Herr Wehrle, die Tannheimer Nachsorgeklinik ist im November seit 20 Jahren in Betrieb. Die Einrichtung hat seither 14 000 Patienten und Familienangehörige therapiert. Pro Jahr sind bis zu 800 schwerkranke Patienten im Haus, um die Sie sich mit Ihren 160 Mitarbeitern umfassend kümmern. Wie sehen Sie das Haus positioniert?

Es ist uns gelungen, dass wir heute als führende Einrichtung in der Rehabilitationsbehandlung für Mukoviszidose-Patienten und in der Kinderkardiologie in Deutschland gelten. Es gibt bei diesen beiden Krankheitsbildern eine so große Nachfrage bei uns, dass wir den Bedarf mit bis zu halbjährigen Wartezeiten abpuffern müssen. Eine große Nachfrage besteht bei Lungentransplantierten, für die wir wiederum jederzeit einen Therapieplatz zur Verfügung stellen können. Bei den verwaisten Familien haben wir aktuell 80 Behandlungsplätze. Dem gegenüber steht heute eine drei- bis vierfache Nachfrage. Wissen muss man: Auf diesem Gebiet sind wir das einzige Haus in unserem Land, das eine solche Betreuung anbietet.

Alltag in der Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Familie Höhler sitzt im Ruhe- und Leseraum der Klinik (von links): Papa Andreas Höhler, Patient Alexander, seine Geschwister Marina, Leonie sowie Mutter Christine Höhler. Bild: Roland Sigwart
Alltag in der Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Familie Höhler sitzt im Ruhe- und Leseraum der Klinik (von links): Papa Andreas Höhler, Patient Alexander, seine Geschwister Marina, Leonie sowie Mutter Christine Höhler. Bild: Roland Sigwart | Bild: Roland Sigwart

Nun konkretisiert sich zusehends ein Versorgungsproblem der besonderen Art: Sie finden nur noch schwer genug Ärzte. Was ist da los?

Man muss erstens sehen, dass wir für unsere spezielle Indikationen Onkokologie, Kinderkardiologie und Mukoviszidose gezielt und umfassend ausgebildete Ärzte brauchen, die nur schwer zu finden sind. Es gibt einfach in unserem Land zu wenige davon, auch die Akutkliniken haben enorme Probleme, diese Facharztpositionen zu besetzen. Erschwerend ist: Viele haben eine minderwertige Vorstellung von Reha, Nachwuchskräfte streben deshalb in den Akutbereich. Wir aber brauchen die besten Ärzte, weil die Behandlungs- und Therapiemethoden und Behandlungsprotokolle in der Kinderonkologie so speziell sind. Im Bereich der Mukoviszidose ist eine laufende Weiterbildung erforderlich, hier steuert der medizinische Fortschritt die Anforderungen. Patienten mit dieser Krankheit werden heute im Schnitt doppelt so alt wie vor 25 Jahren noch. Ein weiterer Grund für unsere Erschwernisse ist die Anziehungskraft der Ballungsräume, die ländliche Region hat oft das Nachsehen. Drittens macht uns die Schweiz zu schaffen, hierhin werden viele unserer Ärzte abgezogen, das Einkommen dort und die Arbeitszeiten sind ehrlicherweise attraktiver als bei uns.

Ein Strukturproblem also?

Ja, da ist die Politik gefragt. In vielen Hausarztpraxen finden sich ja auch keine Nachfolger. Nach wie vor ist es offenbar auch so, dass nur jeder vierte Bewerber einen Studienplatz für Medizin erhält. Das kann es nicht sein. Ich fordere hier ganz klar die Schaffung zusätzlicher Studienplätze. Die Konstellationen sind allerdings seit Jahren bekannt aber man hat nicht reagiert. Das wird uns aber in den nächsten Jahren erst einmal nicht helfen.

Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Familie Höhler im Gespräch mit den Klinikleitern (hintere Reihe von links): Finanzleiter Thomas Müller, Mama Christine Höhler, Papa Andreas Höhler und Klinikchef Roland Wehrle. Vorne von links Leonie Höhler, Patient Alexander Höhler und Marina Höhler. Bild: Roland Sigwart
Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Familie Höhler im Gespräch mit den Klinikleitern (hintere Reihe von links): Finanzleiter Thomas Müller, Mama Christine Höhler, Papa Andreas Höhler und Klinikchef Roland Wehrle. Vorne von links Leonie Höhler, Patient Alexander Höhler und Marina Höhler. Bild: Roland Sigwart | Bild: Roland Sigwart

Wie gehen Sie an das Problem ran?

Mit vielen Notlösungen gelingt es uns, die Versorgung sicher zu stellen. Wir haben etwa einen Kinderkardiologen aus München, der Chef der Hamburger Kinderkardiologie war. Er wirkt tageweise bei uns in der Diagnostik und hilft uns, Lücken zu schließen. Wir suchen seit zwei Jahren einen zweiten Kinderkardiologen und finden keinen. Die Lage in der Mukoviszidose-Abteilung ist vergleichbar. Außerdem suchen wir einen Kinderpneumologen.

Die ärztliche Versorgung ist so kritisch?

Sagen wir es so: Die Lage ist äußerst angespannt und es darf zu keinen weiteren Ausfällen kommen. Insgesamt sind wir froh, dass wir es schaffen, höchst zufriedene Patienten bei uns im Regelfall nach vier Wochen entlassen zu können.

Welche Rolle spielen dabei eigentlich die Kranken- und Rentenversicherer?

Die Anforderungen sind für uns teils schwer zu erfüllen, das Fachpersonal ist manchmal nicht vorhanden. Ärzte die wir haben, wie zum Beispiel eine Medizinerin, die bei uns seit neun Jahren Mukoviszidose therapiert und von Fachleuten bescheinigt bekommt, hervorragend zu arbeiten, wird noch in ihrer Arbeit behindert, weil ihr eine geforderte Zusatzqualifikation auf dem Gebiet der Pneumologie fehlt. Wir brauchen hier gute Kompromisse mit den Kostenträgern. Wir können im Regelfall nachweisen, dass die Leistungsfähigkeit vorhanden und das Personal auch hoch qualifiziert ist. Formell fehlen dann in einigen Fällen eben die faktischen Bescheinigungen für Zusatzausbildungen. Das alles erschwert bei uns den Betrieb extrem.

Wie bedeutsam ist es für den Behandlungserfolg bei Ihnen, dass den Patienten eine freundliche Atmosphäre zuteil wird?

Das trägt entscheidend zum Behandlungserfolg bei. Die Familien kommen zu uns aus Akutkliniken und damit aus einer Umgebung mit großer Nüchternheit. Bei uns empfängt diese Menschen eine familienfreundliche Umgebung, wo sich die Patienten auch einfach einmal fallen lassen können. Unsere Mitarbeiter sind hoch engagiert und arbeiten mit hoher Sensibilität.

Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Dennis Mosch bei der Sporttherapie mit Sporttherapeut Axel Evertsbusch. Bild: Roland Sigwart
Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Dennis Mosch bei der Sporttherapie mit Sporttherapeut Axel Evertsbusch. Bild: Roland Sigwart | Bild: Roland Sigwart

Ein einfühlsames Vorgehen ist oberste Pflicht?

Ja – eine Atmosphäre der Geborgenheit und Sicherheit ist elementar, wenn beispielsweise Eltern wissen, dass ihr Kind medizinisch und psychologisch hoch belastet ist oder wenn die Situation sogar so ist, dass nur noch von einer begrenzten Lebenserwartung eines betroffenen Kindes ausgegangen werden muss. Diese Aufgabenstellung ist umfassender, als man zunächst meinen könnte: Besonders betreuungsintensiv sind in solch extrem schwierigen Lebenslagen die Eltern und Geschwisterkinder. Hier gilt es, die Angehörigen auf das eigene Leben zu konzentrieren. Wir begleiten Betroffene umfassend dabei zu erkennen, dass nicht immer nur das Leid des Patienten alles dominieren darf. Der Patient wird bei uns aus seiner Sonderrolle herausgeholt und die allernächsten Angehörigen sind in das Behandlungskonzept integriert. Oft ist die ganze Familie erheblich belastet, hierauf richtet sich unser ganzheitlicher Therapieansatz gezielt.

Wie steht das Haus denn finanziell da?

In der Zwischenzeit brauchen wir bei einer hundertprozentigen Jahresbelegung leider immer noch 600 000 Euro an Spenden für den laufenden Betrieb, weil die Pflegesätze nicht ausreichend sind und nicht Schritt halten beispielsweise mit der tariflichen Lohnentwicklung von einem knapp zwanzigprozentigen Anstieg in den letzten zwei Jahrzehnten. Hinzu kommt, dass wir heute viel aufwendiger zu therapierende Patienten haben. Zur Verschuldung: 12,6 Millionen Euro Darlehen hatten wir 1997 auf unseren Konten lasten. Heute konnten wir das bis auf 1,7 Millionen Euro zurückführen. Das ist die große Errungenschaft von Spenden, Erbschaften und Bußgeldern. Letztere verfügen Richter ab und an zu unseren Gunsten bei Verurteilten.

Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Tim Schadewald in seinem Zimmer im renovierungsbedürftigen "VfB-Trakt". Bild: Roland Sigwart
Kinderkrebsnachsorgeklinik Tannheim: Tim Schadewald in seinem Zimmer im renovierungsbedürftigen "VfB-Trakt". Bild: Roland Sigwart | Bild: Roland Sigwart

Zur erfolgreichen Tilgung kommt ja auch die Herausforderung des Unterhalts der Gesamtanlage.

Ja – Erneuerung, Ausbau, Sanierung sind nur über die Spendenaktionen des SÜDKURIER möglich. Als Beispiel: Alle sechs bis acht Jahre brauchen wir eine neue EDV-Technik, um ganz einfach bei der Entwicklung und Digitalisierung Schritt halten zu können. Es sind in den vergangenen Jahren über 46 Millionen Spenden bei uns eingegangen, allein von den Spendenaktionen des SÜDKURIER waren es exakt 6,5 Millionen Euro. Immer wieder stelle ich fest, dass betroffene Familien aus der Zeitung überhaupt erst erfahren, dass es unsere spezielle Hilfe gibt, auf dem Gebiet der Herzkrankheiten und auf dem Gebiet der verwaisten Familien gibt es hier teils sehr hohe Informationsdefizite im Gesundheitssystem.

Fragen: Norbert Trippl

 

Projektbeschreibung

Ziel der Weihnachtsaktion ist die Renovierung des VfB-Hauses für die jugendlichen und jungen erwachsenen Patienten sowie der Bau eines Erlebnisparcours. Nach zwanzig erfolgreichen Jahren der familienorientierten Rehabilitation, der Betreuung verwaister Familien und der Versorgung jugendlicher- und erwachsener Patienten, ist es notwendig, für die jugendlichen Patienten und für junge Erwachsene eine den modernen Anforderungen bedarfsgerechte Unterbringung sicherzustellen. Die Renovierung ist wichtig, da immer mehr Patienten direkt nach dem Aufenthalt im Akut-Klinikum zur Rehabilitation kommen. Häufige Probleme sind eine ständige Sauerstoffversorgung, Immobilität oder auch generell ein instabiler Gesundheitszustands. (tri)

So spenden Sie

Spenden unter Stichwort „Tannheim“ bei Sparkasse Schwarzwald-Baar, Konto: 10550011, Bankleitzahl 694 500 65, IBAN: DE17 6945 0065 0010 5500 11, SWIFT-BIC.: SOLADES1VSS. Eine Spendenbescheinigung wird von 100 Euro an ausgestellt. Unterhalb dieses Betrages reicht beim Finanzamt die Vorlage des Kontoauszuges.

 

Zur Person

Roland Wehrle leitet das Tannheimer Haus vom ersten Tag an. Er ist seit 33 Jahren auf dem Gebiet der familienorientierten Rehabilitation tätig, zunächst in der Katharinenhöhe bei Furtwangen, seit 1990 in der Vorbereitung für den Bau des Tannheimer Hauses. Roland Wehrle wirkt auch als Vorstand der Deutschen Kinderkrebsnachsorge. Diese Stiftung leitet er gemeinsam mit der Fernsehmoderatorin Sonja Faber-Schrecklein. Der 68-Jährige aus Furtwangen ist nicht nur als Geschäftsführer der Tannheimer Nachsorgeklinik bekannt, sondern er wirkt auch als Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte. (tri)

Roland Wehrle, Leiter der Nachsorgeklinik Tannheim.