Der Geruch von Glühwein und Lebkuchen bestimmt dieser Tage wieder viele Plätze und Straßen. Überall beginnen die Weihnachtsmärkte und läuten den Advent ein. Vor knapp einem Jahr wurde diese besinnliche Zeit jäh unterbrochen. Am 19. Dezember 2016 steuerte der Tunesier Anis Amri einen Lastwagen auf den Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz und hinterließ zwölf Tote und mehr als 50 Verletzte. Seit diesem Tag wird über Sicherheit bei Großveranstaltungen in Deutschland neu nachgedacht.

Für viele Weihnachtsmärkte bedeutet das: Das große Aufrüsten hat begonnen – auch in der Region. Das Bundesinnenministerium schätzt die Gefährdungslage in Europa und in Deutschland als „anhaltend hoch“ ein. Dies gelte auch für Großveranstaltungen wie Weihnachtsmärkte, betont ein Ministeriumssprecher. Zum Start der Adventszeit sieht Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) die Weihnachtsmärkte im Land gut gerüstet. „Unsere Polizei, unsere Städte und Gemeinden tun in enger Abstimmung mit den Veranstaltern alles Erdenkliche, um das größtmögliche Maß an Sicherheit zu gewährleisten – auch wenn es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben kann.“

Der Lkw auf dem Berliner Breitscheidplatz hinterließ eine Schneise der Verwüstung.
Der Lkw auf dem Berliner Breitscheidplatz hinterließ eine Schneise der Verwüstung. | Bild: Bernd Von Jutrczenka, dpa

Trotzdem lässt sich eine Mehrheit der Deutschen trotz Terrorgefahr den Weihnachtsmarktbesuch in diesem Jahr nicht nehmen. 61 Prozent wollen genauso häufig auf den Weihnachtsmarkt gehen wie im Vorjahr, ergab eine aktuelle Umfrage. Doch gerade große Weihnachtsmärkte sind nach Einschätzung von Experten ein attraktives Ziel für Terroristen. „Da sind viele Menschen, es gibt einen ungehinderten Zugang, und sie sind ein Symbol sowohl für Christentum als auch für Konsumkultur“, sagte Jannis Jost vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel.

Beim weltweit bekannten Nürnberger Christkindlesmarkt werden deshalb die Zufahrten mit Polizeifahrzeugen versperrt. Zudem werden die Buden auch nachts bewacht. Alle Marktleute werden über einen SMS-Verteiler benachrichtigt, wenn eine Gefahr droht – die kann aber auch von Taschendieben oder einem Unwetter herrühren. Dazu kommen Lautsprecheranlagen.

Auch bei den Weihnachtsmärkten im Schwarzwald und am Bodensee sind die Folgen des Berliner Anschlags nicht zu übersehen. Beim Triberger Weihnachtszauber gehören Polizisten mit Maschinenpistolen seither zum Erscheinungsbild. Die Furcht bei den Besuchern stieg, bei vielen Händlern gingen die Umsätze zurück. So auch bei Michael Breuninger beim Konstanzer Weihnachtsmarkt, der alljährlich 450 000 Besucher anlockt. Der Konstanzer Wirt betreibt seine Glühwein-Bar auf der Marktstätte seit 1990. „Nach Berlin ist es ruhiger geworden“, lautet seine Bilanz.

Der Konstanzer Wirt Michael Breuninger verkauft seit 1990 Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Nach dem Anschlag in Berlin gingen die Umsätze bei ihm zurück.
Der Konstanzer Wirt Michael Breuninger verkauft seit 1990 Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Nach dem Anschlag in Berlin gingen die Umsätze bei ihm zurück. | Bild: Oliver Hanser

In Konstanz lassen sich Heinrich und Levin Stracke, die beiden Organisatoren des Weihnachtsmarkts, von Veranstaltungstechniker Daniel Schlatter in Sachen Sicherheit beraten. Auch hier sollen Betonpoller vor möglichen Anschlägen schützen. Die Wirkung der mobilen Betonbarrieren im Ernstfall wird jedoch auch kritisch gesehen. Im April dieses Jahres ließ der MDR die Prüfgesellschaft Dekra mobile Betonpoller testen. Diese kam zu dem Ergebnis, dass diese keineswegs einen Lastwagen stoppen können: Die Testlaster durchbrachen die Barrieren bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. Olaf Jastrob, einer der renommiertesten Experten für Veranstaltungssicherheit in Deutschland, sieht in Pollern zwar ein geeignetes Mittel, doch nur, „wenn man sich bewusst macht, wogegen sie schützen sollen.“ Ein Auto oder ein Kleinlastwagen könne durch die Barrieren gestoppt werden. Ein Lastwagen mit 20 oder mehr Tonnen Gewicht dagegen kaum. „Poller dürfen also nicht die einzige Schutzmaßnahme sein“, erklärt Jastrob, Unternehmensberater in Nordrhein-Westfalen. „Wenn man eine Bannmeile für Lastwagen mit einplant, würde das zusätzlich die Sicherheit erhöhen.“ Auch eine zweite Absperrung oder genügend Freiraum zwischen Absperrung und Markt würden die Schutzwirkung erhöhen. In Konstanz sei dies der Fall, versichert Schlatter.

Auf dem Triberger Weihnachtszauber sind inzwischen deutlich mehr Polizisten zu sehen.
Auf dem Triberger Weihnachtszauber sind inzwischen deutlich mehr Polizisten zu sehen. | Bild: Roland Sprich

Es fehlt an Fachwissen

Beim Thema Veranstaltungssicherheit bewege sich derzeit in Deutschland vieles, beobachtet Olaf Jastrob. Doch es fehle immer noch an Fachwissen bei den Veranstaltern. „Bisher haben etwa ein Prozent der Veranstalter in Deutschland eine Befähigung für die Erstellung von Sicherheitskonzepten. Das heißt im Umkehrschluss, dass 99 Prozent keine haben“, gibt Jastrob zu bedenken.

Wie teuer die aufgestockten Sicherheitsvorkehrungen die Veranstalter zu stehen kommen, lässt sich derzeit schwer bilanzieren. Die Konstanzer Veranstalter hüllen sich bei der Frage nach den Kosten in Schweigen. Klar ist nur: Die Mehrkosten werden an Händler und Kunden weitergegeben – ein Glas Glühwein kostet mittlerweile an manchen Ständen bereits 3,50 Euro. Der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Albert Ritter, appelliert an die Gemeinden, die gestiegenen Kosten nicht allein den Marktbetreibern aufzubürden. In einem Interview forderte er, dass „Sicherheit eine hoheitliche Aufgabe bleiben müsse.“ Jastrob ist anderer Ansicht. Die Verantwortlichkeit für die Sicherheit und die damit verbundenen Kosten seien erst dann eine Staatsaufgabe, wenn eine konkrete Gefährdungslage vorliege, sagt der Sicherheitsexperte. Ansonsten sei der Veranstalter für die Sicherheit auf dem Veranstaltungsgelände verantwortlich. „Dazu gehört natürlich immer eine Kosten-Nutzen-Abwägung“, stellt Jastrob klar. „Man muss bei solchen Veranstaltungen immer die Verhältnismäßigkeit wahren“, betont auch Daniel Schlatter. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Diese hätte man nur, wenn man den ganzen Weihnachtsmarkt absagen würde.“

 

Blick auf drei Weihnachtsmärkte in der Region

Auf den Weihnachtsmärkten in der Region wird das Sicherheitsgefühl vielfach angepasst, doch ein ungutes Gefühl hat deswegen keiner der Veranstalter.

  • Weihnachtsmarkt am See: Seit Donnerstag hat der größte Weihnachtsmarkt in der Region in Konstanz geöffnet. Hier stimmt sich die Polizei eng mit den Veranstaltern Heinrich und Levin Stracke ab. Angesichts des Anschlags in Berlin wurde das Sicherheitskonzept neu angepasst. Das Sicherheitspersonal wurde aufgestockt. „Im Vergleich zu den Vorjahren sind jetzt dreimal so viel Security-Mitarbeiter im Einsatz“, sagt Levin Stracke. Bewachte Betonpoller versperren Zufahrtswege. Auf dem Marktgelände gibt es sogenannte Sprechstellen, von wo aus im Ernstfall mit Megafonen Anweisungen an die Besucher durchgegeben werden können. Die Polizei Konstanz stand beim Sicherheitskonzept den Veranstaltern beratend zur Seite, teilt Polizeisprecher Bernd Schmidt mit. Das Sicherheitskonzept sei aber Angelegenheit der Veranstalter. Die Polizei werde die Lage beobachten und mit uniformierten Polizisten und Zivilbeamten im Einsatz sein. Wie viele Polizisten im Einsatz seien, wolle man aus taktischen Gründen nicht sagen.
  • Triberger Weihnachtszauber: Auch in Triberg, wo der über die Region hinaus bekannte Weihnachtsmarkt traditionell erst am 25. Dezember beginnt, kommen Barrieren zum Einsatz, wenn auch nur in kleinerem Ausmaß. Wie im vergangenem Jahr stehen massive Granitblöcke an dem kleinen Eingang, die die Zufahrt für Fahrzeuge versperren. Die Kosten für die Barriere trägt in diesem Fall die Stadt Triberg, sagt Thomas Weisser, Organisator des Triberger Weihnachtszauber. Das Sicherheitspersonal wird wiederum von den Organisatoren bezahlt. Schon beim vergangenen Weihnachtszauber wurde angesichts des Berliner Attentats die Präsenz von Polizei und Sicherheits-Mitarbeitern sichtbar aufgestockt. „Das Gelände wird videoüberwacht und die Polizei wird vereinzelt die Taschen der Besucher durchsuchen“, sagt Weisser. Auch werden Polizeibeamte verstärkt auf dem Markt zu sehen sein. „Uns liegt die Sicherheit der Besucher sehr am Herzen.“ Ob vor dem Start des Weihnachtszaubers ein mulmiges Gefühl herrscht? „Nein. ich habe kein mulmiges Gefühlt im Vorfeld. Ich bin zuversichtlich. Man tut, was man kann“, fasst Thomas Weisser die Vorbereitungen zusammen.
  • Waldshuter Weihnachtsmarkt: In der Stadt am Rhein wird der Markt vom Werbe- und Förderungskreis Waldshut veranstaltet. Dessen Vorsitzender Christian Straub sagt auf Anfrage, dass in diesem Jahr verstärkt Polizei aufgeboten wird. Jedoch werden in Waldshut keine Betonpoller aufgestellt. „Da die Innenstadt durch die beiden Tore geschützt ist, ist der Waldshuter Weihnachtsmarkt anders zu beurteilen als Märkte auf freien Plätzen“, erklärt Straub die Entscheidung. Zudem müssten die Rettungswege in die Kaiserstraße, auf der der Markt stattfindet, frei bleiben. „Poller würden das nicht ermöglichen“. Der Markt werde dieses Jahr räumlich in die Länge gezogen, um so mehr Platz zwischen den Weihnachtshütten zu schaffen. Durch die vielen Querstraßen, die von der Kaiserstraße abgehen, sei die Fluchtwegesituation jedoch günstig. Streng kontrolliert werde der Abstand zwischen den Hütten und den Hausfassaden, damit Rettungwagen problemlos hindurchkommen. Die Besucher bekommen davon wenig mit: „Für sie bleibt alles wie bisher.“

 

Beim Waldshuter Weihnachtsmarkt werden laut Veranstalter keine Poller aufgestellt.
Beim Waldshuter Weihnachtsmarkt werden laut Veranstalter keine Poller aufgestellt. | Bild: David Rutschmann

 

 

(dba)