In keinem anderen Bundesland werden so viele Tierversuche durchgeführt wie in Baden-Württemberg. Die grün-schwarze Landesregierung bekennt sich in ihrem Koalitionsvertrag zwar ausdrücklich zum Ziel der Verringerung von Tierversuchen.

Mittel tröpfeln spärlich

Doch die konkreten finanziellen Mittel des Landes für die Erforschung von Alternativen sind bescheiden: Ganze 280000 Euro stellt das Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium im laufenden Jahr an Fördermitteln für entsprechende Projekte zur Verfügung. Das Wissenschaftsministerium nennt eine Summe von jährlich 200000 Euro. Kritik am spärlichen Mittelfluss kommt nicht nur von der Landtags-FDP und von Tierschützern, sondern auch aus der Wissenschaft selbst.

Im Vergleich eine „Lachnummer“

„Wenn man vergleicht, welche Summen es sonst bei Fördermitteln und Wissenschaftspreisen gibt, ist das eine Lachnummer“, sagt Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes. „Wir haben das Know-How im Land, es gibt viele kluge Köpfe. Aber es gibt keinen Anreiz, um wirklich nach Alternativen zu forschen“, sagt er. Hitzler vermisst hier „ganz massiv“ die grüne Handschrift der Landesregierung bei der Wissenschaftsförderung: „Was hier passiert, hat mit Innovation nichts zu tun“, sagt er.

Enttäuscht von grün-geführter Regierung

Auch für die Landtags-FDP tut sich in Sachen Tierversuchsvermeidung viel zu wenig. „Unsere Wissenschaftslandschaft steht hier mit ihrem biomedizinischen Schwerpunkt und dem bundesweit höchsten Versuchstierverbrauch besonders in Verantwortung“, sagt Klaus Hoher, Tierschutz-Experte der Liberalen. Auf die gerade erhaltene Antwort der Landesregierung auf eine FDP-Anfrage zum Versuchstierverbrauch im Land und zur Verbesserung des Tierschutzes zeigt sich Hoher ernüchtert. „Ich bin enttäuscht, dass ausgerechnet eine grün-geführte Landesregierung dieses Thema völlig schleifen lässt“, so Hoher.

Andere Bundesländer tun mehr

„Fünf andere deutsche Länder bauen derzeit Kompetenzzentren für Alternativmethoden auf und Grün-Schwarz hält es noch nicht einmal für nötig, das vorhandene Know-How eines international renommierten Lehrstuhls an der Universität Konstanz ausreichend zu fördern und zu nutzen.“

Konstanzer Forschung führend

Gemeint ist damit der Lehrstuhl von Professor Marcel Leist, den die Landesregierung gerne als Aushängeschild vorweist. Leist ist ein international gefragter Experte und Toxikologe, der neben dem Lehrstuhl für In-Vitro Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz auch das Zentrum für Alternativen zum Tierversuch in Europa (CAAT-Europe) leitet. 2006 war Leist deutschlandweit der erste Inhaber eines Lehrstuhls zur Entwicklung von Tierversuchs-Alternativen er und sein Team sind vielfach ausgezeichnet. Der einst vom Land mitfinanzierte Stiftungslehrstuhl wird mittlerweile von der Universität Konstanz getragen.

Alleinstellungsmerkmal ist dahin

„Wir hatten damals mit unseren Arbeiten ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland und Europa“, sagt Leist. Das ist dahin. Denn die anderen Bundesländer haben auch dank gezielter politischer Förderung aufgeholt. „Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen und Berlin bauen derzeit Landeszentren für den 3R-Ansatz zur Vermeidung von Tierversuchen auf, also interdisziplinäre Forschungs- und Lehrzentren für den Ansatz Replace, Reduce, Refine“ . Die 3R stehen für das Prinzip, Tierversuche möglichst zu ersetzen; wo das nicht geht, sie zu reduzieren; und sie, wo nötig, gezielter einzusetzen. Die Zentren sollen dafür sorgen, dass die Tierversuchs-Alternativen auch wirklich zum Einsatz kommen. „Vom Land kam und kommt für unser Zentrum aber kein Euro“, sagt Leist. „Dabei könnte man mit nur einer einzigen Stelle viel bewirken.“