Es ist eine Szene wie aus einem schlechten Film: Bewaffnet mit zwei mit Nägeln gespickten Holzlatten dringt ein Mann in das Büro einer Mitarbeiterin beim Amt für Aufenthalt und Integration in Tuttlingen ein. Er schlägt das Fenster und schließlich den Computer der Beamtin kaputt, bevor er auf die Straße rennt. Die Mitarbeiterin bleibt unverletzt, alarmiert aber sofort ihren Vorgesetzten Bernd Mager. Inzwischen holt der Angreifer vor dem Amt wahllos gegen vorbeifahrende Autos aus, schlägt auf die Motorhaube des Wagens einer jungen Frau. Diese hält an, versucht ihn zur Rede zu stellen. Der wütende Angreifer droht, sie zu verletzen.

Sozialdezernent Bernd Mager.

Bernd Mager, Sozialdezernent im Landratsamt Tuttlingen, stürzt nach dem Anruf seiner Mitarbeiterin ans Fenster, sieht die Szene und rennt hinaus. Der 55-Jährige versucht, den Mann zu beruhigen, mit dem er schon öfter zu tun hatte. Doch der holt aus. Einem Hieb mit der Holzlatte kann der Beamte ausweichen, der andere erwischt ihn im Gesicht. Mager gelingt es, den Mann zu überwältigen und am Boden zu fixieren, bis die Polizei eintrifft. Ein weiterer Mitarbeiter eilt hinzu und hält die Beine des Angreifers fest. „Ich bin froh, dass der jungen Frau nichts passiert ist“, sagt der Beamte im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

Bernd Mager (links) versucht seinen Angreifer noch abzuwehren. Dieser attackiert ihn mit zwei mit Nägeln gespickten Dachlatten.
Bernd Mager (rechts) versucht seinen Angreifer noch abzuwehren. Dieser attackiert ihn mit zwei mit Nägeln gespickten Dachlatten. | Bild: SK

Ehemaliger Landrat Guido Wolf zollt Dezernenten Respekt

Das alles erzählt Mager in ruhigem Ton – einen Tag, nachdem seine Schnittwunde im Krankenhaus behandelt wurde. Justizminister Guido Wolf zeigte sich auf Anfrage des SÜDKURIER erleichtert, dass den Mitarbeitern, die er noch aus seiner „damaligen Zeit als Landrat kenne, nichts Schlimmeres passiert ist. Vor dem Dezernenten, der eingegriffen hat, um den Angriff auf eine Passantin abzuwehren, habe ich großen Respekt.“

Abgespielt hatte sich die Szene am Dienstagmorgen, wie die Polizei gestern bekannt gab. Der Angreifer ist beiden Behörden bestens bekannt – sowohl der Polizei als auch dem Landratsamt. „Normalerweise randaliert er nur“, sagt Mager über den abgelehnten Asylbewerber. Der Mann hat offenbar keine Papiere. Die Polizei beschreibt ihn als 48-jährigen Pakistani, laut Mager könnte er „vom Dialekt her“ aber auch aus Afghanistan stammen. 2015 kam er laut Dezernenten nach Tuttlingen, im Februar 2016 wurde sein Antrag auf Asyl abgelehnt. Für die Abschiebung ist allerdings das Regierungspräsidium in Karlsruhe zuständig, doch wegen der fehlenden Ausweispapiere fehlt dem Amt demnach die Handhabe.

Dabei war der Ausbruch des 48-jährigen Tatverdächtigen nach Angaben Magers nicht der erste. „Die Situation eskaliert zunehmend“, klagt Mager. Immer wieder habe der abgelehnte Asylsuchende in den vergangenen Wochen Mitarbeiterinnen des Landratamts in der Tiefgarage aufgelauert. Erst vor kurzem habe er die Scheibe eines Geldautomaten zertrümmert, in seiner Unterkunft randaliert. Der entstandene Schaden im Landratsamt wird noch berechnet, Mager geht von einem sechsstelligen Betrag aus. Mehrfach sei die Polizei wegen des Asylsuchenden ausgerückt, mehrmals sei dieser über Nacht in die Psychiatrie eingewiesen worden.

Vor dem Landratsamt Tuttlingen spielt sich die Angriffsszene ab. Bild: Ingeborg Wagner
Vor dem Landratsamt Tuttlingen spielt sich die Angriffsszene ab. | Bild: Ingeborg Wagner

Mangels Papieren kann der Mann nicht in Abschiebehaft genommen werden

Trotz dieser Vorfälle kann der Mann nicht in zentrale Abschiebehaft gebracht werden, so Mager – mangels Papieren. Die Staatsanwaltschaft hat laut Polizei einen Antrag auf Untersuchungshaft gestellt, der derzeit noch geprüft werde. Darüber hinaus sei der 48-jährige Aggressor inzwischen einem Sonderstab des Innenministeriums als „gefährlicher Ausländer“ gemeldet worden, sagt Mager. Aus Ministeriumskreisen wurde dies bestätigt. „Generell ist es schwierig, Abschiebungen durchzuführen, insbesondere, wenn die Papiere fehlen, die Frage der Nationalität ungeklärt ist und es Probleme bei der Beschaffung von Ersatzpapieren gibt“, erklärt ein Sprecher auf Anfrage.

„Das alles ist wirklich bitter“, resümiert der Sozialdezernent, „weil wir sonst im Landkreis eine wirklich ruhige Situation haben, was Flüchtlinge betrifft." Die Integration anerkannter Asylanten laufe gut. „Fälle dieser Aggressivität sind die Ausnahme“, betont er. Seine Arbeit werde der Vorfall trotzdem nicht beeinträchtigen: „Ich mache meinen Job seit 18 Jahren und bin stabil genug.“ Die junge Frau, die er vor Schlimmerem bewahren konnte, sei inzwischen in seinem Büro vorbeigekommen und habe sich bedankt. Die Mutter dreier Kinder, die zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung nicht im Wagen saßen, stehe noch immer unter Schock.

Mager hofft nun auf Konsequenzen aus dem Regierungspräsidium in Karlsruhe: „Vielleicht lässt sich die Abschiebung jetzt ja doch beschleunigen. Wessen Asylantrag abgelehnt ist und wer sich noch dazu straffällig macht, hat hier nichts mehr verloren.“