„Was ist das für eine Demo?“, fragt ein Passant den Ordner. „Für Familienrechte“, antwortet dieser und verteilt Aufkleber. Darauf findet sich der Schriftzug „Demo für alle“ sowie das Logo mit dem Schattenriss einer Familie, das – so oder ähnlich – nicht nur von der französischen Anti-Schwulen- und Lesbenbewegung „Manif pour tous“ oder der russischen Putin-Partei unter dem Begriff „nastojaschaja Semja“ („richtige Familie“) verwendet werden.

Die Nähe dieser gesellschaftlichen Strömungen wird auf dem Stuttgarter Karlsplatz selbst hergestellt: „Sie sind Teil einer europäischen Bewegung zur Verteidigung der Familie, zur Verteidigung des Kindes“, sagt der Franzose Albéric Dumonat. Auch Redner aus anderen Ländern sind zwei Wochen vor der Landtagswahl gekommen, um gegen den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung und gegen „Gender-Ideologie“ zu demonstrieren. Die Redner werden unter Applaus der Menge nicht nur mit Namen, sondern auch mit der Zahl der gezeugten oder geborenen Kinder erwähnt.

Ulrike Schaude-Eckert vom Verein „Zukunft Verantwortung Lernen“ kritisierte, der Bildungsplan werde „im Hauruckverfahren als interner Verwaltungsakt“ auf den Weg gebracht. Bis heute enthalte er nicht bereinigte „katastrophale Fehler“ und „Aufrufe zu Antisemitismus und Christenhass“.

Hartmut Steeb, der Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschland und Vater von zehn Kindern, beschwor die „lebenslange Ehe von Mann und Frau“ als Norm und proklamierte Widerstand gegen den „Unsinn der Gender-Ideologie“. Auch der Weihbischof des Erzbistums Salzburg, Andreas Laun, hatte seinen Gastauftritt: „Gender ist eine teuflische Lüge.“ Das sei Umerziehung und Gehirnwäsche. Laun setzte Genderpolitik gleich mit Nazitum – ein „neuer Dämon“.

Zu Beginn wandte sich Organisatorin Hedwig von Beverfoerde (CDU) an die „Herrschaften von der Presse“, das Gesehene „ganz normal“ abzubilden. Und sie appelliert an andere Organisationen, keine Flyer zu verteilen mit rassistischem Inhalt. „Damit haben wir nichts am Hut!“, sagt Beverfoerde, die dem organisierenden Verein „Ehe-Familie-Leben e.V“ vorsteht. Formal ist die AfD-Politikerin Beatrix von Storch nicht mehr involviert. Bekenntnisse gibt es dennoch in Form von genormten Schildern mit dem Familien-Logo. Auch die rechtspopulistische AfD nutzt es auf ihren Plakaten. „Während die AfD im Land mal wieder um Pseudo-Distanzierung bemüht ist, sind ihre Anhänger vor Ort, um Plakate zu tragen und Flyer zu verteilen“, so Grünen-Chef Oliver Hildenbrand.

Den rund 4500 Demonstranten (Angabe der Polizei) standen mehrere Tausend Gegendemonstranten entgegen. Es kam zu 15 Verletzten aus der linken Szene. Die württembergischen Staatstheater und Künstler anderer Institutionen warben bei einem Kulturfest für Toleranz und Weltoffenheit, an der Oper hing die Regenbogenflagge. Während sich im Talkessel die Radikalchristen schworen, für eine „Definition von Familie als Vater, Mutter, Kind“ bis vor die EU-Kommission zu ziehen, hielt Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Haus der Architekten vor rund 180 Zuhörern eine Grundsatzrede zum Zusammenhalt der Gesellschaft.

Am 3. Februar 2011, wenige Wochen vor der Landtagswahl, stand der Grüne schon einmal an diesem Ort. Damals nutzte er den Neujahrsempfang, um seine Politik des Gehörtwerdens vorzustellen. Die Rede trug den Titel „Mein Weg für Baden-Württemberg“.

Das sei nun wieder das Motiv gewesen, sagte Kretschmann gegenüber unserer Zeitung. Die Polarisierungen in der Gesellschaft hätten zugenommen, nicht allein in Baden-Württemberg. „Überall in Europa sind radikale, rechtspopulistische Bewegungen und Parteien auf dem Vormarsch“, sagte er. „Sie agieren in einer Sprache, die mit Gewalt liebäugelt.“ Gemeinsam sei all diesen Bewegungen, dass sie Menschenrechte und zivilisatorische Errungenschaften infrage stellen und zur Diskriminierung von Minderheiten neigen. Internationale Bündnisse würden nicht mehr nur kritisiert, sondern in Gänze abgelehnt und bekämpft, demokratische Institutionen würden diskreditiert und ihnen die Legitimität abgesprochen. Mit Blick auf die Flüchtlingskrise forderte er die Gesellschaft zum Zusammenhalt auf.

Kretschmann zeigte sich in seiner Rede besorgt darüber, dass auch im wirtschaftlich starken Baden-Württemberg mit einer hohen Zahl integrierter Migranten die rechtskonservative Alternative für Deutschland (AfD) Zulauf hat. Er wolle sich gar nicht vorstellen, wie dies aussehe in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. „Die mangelnde Solidarität in Europa, der Rückzug ins Nationale und den vermeintlich sicheren Hafen des Vertrauten – all das ist brandgefährlich“, betonte Kretschmann, der die Beibehaltung eines Integrationsministeriums für zwingend notwendig hält. In der neuen Legislaturperiode wolle er einen „breiten Dialogprozess anstoßen“ und regionale Bürgerforen einrichten. Auch schwebt ihm eine Zukunftskommission vor, die eine Agenda für den Zusammenhalt entwickeln soll.

Unter Kretschmanns Zuhörern setzte auch der katholische Stadtdekan Christian Hermes – wie sein evangelischer Kollege – durch Anwesenheit Zeichen. Dass sein österreichischer Glaubensbruder zweihundert Meter Luftlinie entfernt die „Dämonen der Genderpolitik“ geißelt, erregt bei ihm nur Kopfschütteln: „Es herrscht Reisefreiheit.“ Auch ideologische Weihbischöfe könnten offene Grenzen nutzen.