Herr Kizilhan, in Freiburg werden zwei Fälle verhandelt, die sich durch besondere Brutalität gegen Frauen auszeichnen. Was treibt Täter an, anderen Menschen solche Gewalt anzutun?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sind Menschen, die solche Taten verüben, Psychopathen und haben diese Psychopathie lange unterdrücken können – durch ihr soziales Umfeld und Sozialisierungsprozesse. In diesem Fall kann es sein, dass sie Gewalt lange heimlich ausgeübt haben: Es gibt Menschen, die Tiere quälen oder andere Menschen schlagen. In bestimmten Fällen kann sich dieses Verhalten weiterentwickeln. Plötzlich erleben es solche Menschen als unheimliche Befriedigung, andere Menschen zu quälen.

Die zweite Möglichkeit ist, dass Menschen, die zu Tätern werden, selbst Gewalt in der Kindheit oder Jugendzeit erlebt haben. Wenn diese Erfahrungen nicht ausreichend verarbeitet wurden, kann das krankhaft werden. Es gibt zum Beispiel auch Folteropfer, die selbst Folterer werden. Indem sie anderen Menschen Schmerzen zufügen, verspüren solche Menschen ein Gefühl von Herrschaft und Macht. Sie gewinnen durch ihre Taten Kontrolle. Was sie durch die Gewaltausübung verspüren, ist fast identisch mit sexueller Befriedigung.

Catalin C. wird auch ein Mord aus dem Jahr 2014 in Kufstein vorgeworfen. 2016 soll er in Endingen eine Joggerin vergewaltigt und getötet haben. Wie lässt sich der zeitliche Abstand zwischen solchen Taten erklären?

Wir wissen nicht, ob der mutmaßliche Täter in den zwei Jahren Menschen gewalttätig behandelt hat. Es kann aber durchaus sein, dass Täter eine Form von Gewissen entwickeln und versuchen, sich zu kontrollieren. Möglicherweise finden sie auch einen anderen Ausgleich. Das können Selbstverletzung oder sexuelle Befriedigung sein. Irgendwann kann der Punkt kommen, an dem diese Menschen die Kontrolle verlieren und den Impuls, es wieder zu tun, nicht mehr zurückhalten können.

Sowohl im Fall Hussein K. als auch im gestern gestarteten Prozess spielt das Thema Alkohol eine Rolle.

Alkohol oder Drogen können stimulieren und vereinfachen: Hemmungen, die vielleicht da waren, werden herabgesetzt. Aber beides kann auch im forensischen Sinne zielgerichtet eingesetzt werden: Ich habe es als Gutachter immer wieder erlebt, dass Menschen mit Absicht Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert haben. Damit schaffen sie sich ein Argument für ihre Tat – auch mit Blick auf einen möglichen Prozess, der ihnen drohen könnte.

Die Mordfälle haben Diskussionen um die Herkunft der Täter ausgelöst. Spielt ein kultureller Hintergrund eine Rolle bei solchen Taten?

Wenn Täter Psychopathen sind, dann nicht. Anderenfalls kann es eine Rolle spielen: Wenn jemand aus einer Kultur kommt, in der Gewalt Teil der Erziehung ist oder man vielleicht sogar selbst schlagen muss, um anerkannt zu werden.

Wer in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen ist, in der Frauen als Objekte und nicht als gleichberechtigte Menschen angesehen werden, kann sich eher das Recht herausnehmen, Frauen so zu behandeln. Es geht also um eine Vermischung von einer Kultur der Gewalt mit patriarchalen Männervorstellungen. Religiös lässt es sich hingegen nicht begründen: In allen Kulturen sind Frauen von Gott geschaffen.

Der Prozessgutachter sagte über Catalin C., er habe versucht, seine Tat zu verdrängen – laut Anwalt kann er sich nicht an alles erinnern. Ist das möglich?

Wir Menschen sind Weltmeister im Verdrängen. Wenn jemand Dinge tut, von denen er weiß, dass sie moralisch nicht in Ordnung sind, versucht er es zu verdrängen. Das kann so weit gehen, dass man sich durchaus nicht mehr erinnern kann.

Wer eine schändliche Tat durchführt und sich dessen bewusst ist, muss es irgendwie legitimieren. Gelingt das nicht, ist der Körper darauf getrimmt, zu überleben und nicht krank zu werden. Deshalb verdrängen Menschen. Es verhindert Schuldgefühle und womöglich einen Selbstmord.

Fragen: Anna Stommel