Ritter Parzival gezeigt. Zu sehen ist, wie Parzival in roter Farbe, an den Hof von König Artus gelangt.
Eine Wandmalerei aus dem Konstanzer Haus zur Kunkel. Gezeigt wird eine Szene aus der Erzählung vom Ritter Parzival gezeigt. Zu sehen ist, wie Parzival in roter Farbe, an den Hof von König Artus gelangt. | Bild: Guy Simon

Sowie verschiedene Szenen mit webenden Frauen - daher auch die Bezeichnung des Gebäudes. Zu sehen ist an der Wand auch die Darstellung eines Herrschers mit Krone.

Mit schwarzen Verbindungslinien sind bestimmte Tiere seinen Sinnesorganen zugewiesen. So führt eine Linie vom Affen zum Mund, die Spinne im unteren Bereich steht für den Tastsinn.

Fünf Tiere, die je einem Sinn zugeordnet sind. Das Herrscherbild im Haus zur Kunkel befindet sich im selben Raum wie die Weberinnen-Darstellung und die Malereien des Parzival-Zyklus.
Fünf Tiere, die je einem Sinn zugeordnet sind. Das Herrscherbild im Haus zur Kunkel befindet sich im selben Raum wie die Weberinnen-Darstellung und die Malereien des Parzival-Zyklus. | Bild: Guy Simon

 Über die genaue Bedeutung der Motive und ihren Zusammenhang kann nur spekuliert werden. War einer der Besitzer vielleicht ein Arzt und führte deshalb die Darstellung der Sinne auf? Das Haus war meist von Geistlichen aus der nahen Stiftskirche St. Johann bewohnt.

In einem ehemaligen Domherrenhof am Münsterplatz 9 finden sich Zeichnungen aus dem frühen 16. Jahrhundert. Hier sind eindeutig biblische Themen umgesetzt.

Abraham, dessen Name auf der Zeichnung zu lesen ist, kehr von einem Feldzug zurück und erhält als Begrüßung Brot und Wein - ein Vorausgriff auf das letzte Abendmahl im Neuen Testament.

Etwas weiter rechts findet sich eine weitere Szene, deren Protagonisten ebenfalls beim Namen genannt sind, nämlich Sem und Japhet, die Söhne Noahs. Vermutlich ging die Malerei noch weiter und zeigte den dritten Sohn, Ham, ebenfalls. Leider wurde an der Stelle eine Tür durch die Wand gebrochen, wodurch die Zeichnung zerstört wurde.

Es wird angenommen, hier eine Darstellung von "Noahs Schande" zu sehen: Ham findet seinen betrunkenen Vater, der durch Verrutschen seiner Kleidung seine Blöße zeigt und wird dabei von seinen Brüdern entdeckt. Von Ham leitet sich auch das Wort "Scham" ab.

Sem und Japhet sind auf mittelalterlichen Zeichungen am Münsterplatz 9 in Konstanz zu sehen. Sie sind Söhne von Noah.
Sem und Japhet sind auf mittelalterlichen Zeichungen am Münsterplatz 9 in Konstanz zu sehen. Sie sind Söhne von Noah. | Bild: Guy Simon

Toilette im Mittelalter

In den Städten des Mittelalters und der frühen Neuzeit gab es hinter den Häusern spezielle Abfallstraßen, die die Funktion einer Kanalisation übernahmen und offene Entsorgungssysteme waren. Dort wurden Fäkalien ausgeschüttet und die Toiletten der damaligen Zeit, die Erker mit Plumpsklo hatten ihre Öffnung in diese Gassen.

Ein erhaltener Aborterker im E-Graben hinter dem Regenbogen in Konstanz
Ein erhaltener Aborterker im E-Graben hinter dem Regenbogen in Konstanz | Bild: Guy Simon

Die Gassen waren leicht abschüssig und liefen Rhein und Bodensee entgegen, wo die Abwässer schließlich hinflossen. Zudem besaßen die Hausdächer keine Regenrinnen. Bei einem Schauer lief das Wasser also über die Dächer direkt in die hinteren Gassen und spülte den Unrat fort.

Der E-Graben hinter dem Konstanzer Regenbogen bietet ein gutes Bild, wie im Mittelalter die Entsorgung der Fäkalien funktionierte.
Der E-Graben hinter dem Konstanzer Regenbogen bietet ein gutes Bild, wie im Mittelalter die Entsorgung der Fäkalien funktionierte. | Bild: Guy Simon