Der 64-jährige Mann im dunklen Kapuzenmantel, eine Mütze bis tief in die Stirn herabgezogen, verfolgt die Verlesung der Anklage durch den aus Stuttgart angereisten Staatsanwalt Florian Sternberg ohne erkennbare Regung. Dabei spielt der aus dem Libanon stammende Vater von acht Kindern, nach eigenen Angaben jetzt staatenlos, vermutlich eine zentrale Rolle in dem Drama, das seit dem gestrigen Montag im Saal eins des Ravensburger Landgerichts aufgerollt wird.

"Eheähnliche Beziehung" mit Syrer arrangiert

Es geht um gemeinschaftlichen versuchten Mord aus niedrigen Beweggründen. Der Mann hat 2016 die "eheähnliche Beziehung" der damals 15-jährigen Tochter A. mit einem 17 Jahre älteren Syrer arrangiert. A. bekommt schnell einen Sohn. Aber schon ein Jahr später ist die befohlene Beziehung am Ende. A. hat sich in einen anderen Mann verliebt, wird erneut schwanger, und dann kommt es an jenem 27. Februar dieses Jahres in der Wohnung der Eltern in Laupheim zum Drama aus verletzter Familienehre.

Anwesend Vater und Mutter von A., der 20-jährige Bruder, gerade aus der Untersuchungshaft in Stuttgart entlassen, und der nach islamischem Recht "Ehemann". Bei der formellen Überprüfung der Personalien werden frühere Angaben zur Herkunft korrigiert. Die junge damals schwangere Frau, der das Gericht eine Anwesenheit an diesem ersten Prozesstag erspart hat, wurde demnach ebenso wie ihr Bruder in Libyen geboren. Von dort stammt auch ihre Mutter. Der angeklagte Vater und der Bruser gaben außerdem an, sie seien staatenlose Palästinenser.

Auf das Opfer eingestochen

Die Dolmetscher haben Mühe, alles zu übersetzen, was der Staatsanwalt vorträgt. Die verängstigte A. soll zunächst vom Bruder "vernommen" worden sein. Gezeigt wurden Bilder von ihr mit wenig Bekleidung. Dann hat der verlassene Syrer ein Messer (Klingenlänge 20 Zentimeter) in der Hand, sticht zu und verletzt die Frau an Händen und im Gesicht. Zuvor soll der Vater ihn aufgefordert haben, die Frau, seine Tochter, umzubringen. Jetzt sticht der Bruder auf seine Schwester mit einem Küchenmesser ein. Lungengewebe und Herzbeutel werden verletzt und das Opfer überlebt nur knapp.

Und als sei das alles nicht genug, werden 13 Videoaufnahmen gemacht, drei werden verschickt, auch an den neuen Partner von A., versehen mit der Drohung, auch ihn werde man abstechen. Und aus dem Off ist eine Stimme zu hören: "Schau, wo ich stehe. Ich genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen".

Was in der Anklage nicht zur Sprache kommt, ist die Aussage des Vaters im Interview mit einem Fernseh-Reporter. Da sagt er ungerührt: "Wenn ein islamischer Richter eine Frau zum Tode verurteilt, dann darf ich nicht Nein sagen". Gestern lässt er seinem Verteidiger vom Dolmetscher ausrichten, der dürfe keine Gespräche mit den Medien führen. Dafür zieht er während der Anklageverlesung ein großes Blatt Papier aus dem dunklen Mantel, eng beschrieben und sorgfältig zusammengefaltet. Will er eine Erklärung abgeben über seine Sicht von Ehre und Familie?

Der Angeklagte muss sich allerdings gedulden, denn der Vorsitzende Richter Veiko Böhm unterbricht den Prozess bis zum 9. Oktober. Bis dahin soll geklärt werden, ob ein dritter Dolmetscher vonnöten ist, denn so der Richter eher am Rande: "Es ist alles nicht ganz einfach." Das Verfahren um versuchten Mord soll vor dem Landgericht Ravensburg bis Ende November laufen.