Herr Liessmann, sowohl in Ihrer Heimat Österreich als auch bei uns in Deutschland haben sich in den vergangenen Wahlkämpfen alle Parteien für mehr und bessere Bildung ausgesprochen. Freut Sie das?

Der Begriff Bildung wird mittlerweile so allgemein verwendet, dass gegen ihn niemand etwas haben kann. Sich für mehr Bildung auszusprechen ist wie die Forderung nach schönem Wetter: Auch da werden Sie keinen Protest zu hören bekommen. Interessant wird es erst, wenn jemand genauer nachfragt, was darunter zu verstehen ist.

Der neue österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz versteht darunter zum Beispiel eine Bildungspflicht.

Damit meint er, dass Jugendliche, die mit 15 Jahren immer noch nicht lesen und schreiben können, noch weitere drei Jahre in die Schule gehen müssen. In diesen zusätzlichen drei Jahren sollen sie dann – endlich! – lernen, unsere grundlegenden Kulturtechniken zu beherrschen.

Der Vorschlag scheint Sie nicht zu überzeugen.

Nun, im Jahr 1900 hat man für den Erwerb dieser Kulturtechniken in der Regel drei Jahre gebraucht, heute sind es zwölf. Soll ich das als positive Entwicklung interpretieren? Es ist doch offensichtlich, dass unsere Bildungssysteme mit den an sie gestellten Anforderungen nicht mehr fertig werden. Wenigstens einen Großteil der jungen Menschen mit den notwendigsten Kulturtechniken zu versehen, scheint ihnen kaum noch möglich zu sein.

Haben die Bildungsreformen der vergangenen Jahrzehnte nicht gefruchtet?

Jedenfalls haben sie zu keiner deutlichen Verbesserung der Bildung geführt, auch wenn die Abiturientenquoten steigen. Universitäten klagen aber darüber, dass das Abitur schon lange keine Hochschulreife mehr bedeutet. Immer mehr Unis verlassen sich nicht mehr auf den Numerus clausus und verlangen Eignungsprüfungen. Das zeigt doch, welche Diskrepanz zwischen dem rhetorischen Bekenntnis zur Bildung und der Wirklichkeit in vielen Bereichen besteht.

Noch vor 50 Jahren hatten wir viel breiteren Konsens darüber, was man wissen muss. Heute scheint das mehr und mehr Ansichtssache zu werden. Warum?

Die Frage, was man wissen muss, haben wir flächendeckend ersetzt durch die Frage, welche Kompetenzen man erwerben soll. Ich halte das für einen gravierenden Fehler.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie nur die Lesekompetenz. Früher lernte man lesen, um die wichtigsten Bücher kennenzulernen. Die Fähigkeit des Lesens war die Voraussetzung für literarische Bildung. Und diese bestand in der Auseinandersetzung mit einem Kanon. Heute gilt die Auffassung, es gebe gar keine wichtigen Bücher mehr. Was wir über unsere Welt wissen sollten, können wir über Videos erfahren. Lesen lernt man deshalb nicht mehr, um wichtigen Büchern oder Texten zu begegnen, sondern um alles Mögliche oder auch nichts zu lesen. Das ist der einzige Konsens in unserer Gesellschaft: Der Schüler sollte irgendwie lesen lernen, mit welchen Texten ist völlig gleichgültig.

Hände hoch, wer lesen kann! Immer mehr Kinder haben mit dieser Kulturtechnik ihre Probleme.
Hände hoch, wer lesen kann! Immer mehr Kinder haben mit dieser Kulturtechnik ihre Probleme. | Bild: Patrick Pleul dpa/lbn

Warum scheuen wir die Diskussion um Inhalte?

Aus Bequemlichkeit. Wir ersparen uns damit die Debatte darüber, was eigentlich wichtig ist. Gleichzeitig bringt diese Haltung aber junge Menschen um die Möglichkeit, die Grundlagen ihrer Kultur kennenzulernen. Das Interessante ist: Die wirklich wichtigen Bücher sind in unserer Kommunikation ja nach wie vor präsent. Wir enthalten sie den Jugendlichen nur vor. Wir verbieten ihnen geradezu, das zu lesen, worauf sie später, wenn sie sich in der Welt bewegen, stoßen werden. Ich halte das für ein ausgesprochen dummes Manöver.

In den Fremdsprachen…

…die Fremdsprachen! Auch Englisch- und Französischunterricht kommt mittlerweile völlig ohne Literatur aus. Es ist ja einzusehen, wenn man junge Menschen vor allem in die Lage versetzen will, sich im Alltag gut zu verständigen. Aber das schließt doch nicht aus, dass ein Siebzehnjähriger auch mal ein paar Seiten von William Shakespeare oder Albert Camus im Original liest!

Was ist der Vorteil einer Bildung, die sich an Inhalten statt an Kompetenzen orientiert?

Dass sich junge Menschen an den wirklich spannenden Auseinandersetzungen beteiligen können. Denn diese drehen sich doch nie um bloße Kompetenzen, sondern immer um Inhalte! Kompetenzen sind fokussiert auf einzelne Fähigkeiten. Bildung fragt danach, wie diese Fähigkeiten eingesetzt werden: Da kombiniert sich Kompetenz mit Wissen zu einer individuellen Persönlichkeit. Deshalb beeindrucken viele kompetenzorientiert ausgebildeten Menschen zwar mit einer Vielzahl von Qualifikationen in ihrem Lebenslauf, aber die Persönlichkeiten werden seltener.

Macht Bildung glücklich?

Das glaube ich nicht. Ganz im Gegenteil: Vielleicht hat diese ganze Kompetenzorientierung mit ihrer Vermeidung wirklich spannender Diskussionen auch das Ziel, eine Form von Glück zu befördern. Das wäre dann eine stumpfe Zufriedenheit, gepaart mit Anspruchsdenken und Verantwortungslosigkeit. Bildung dagegen enthält immer zwei Unglücksmomente.

Und zwar?

Erstens: Je mehr ich von der Welt weiß, desto mehr wird mir bewusst, was in ihr alles schiefläuft. Bildung macht vor den dunklen Seiten des Menschen nicht halt, im Gegenteil. Zweitens: Je mehr ich von der Welt weiß, desto mehr wird mir bewusst, was ich alles nicht weiß. Offensichtlich versucht man, jungen Menschen diese beiden Unglücksmomente zu ersparen, indem man ihnen suggeriert: Du weißt zwar nichts, aber gleichzeitig weißt du alles, weil du nämlich ein Smartphone besitzt.

Das Smartphone als Allzweckwaffe?

Ja. Und wir sagen jungen Menschen: Die deprimierenden Erfahrungen, die diese Welt für dich bereithält und die du in der Literatur, in der Kunst, in der Oper, in der Philosophie kennenlernen könntest, ersparen wir dir einfach mal. Dafür richten wir dir eine Schutzzone ein, in der du nur noch positive Erlebnisse hast.

Wenn diese positiven Erlebnisse lebenslang anhalten, wäre das doch gar kein schlechter Ansatz!

Nur ist es so, dass trotzdem jeder früher oder später mal Bekanntschaft mit Frustrationserfahrungen macht. Und wir bleiben leidende und sterbliche Wesen. Warum tun wir so, als könnten wir junge Menschen auf diesen Moment dadurch vorbereiten, indem wir ihnen alles vorenthalten, was diese Welt auszeichnet? Wir alle kommen irgendwann an den Punkt, an dem wir erkennen müssen, dass unser Wissen nicht genügt und man nicht einfach alles nachschlagen kann.

Wikipedia ersetzt inzwischen zu weiten Teilen unser Gedächtnis. Dabei lässt sich Bildung nicht ans Internet delegieren.
Wikipedia ersetzt inzwischen zu weiten Teilen unser Gedächtnis. Dabei lässt sich Bildung nicht ans Internet delegieren. | Bild: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Ein an Inhalten statt an Kompetenzen orientierter Geschichtsunterricht hat über Jahrzehnte hinweg das Ziel verfolgt, eine freiheitliche Gesellschaft zu befördern. Das Ergebnis der letzten Bundestagswahl lässt am Erfolg dieses Vorhabens Zweifel aufkommen!

Ja. Aber dieser Glaube daran, durch Bildung Humanität befördern zu können und am Ende die Wahl bestimmter Parteien zu verhindern: Das war natürlich ein Missverständnis. Zentrales Element von Bildung ist, Menschen in die Lage zu bringen, freie Entscheidungen zu treffen. Und Freiheit bedeutet nun mal Risiko. Deshalb wird die AfD ja auch nicht nur von Ungebildeten gewählt, sondern auch von Gebildeten. Für die Renaissance des nationalistischen und extremistischen Gedankenguts muss es also andere Gründe geben.

Welche?

Zum Beispiel ein Geschichtsunterricht, der im Zuge der Kompetenzorientierung immer mehr auf rein ideologische Botschaften verkürzt worden ist. Statt objektiven Geschichtsunterricht gibt es zunehmend Gesinnungsunterricht.

Im Zuge der Digitalisierung ist oft von freiem Wissen die Rede, zu denen bald alle Zugang hätten…

…schwerer Fehler! Zugang haben wir nicht zu Wissen, sondern höchstens zu Informationen. Wer Informationen aber nicht bewerten und verknüpfen kann, steht ihnen hilflos gegenüber. Friedrich Nietzsche sagte einmal: „Was alle wissen, wird von allen vergessen.“ Was allen zugänglich ist, nutzt kein Mensch, weil es eben dadurch seinen Reiz verliert.

Zum Beispiel?

Was haben wir früher nicht geklagt über die angeblich so hohen Bildungsbarrieren! Ein Buch von Goethe: Das kann sich ein Proletarierkind doch gar nicht leisten! Nur deshalb muss es billige Comics lesen, obwohl es sich so gerne mit Faust beschäftigen würde! Und jetzt? Jeder kann sich seine Goethe-Gesamtausgabe für 99 Cent im Internet besorgen. Wären wir wirklich so erpicht auf dieses Wissen, wie manche Netzideologen behaupten, dann würde diese Ausgabe pausenlos heruntergeladen. Wird sie aber nicht.

Und warum nicht?

Ein wesentliches Motiv für Neugier ist doch, dass etwas nicht schon überall kostenlos offeriert wird, sondern erst entdeckt werden will. Deshalb plädiere ich statt der allgemeinen Verfügbarkeit von Bildungsangeboten sogar für deren Verknappung! Das Problem ist, dass Bildungspolitik und Bildungsanbieter so tun, als lasse Bildung sich ganz einfach konsumieren. Aber Bildung lässt sich nicht konsumieren, deshalb kann man sie auch nicht vererben wie Geld.

Das sehen manche anders!

Das Gerede von Vererbbarkeit der Bildung ist ziemlich dumm. Auch wenn ein Kind bei gebildeten Eltern aufwächst, mit Büchern und Konzertbesuchen, braucht es noch die eigene Bereitschaft, aus diesen Möglichkeiten auch etwas zu machen. Jungen Menschen diese Anstrengungen zu ersparen, halte ich für verhängnisvoll. Gleichzeitig wird mit dieser Formel suggeriert, dass es böse ist, Bildung weitergeben zu wollen. Das Problem besteht, wenn, dann in der demonstrativen Vererbung von Unbildung!

Ihr US-amerikanischer Kollege Jason Brennan will das Wahlrecht künftig an die Bildung knüpfen. Was halten Sie davon?

Ich bin dagegen. Was die moderne Demokratie auszeichnet, ist ja, dass jemand sein Mitbestimmungsrecht gerade nicht wegen einer besonderen Qualifikation erhält. Beschränkungen des Wahlrechts haben wir in unserer Geschichte schon lange genug ausprobiert. Die Erfahrung hat gezeigt, dass das der Idee von Demokratie widerspricht.

Fragen: Johannes Bruggaier

Buchtipp: Konrad Paul Liessmann: „Bildung als Provokation“, Zsolnay Verlag 2017; 240 Seiten, 22 Euro.

 

Zur Person

Konrad Paul Liessmann, 64, lehrt als Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien. Bekannt ist er vor allem für seine Essays zu Fragen der Ästhetik, Kunst- und Kulturphilosophie. Seit 1996 ist er wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum in Lech, von 2002 bis 2006 leitete er auch den Friedrich-Heer-Arbeitskreis der österreichischen Forschungsgemeinschaft. 2006 wurde er zu Österreichs Wissenschaftler des Jahres ernannt. Gerade erschienen ist sein Buch "Bildung als Provokation" (Zsolnay Verlag). (brg)

 


Sind unsere Schulbücher noch verständlich?

Wenn Schüler in Baden-Württemberg nur Bahnhof verstehen, muss das nicht unbedingt an ihnen selbst oder am Lehrer liegen. Schuld könnte auch das Schulbuch sein. Wissenschaftler der Universität Tübingen haben jetzt herausgefunden, dass die Sprache zahlreicher aktuell verwendeter Lehrmaterialien kaum Rücksicht auf den Entwicklungsstand ihres Publikums nimmt.

Laut einer Studie zielt die Sprache vieler Schulbücher an ihren Adressaten vorbei.
Laut einer Studie zielt die Sprache vieler Schulbücher an ihren Adressaten vorbei. | Bild: Achim Scheidemann dpa/lrs

"Eigentlich müsste sich die in Schulbüchern verwendete Sprache systematisch entwickeln", sagt Karin Berendes vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung gegenüber dem SÜDKURIER. "Das bedeutet, dass ein Siebtklässler einen komplexeren Text zu lesen bekommt als etwa noch ein Fünftklässler." Um diese Erwartung zu überprüfen, hat sie mit ihren wissenschaftlichen Kollegen 3000 Texte aus Geografiebüchern von vier Schulbuchverlagen untersucht. Das Ergebnis: "In manchen Fällen ist die Sprache in Werken für die siebte Klasse von denen für die fünfte kaum zu unterscheiden."

Die Folgen können sowohl eine Unter- als auch eine Überforderung der Schüler sein, je nachdem, in welcher Alters- und Entwicklungsstufe sie mit dem Text konfrontiert werden. Die Tübinger Forscher fordern deshalb jetzt eine verstärkte Berücksichtigung der jeweiligen Lesekompetenz bei der Erstellung von Schulbüchern.

Bei den Verlagen stoßen sie damit anscheinend auf offene Ohren. "Wir haben bei unserer Studie von Beginn an eine große Kooperationsbereitschaft der Schulbuchverlage erlebt", sagt Berendes: "Das Problembewusstsein ist dort sehr ausgeprägt." Aus diesem Grund wollen die Wissenschaftler auch keine konkreten Beispiele veröffentlichen. "Es geht uns nicht darum, einzelne Verlage vorzuführen", erklärt die Tübinger Wissenschaftlerin. Ohnehin beruhten diese Ergebnisse bislang ausschließlich auf rein textanalytischen Verfahren. Zur Überprüfung ist noch kein einziger Schüler interviewt worden.

Zumindest einen Einblick in die Bewertungskriterien gibt Berendes aber doch. So hätten die Wissenschaftler untersucht, aus wie vielen Wörtern ein Satz im Durchschnitt besteht und welche grammatikalischen Strukturen er verwende. Auch für die Häufigkeit des Genitivs sowie sogenannter Konnektoren interessierten sich die Forscher. Als Konnektoren gelten Wörter wie "allerdings" und "stattdessen", mit deren Hilfe sich unterschiedliche Sätze in eine Beziehung zueinander setzen lassen. Je nach Entwicklungsstand können solche Verknüpfungen nur schwer verständlich erscheinen.

Ist es denn aber nicht sinnvoll, Schüler schon möglichst früh an komplexe Sprachstrukturen zu gewöhnen? "Lerntheoretisch ganz bestimmt nicht", sagt Berendes. Denn eine solche Überforderung führe zu einem dramatischen Sinken der Lernmotivation. Und ohne Lernmotivation stagniere auch die Lesekompetenz. Als Faustregel gelte: Neuer Lernstoff soll leicht über dem aktuellen Niveau eines Schülers liegen. Dann klappt's auch mit der Motivation. (brg)