Auch in gesetzten Demokratien gibt es Momente, in denen die Sonne der Monarchie durch die Wolkendecke des Alltags dringt. Winfried Kretschmanns weise Antwort auf die Flaggenfrage war ein solcher Moment: Er erlaubt das Hissen der badischen Flagge über dem alten großherzoglichen Schloss, obwohl es den Staat Baden nicht mehr gibt und das gelbe Tuch mit dem roten Balken dort nicht zu flattern hat.

So will es die Landesflaggenordnung, die der Ministerpräsident vertritt – und mit quasi fürstlicher Souveränität für die Dauer einer Ausstellung suspendiert. Ein Landesvater im Fürstenschuh.

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Kretschmann selbst stammt aus dem hohenzollerischen Laiz. Dort käme niemand auf die Idee, die alten Zollernfarben Weiß-Schwarz am Schulhaus zu flaggen.

Ein Stück Identität

Auch Rathäuser im Schwäbischen wird man selten mit rot-schwarzer Fahne sehen. Deshalb weiß Kretschmann, wie empfindlich die Gemüter in dieser Sache sind. Für viele bedeuten die badischen Farben ein Stück Identität, von dem sie ungern lassen. Das Karlsruher Schloss ist nur die Spitze des Eisbergs.

An vielen Häusern und Gartenlauben weht das vertraute Tuch, von Socken oder Wollmützen in dieser Optik einmal ganz abgesehen. Nicht nur an Fasnacht.

Doch wo liegen die Ursachen dafür? Warum ist in in Alt- und Neubaden der Wunsch danach so groß, während andere Bürger des Landes so etwas nicht brauchen? Der Schwabe, Pfälzer (in Heidelberg) oder Franke (Hohenlohe) ist vor allem Baden-Württemberger – und damit Teil eines Bundeslandes, in dem es sich gut leben und arbeiten lässt. Weitere ethnische Merkmale benötigt er nicht. Wozu also symbolische Binnengrenzen? Wer braucht Sonderhymnen oder heraldische Extrawürste?

Übrig blieben Baden und Württemberg

Der Schlüssel für diese Verwicklung liegt in den Kinderjahren des Bindestrichlandes. In einer Volksabstimmung sprach sich eine Mehrheit 1952 für das Zusammenfügen dreier Besatzungszonen aus. Dabei fiel Hohenzollern komplett unter den Tisch; übrig blieben Baden und Württemberg.

In weiser Ahnung der südbadischen Seelenlage hatte man das kleinere Baden als erstes Wort genommen und das größere Württemberg als zweites Wort hinter den Bindestrich gesetzt. Auch, um badischen Komplexen vorzubeugen.

Das reichte wohl nicht. Die gefühlte Bevormundung durch Landeshauptstadt und Landespolitik wurde verstärkt wahrgenommen. Sie geht bis heute einher mit dem Vorwurf, dass Württemberger vor allem die eigenen Gebiete bedienen und Geld in ihre Gewächshäuser leiten. Ausweislich aller Zahlen stimmt das nicht. Die Nachkriegszeit förderte, wo Bedarf war – egal ob Hotzenwald oder Schwäbische Alb. Mit Erfolg. Wer heute noch von einem Gefälle zwischen Ost und West redet, polemisiert unnötig. Daimler produziert in Rastatt und der Trollinger schmeckt besser denn je. Alles andere ist Jammern auf hohem Niveau.

Barbarossa weiß Bescheid

Dabei gäbe es ein verbindendes Zeichen: das Landeswappen mit den drei Stauferlöwen in den Farben Schwarz und Gelb. Es steht für die aufregendste Dynastie, die der Südwesten hervorgebracht hatte und von dessen Erbe die Zähringer dann zehrten.

Die Staufer saßen auf Burgen rechts und links des Oberrheins, auf der Alb und in der Nordschweiz und im Elsaß. Sie gründeten Städte, von denen sie nicht wussten, ob sie 700 Jahre später zu Baden oder nach Württembergisch fallen. Barbarossa und der arme Konradin sprachen Alemannisch, wussten einige Brocken Latein, sprachen ordentlich Italienisch. Kosmopoliten mit starkem Wurzelwerk – wenn das nicht zeitlos ist.

Der langjährige Ministerpräsident Hans Filbinger, ein Badener, ließ dieses verschüttete Erbe in der großen Stauferausstellung in den Vordergrund rücken (1977). Mit glänzendem Erfolg, die Schau mit erlesenen Exponaten schweißte die Landesteile zusammen. Wie wäre es mit den stolzen staufischen Raubkatzen für Karlsruhe – als Dauerleihgabe?