Küsschen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Umarmungen von Fraktionskollegen und ein bunter Blumenstrauß - die Grünen-Abgeordnete Muhterem Aras ist am bisherigen Höhepunkt ihrer politischen Laufbahn angekommen. Als erste Frau und erste Grüne wird sie am Mittwoch an die Spitze des Landtags in Stuttgart gewählt - und: bundesweit ist sie die erste Muslimin auf dem Posten. Sie selbst bezeichnete ihre Wahl als «ein Zeichen für Weltoffenheit, für Toleranz und für das Gelingen von Integration».

Eine Ernennung, die die rechtskonservative AfD ganz offensichtlich nicht goutiert: Die größte Oppositionsfraktion verweigert - mit Ausnahme des Alterspräsidenten Heinrich Kuhn - den Applaus. Lediglich der Chef der neu ins Parlament eingezogenen Alternative für Deutschland (AfD), Jörg Meuthen, gratuliert der Alevitin mit Handschlag. Die AfD hatte bei ihrem Bundesparteitag in Stuttgart kürzlich festgeschrieben, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Meuthen führt die Partei gemeinsam mit Frauke Petry auch im Bund.

Aras selbst kennt keine Berührungsängste, sieht man sie doch vor der ersten Sitzung des Landtags mit einer AfD-Abgeordneten im Gespräch. Auch ist sie es, die in ihrer Fraktion als erste Applaus für die Rede des Alterspräsidenten von der AfD spendet und damit vereinzelte Kollegen mitzieht.

Ansonsten sind die Fronten zwischen AfD und den anderen bereits im Landtag vertretenen Fraktionen schon bei der ersten Begegnung verhärtet. Denn der Antrag der AfD, wie bislang einen zweiten Vizepräsidentenposten zu installieren, wird von Grünen, CDU, SPD und FDP abgeschmettert. Als drittstärkste Kraft hätte die AfD nach einem ungeschriebenen Gesetz des Landtags auf diesen Posten Anspruch erheben können.

Die neue Präsidentin wünscht sich eine lebendige und faire Debattenkultur. Sie werde aber auch genau darauf achten, dass man im Parlament respektvoll und fair miteinander umgeht, sagt die zweifache Mutter. Vor der Sitzung hatte Meuthen ebenfalls betont: «Ich wünsche mir einen fairen und angemessenen Umgang - in der Sache hart, aber von gegenseitigem Respekt getragen.»

Eine politische Karriere war der zierlichen Frau mit Pagenschnitt nicht in die Wiege gelegt. Als eines von fünf Kindern kam sie mit ihrer Familie 1978 aus der Türkei nach Deutschland. Sie wuchs in einem anatolischen Dorf auf, «nicht behütet wie deutsche Kinder», erzählt sie. «Ich habe keinen Kindergarten besucht, hatte keine Schere in der Hand, kannte weder Knete noch Buntpapier», schildert sie ihr jungen Jahre. «Wir waren uns selbst und der Natur überlassen. Aber wir hatten eine unbeschwerte Kindheit.» Damals entstand auch ihr Faible für Schildkröten, denn die anatolischen Kinder lieferten sich auf den großen Tieren Wettrennen.

Aras' Mutter und ihr Vater, ein Arbeiter, wollten, dass es ihre Kinder einmal besser haben. «Bildung ist das Wichtigste», hieß es bei Aras zu Hause. So schaffte sie den Weg von der Hauptschule bis zum Abitur. Anschließend studierte sie Wirtschaftswissenschaften. 1999 gründete sie ihr eigenes Steuerberatungsbüro mit derzeit 12 Mitarbeitern in Stuttgart-Mitte. 1992 trat sie in die Grünen ein, im urbanen Wahlkreis Stuttgart I holte sie 2011 das Direktmandat. Bei der Landtagswahl am 13. März wurde sie mit 42,5 Prozent Stimmkönigin ihrer Partei.

Was ist das Geheimnis ihres Erfolges? «Entscheidend ist, was zwischen den Wahlkämpfen passiert», ist Aras überzeugt. Sie sei außerordentlich viel in ihrem innerstädtischen Wahlkreis unterwegs, nicht nur vor Wahlen: Politik müsse man stets mit Leidenschaft machen. In diesem Wahlkampf erhielt Aras tatkräftige Unterstützung von ihrer Mutter: Die hat das Telefonbuch zur Hand genommen und alle Bekannte und Verwandte angerufen, um sie an den Termin der Landtagswahl zu erinnern - und daran, dass ihre Tochter für die Grünen antritt.