Liebe Anna,

der vor Kurzem verstorbene englische Astrophysiker Stephen Hawking wusste ja eine ganze Menge. Aber trotz seiner ganzen Mathematik ist er an eine Grenze gestoßen. Nicht im Weltall, sondern bei den Frauen. Er sagte, die seien für ihn ein „komplettes Rätsel“. Ich glaube, da würden viele Männer zustimmen…

Lieber Alexander,

klar würde da so mancher Mann zustimmen. Denn das macht das Leben doch irgendwie leichter: Frauen sind halt kompliziert und rätselhaft – und wenn nicht mal Genies sie verstehen, puh, dann muss Otto Normalmann das gar nicht erst versuchen. Und so hat man eine wunderbare Ausrede dafür, sich mit berechtigten Forderungen und Wünschen von Frauen oder veränderten Rollenbildern im Privaten und in unserer gesamten Gesellschaft nicht mehr auseinandersetzen zu müssen. Ich glaube, dass uns Feststellungen wie die von Hawking nicht weiterbringen.

Tja Anna,

man könnte schon sagen, dass Hawking da einfach zu früh das Handtuch geworfen hat. Und es ist ja nicht so, dass ein Mann wie ein offenes Buch zu lesen ist. Aber ich verstehe, dass es vielen Männern schwerfällt, sich in ein neues Bild von Männlichkeit hineinzufinden, auf das sie in der Kindheit und Jugend nicht vorbereitet wurden. Wie soll denn der Mann von heute sein? Viele Männer wissen gar nicht, welches Rollenbild sie nun erfüllen sollen. Und überhaupt: Jede Frau hat doch unterschiedliche Ansprüche an einen Mann. Das vergessen jene Frauen, die meinen, sie sprächen für alle Geschlechtsgenossinnen.

Lieber Alexander,

ich glaube das Problem liegt schon beim Wort „sollen“. Es gibt ja keine offizielle Checkliste, wie ein Mann im 21. Jahrhundert zu sein hat. Zum Glück! Und es ist auch nicht meine Aufgabe als Frau, eine solche zu definieren. Schlimm genug, dass man Frauen jahrhundertelang vorgeschrieben hat, was sich gehört, was sie dürfen und wo sie hingehören. Da hat sich zum Glück viel verändert – und ich kann verstehen, wenn das zu Verunsicherungen führt. Ich halte aber genau dieses Gefühl der Unsicherheit für gut und richtig! Es zeigt doch, dass ihr die Veränderungen wahrnehmt und euch mit der Frage beschäftigt, was sie bedeuten. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Du erliegst der Angst und hältst an einem alten, ungerechten System fest. Oder du akzeptierst die Veränderungen und findest mit uns zusammen einen Weg. So, und nun kommst du: Wo siehst du dich denn? Bist du unsicher? Und wenn ja, warum?

Liebe Anna,

als Historiker sehe ich Wellen von Verunsicherungen der Männerwelt. Das hat ja nicht 1968 oder später angefangen, wie manche uns gerne weismachen wollen. Denke mal an die „neue Frau“ der 1920er-Jahre mit Bubikopf und am Steuer eines Autos. Daher habe ich mit dem Blick auf die Frauen in der durchgehenden Opferrolle so meine Probleme. Ich sag Dir: Ich bin gar nicht verunsichert! Ich hatte kein Problem damit, bei drei Kindern Windelwechsel zu machen oder heute hinterm Bügelbrett zu stehen. Was mich stört, ist, dass Parteien, Institutionen und Medien ständig in die Männerveränderungs-Posaune blasen. Was man früher – in positivem Sinn – unter Männlichkeit verstand, ist von Feminismus und Gender-Ideologie entwertet und für nichtig erklärt worden. Ein Mann ist zuerst aber immer ein Mann. Als solcher wird er geboren – und ich finde es prima, wenn er später mit Modellautos spielt und Flugzeuge fliegen will...

Lieber Alexander,

ich bin begeistert. Du hast Windeln gewechselt und gebügelt – und es hat dir gar nichts ausgemacht. Allein dass du es als Beispiel anführst, zeigt: Es scheint offenbar nicht selbstverständlich zu sein, dass Männer Aufgaben im Haushalt übernehmen. Und wenn sie es tun, dann heißt es oft: „Ach wie toll, das ist aber ein guter Ehemann. Der greift seiner Frau unter die Arme.“ Wer hat entschieden, dass Haushalt Frauensache ist? Warum erwartet ihr Applaus dafür, wenn ihr mal unaufgefordert den Müll runterbringt? Die Vorstellung, dass Frauen für Kinder und Küche zuständig sind, ist einfach noch immer weit verbreitet. Mich stört das. Genauso wie deine Auffassung, dass ein Mann immer als solcher geboren wird. Ist nicht so. Aber bevor ich da aushole, frage ich erst mal zurück: Was verstehst du denn unter positiver Männlichkeit? Starker Ernährer, Beschützer, Ritter in glänzender Rüstung?

Liebe ironische Anna,

jetzt stell Dir doch mal vor: Windelwechselnde Männer in den 60er-Jahren. Gerade dass Papa den Kinderwagen geschoben hat. Da sind wir doch weit gekommen! Aber der Fortschritt scheint ja bei Weitem nicht genug zu sein. Und es wird eben nicht differenziert von unseren Frauenfördergruppen. Zum Beispiel in der Frage: Ist die Frau trotz Familie berufstätig oder nicht? Berufstätig heißt dann für mich: Der Mann muss sich stark einbringen. Nicht berufstätig – so wie in meiner Ehe: Der Fokus der Frau liegt stärker auf der Familie. Was mich nervt, sind diese Fragen: Was? Deine Frau arbeitet nicht? Dann stehe ich da wie Fred Feuerstein. Das stinkt mir. Ich will, dass alle Lebensmodelle – auch wenn sie konventionell sind – anerkannt werden. Passiert aber so nicht. Übrigens: Ich habe keine Rüstung, nur einen Motorradhelm. Ernährer und Beschützer? Klar doch! Ist mein Job.

Lieber Alexander,

da bin ich – ganz unironisch – völlig bei dir. Klar nerven solche Rückfragen zu deiner Frau. Geschlechtergerechtigkeit heißt ja nicht, dass alle Frauen jetzt, komme was wolle, arbeiten müssen. Aber sie müssen die Möglichkeit haben, diesen Weg zu gehen. Wenn sie sich dann dafür entscheiden, müssen sie dasselbe verdienen wie ihre männlichen Kollegen, sie müssen dieselben Aufstiegschancen haben. Und sie dürfen nicht – sollten sie Kinder haben – als Rabenmütter abgestempelt werden. In meiner Beziehung ist zum Beispiel völlig klar, dass wir, sollten wir mal Kinder bekommen, eine gemeinsame Lösung finden werden. Mein Partner würde niemals erwarten, dass ich dann meinen Job an den Nagel hänge. Würde ich im Übrigen auch nicht akzeptieren… Was aber ist mit Alleinerziehenden? Da fehlt es auch einfach noch immer an Strukturen, Stichwort Kitas, Stichwort Teilzeit, Stichwort flexible Arbeitszeiten. Und solange wir mit Barrieren wie diesen konfrontiert sind, müssen wir unbequem bleiben.

Liebe Anna,

ich bin ja mit dem schönen Begriff der Chancengleichheit aufgewachsen. Und die ist ganz klar so eine Art Menschenrecht. Eine andere Frage ist, ob etwa die Repräsentanz von Frauen in Dax-Vorständen qua Quote gesetzlich herbeibefohlen werden soll. Das halt ich für weltfremd. Vor allem bei Technik-zentrierten Unternehmen. Da können sich die Gender-Frauen auf den Kopf stellen: Es werden niemals so viele Studentinnen wie Studenten in Maschinenbau machen. Wohlgemerkt: Ich freue mich, wenn Frauen in technische Berufe gehen. Aber immer schön freiwillig! Meine Tochter hat sich früher über Matchbox-Autos gefreut, jetzt betreut sie drei Plastik-Reiterhöfe. Soll ich ihr jetzt die Pferdchen wegnehmen?

Lieber Alexander,

was das Thema Quote angeht, bin ich unentschlossen, das sage ich dir ganz ehrlich. Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Aber ich verstehe auch die künstliche Aufregung rund um das Thema nicht ganz. Eine Quote würde uns in einen Zustand versetzen, den wir anderenfalls über viele weitere Jahre mühsam erkämpfen müssen. Mal ehrlich, wem würde sie denn wehtun? Klar, wir würden euch, um mal im Bild zu bleiben, das ein oder andere Matchbox-Auto wegnehmen. Ist immer schwierig, etwas abgeben zu müssen. Danach könnten wir aber zusammen spielen. Ich teile dann auch gerne meine Pferdchen mit dir. Und wenn uns langweilig wird, diskutieren wir über Quantenphysik. Ich wehre mich nämlich deutlich gegen das Argument, eine Quote sei Blödsinn, weil wir den Anforderungen an den entsprechenden Stellen nicht gewachsen wären. Das fällt dann wieder in die Kategorie Fred Feuerstein. Und ich wette dagegen: Wenn man mal damit aufhören würde, Mädchen zu erzählen, dass sie Technik nicht können, dann würden sie sich vielleicht auch öfter für Maschinenbau einschreiben, oder Physik.

Liebe Anna,

diese Erzählungen sind von anno Tobak. Die Girls Days in Unternehmen zeigen das ja. Was ich kritisiere: Wo bleiben die Boys Days? Wir wissen doch, dass Mädchen die besseren und disziplinierteren Schüler sind. Daher müssen wir auch bei den Jungen etwas anschieben. Mein Zweitältester hat schon beklagt, unter seinen Lehrern sei nur der Sportlehrer männlich. Da fehlen für die Buben gleichgeschlechtliche Vorbilder.

Lieber Alexander,

du hast recht. Gleichberechtigung von Mädchen darf nicht heißen, Jungs zu benachteiligen. Zum Glück gibt es den Boys Day ja schon. Da lernen Jungs Berufe kennen, die man bisher vor allem als Frauenberufe verstanden hat: Florist, Krankenpfleger oder eben Erzieher und Grundschullehrer. Diese Tage, ganz gleich ob für Mädchen oder Jungs, brechen mit Männer-Frauen-Klischees. Sie befördern neue Rollenbilder. Und wer weiß, vielleicht wird dein Sohn ja eines Tages Erzieher – und niemand findet es besonders bemerkenswert.

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