Sie wirken wie Relikte aus einer vergangenen Zeit, die schweren Nachschlagewerke des Wissens. Brockhaus: Vertrieb eingestellt am 30. Juni 2014. Encyclopædia Britannica: Druck eingestellt am 13. März 2012. Mehr als 200 Jahre lang waren sie das Maß der Erkenntnis, bis Wikipedia kam. „Das ist ein Verlust, aber eine zwangsläufige, notwendige und gewinnbringende Entwicklung: die Verbreitung und Zugänglichmachung von aktuellem, weitreichendem und vielsprachigem Wissen als konsequente Fortführung der Aufklärung“, sagt Timo Borst, Leiter der IT-Entwicklung bei der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften in Kiel. „Wissen ist heute demokratischer“, erklärt Harald Krichel, Referent für Bildungseinrichtungen, Wissensmanager und Administrator bei Wikipedia.

Im Büro des Wikipedianers – so nennen sich die Mitarbeiter der Seite – im Kinzigtal im Schwarzwald haben die dicken Wälzer aber weiterhin einen festen Platz. „Schon als Kind habe ich für meine Schularbeiten im Brockhaus meiner Großmutter nachgeschlagen. Heute noch nutze ich gedruckte Fachlexika auch als Quelle für Wikipedia“, erzählt der 46-Jährige, der seit 2003 Wikipedianer ist. An seinen ersten Artikel zum badischen Architekten Friedrich Theodor Fischer erinnert er sich noch ganz genau: „Ich ließ erst einmal das Verb weg, wie im Brockhaus eben üblich. Dann sagte man mir: ‚Sie müssen hier nichts abkürzen. Sie haben ja Platz. Wir machen hier ganze Sätze.“

Bild: WIKIPEDIA, BOBO-FOTOLIA / SK-ILLUSTRATION: KERSTAN / GRAFIK: DPA

Wikipedia feiert Geburtstag: Im Januar 2001 hat der US-Amerikaner Jimmy Wales gemeinsam mit Larry Sanger, Philosoph und Programmierer, Wikipedia als Folgeprojekt des Online-Lexikons Nupedia gegründet. Die Idee: das gesammelte Wissen der Menschheit jedem Menschen an einem Ort im weltweiten Netz frei zugänglich zu machen. Nach einem Monat standen 600 Artikel online, nach einem Jahr 20 000. 15 Jahre später sind es mehr als 37 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen, 1,9 Millionen Artikel allein in der deutschen Wikipedia, die im März 2001 online ging.

Nicht nur die Menge macht die digitale Wolke des Geistes so reizvoll. Wikipedia ist schnell. Wikipedia ist aktuell. Um 7.30 Uhr ging der Post auf der Facebook-Seite von David Bowie online, dass der Künstler verstorben ist. Um 7.38 Uhr war sein Tod in der deutschen Wikipedia vermerkt. Um 7.53 Uhr schickte die Nachrichtenagentur dpa die erste Meldung zu Bowies Tod. „Bei konkreten Ereignissen reagiert Wikipedia teils in Sekundenschnelle, weil alle den Artikel umschreiben und verändern können“, erklärt Isabell Otto, Professorin für Medienwissenschaft an der Uni Konstanz. Aleida Assmann, Konstanzer Professorin und Expertin zum Thema kollektives Gedächtnis, fügt hinzu: „Das Wissen wächst permanent weiter. Das ist für eine Gattung wie die Enzyklopädie absolut neuartig.“

 

Aleida Assmann kann sich den wissenschaftlichen Alltag ohne das digitale Archiv kaum mehr vorstellen. „Ich glaube, niemand könnte das heute noch. Wir stützen uns so stark auf diese Gedächtnis-Prothese, dass wir damit verschmolzen sind.“ Anfangs rieten die meisten Dozenten Studenten noch: Finger weg von Wikipedia. Das ist heute anders. „Diese Informationsplattform hat sich enorm verbessert. Es wäre absurd, Studenten davon fernzuhalten. Es ist ein selbstverständliches Arbeitsinstrument und ein Sprungbrett, um einen Zugang zu Themen zu finden.“ Assmann mahnt aber auch zu einem Umgang mit Vorbehalt: „Es muss einem bewusst sein, dass es sich auch um eine falsche Information handeln kann. Man muss lernen, die Inhalte zu bewerten, zu prüfen, zu vergleichen.“ Timo Borst erklärt dazu: „Es ist wichtig, Vorkehrungen zu treffen, um Wikipedia als Quelle abzusichern und so unsicheres Wissen durch geeignete Maßnahmen in beglaubigtes Wissen zu überführen.“

Warum sich die Plattform so verbessert hat? „Das Wissen wird von der Gemeinschaft kollektiv erstellt und historisiert“, erläutert Isabell Otto. Der Verein hinter der deutschen Wikipedia, Wikimedia, greift in die Inhalte nicht ein. Aber jeder andere kann das machen. Wie viele Autoren in Deutschland aktiv sind, ist laut Wikipedianer Harald Krichel schwer zu sagen. Einige nutzen mehrere Accounts, andere melden sich immer wieder neu an, um die Anonymität zu wahren. „Dennoch gehen wir davon aus, dass es 600 sehr aktive sind, die 100 Bearbeitungen im Monat machen und 6000, die etwa fünf Bearbeitungen machen.“ Die große Zahl an Autoren hält auch Vandalismus – das absichtliche Beschädigen eines Eintrags – von der Seite fern. Krichel erklärt, es gebe in der deutschen Wikipedia im Schnitt am Tag eine Änderung pro Sekunde, und knapp 1000 neue Artikel am Tag.

 

Neue Autoren müssen von alten gegengelesen werden, um die Freigabe zu erhalten. Und: „Von den 1000 Artikeln am Tag sind gut ein Drittel Blödsinn und werden nicht freigegeben“, erklärt Krichel.

Tausende Schreiber, tausende Meinungen, tausende Änderungen: Das hat seine Schattenseiten. Wikipedianer verrennen sich oft in Diskussionen um Relevanz und Formulierungen: Ist der Donauturm in Wien ein Funk- oder Aussichtsturm? Wird ein Schiffskapitän des Postens enthoben oder abgesetzt? Die Masse agiert als Korrektiv, teils unkoordiniert. Da rutschen Vandalismus und gefälschte Artikel immer mal wieder durch. „Ich will keine Tipps geben, aber Online-Quellen sind leichter zu prüfen als gedruckte Quellen“, sagt Krichel. Und: „Es haben schon Leute ganze Webseiten gefälscht, um eine Quelle für Wikipedia zu schaffen.“

Das Ganze findet in Selbstorganisation und ehrenamtlich statt. „Das zeichnet Wikipedia aus, dass es nicht kommerziell betrieben wird, sondern durch Spenden unterstützt wird“, sagt Aleida Assmann. „Dadurch bleibt es eine freie Plattform, die nicht von Anzeichen versucht ist und einem Gemeinnutz gewidmet ist.“ Die ehrenamtlichen Autoren sind die wichtigste Säule dieser gemeinnützigen Idee, seit 15 Jahren verschenken sie ihr Wissen. Harald Krichel sagt, es sei eine Gemeinschaft entstanden, die eine Gemeinsamkeit hat: den Wunsch, dass diese Enzyklopädie funktioniert, sich erhält und ihren Grundsätzen – Neutralität und Quellensicherheit – folgt. „Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Das ist alles, was diese Leute zusammenhält.“

 

Dennoch bröckelt das Wikipedia-Universum, der Zugewinn neuer Autoren ist schwierig. Dass es das Netzwerk so irgendwann nicht mehr geben könnte, das kann sich Professorin Isabell Otto zwar vorstellen, aber es sei bereits etabliert: „Wenn es seine Stärken – Schnelligkeit und Aktualität – in den Vordergrund stellt, ist es etwas, das auch weiterhin wachsen könnte.“

Fakt ist aber auch: Die Nutzerzahlen gehen laut des Marktforschungsunternehmens comScore zurück. Von Mai 2014 bis Mai 2015 waren es acht Prozent weniger Nutzer in allen Sprachausgaben. Und besonders in Deutschland melden sich viele Autoren ab. Die Folge: Immer weniger Schreiber können Einträge sichten. „Das Ganze könnte so zerbröseln, dass wir den Vandalismus nicht mehr einfangen können“, sagt Harald Krichel. Dennoch glaubt er an das Online-Lexikon. „Es erfüllt ein Bedürfnis, das uralt ist: schnelle Wissensfindung.“ Er selbst hat von seiner Begeisterung nichts verloren: „Wenn ich überlege, was mache ich in dieser Zeit, dann kann ich nichts Sinnvolleres machen.“

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