Das Deutsche Kaiserreich schaute 1918 in den militärischen Abgrund, doch der Großherzog von Baden glaubte bis zuletzt an das Überleben der Monarchie. Drei Monate vor dem Thronverzicht und damit mitten im Ersten Weltkrieg hatten Friedrich II. und seine Untertanen im Spätsommer 1918 noch ein Jubiläum gefeiert. Es galt der badischen Verfassung von 1818, die 1918 genau ein glattes Jahrhundert alt war. Auf diese Verfassung war das Badnerland stolz – sie kann sich heute noch sehen lassen. Schließlich waren in ihr bereits Bürgerrechte festgeschrieben, es war von Pressefreiheit die Rede und von den Rechten der Abgeordneten. Baden hatte sich innerhalb des Reiches zu einem Musterländle gemausert, wenigstens aus Sicht der Liberalen.

Grund zur Freude also, auch wenn die Festivitäten am 22. August 1918 unter einem düsteren Stern standen: Die Niederlage des deutschen Heeres zeichnete sich immer eindringlicher ab. Auch der Waffenstillstand im Osten hatte da nichts genutzt; obwohl der Vertrag von Brest-Litowsk, abgeschlossen mit der roten provisorischen russischen Regierung, noch einmal eine Tür geöffnet hatte, rückte die militärische Katastrophe näher.

Auch in Baden kam es zur Revolution

Der trübe Alltag sollte die Königliche Hoheit in Karlsruhe und seinen Hof bald einholen. Auch in Baden kam es zur Revolution, als die Soldaten von der Front zurückirrten und ihrer Unzufriedenheit Luft machten. In Mannheim bildete sich am 8. November ein Soldatenrat, in Karlsruhe tags darauf ein Wohlfahrtsausschuss. Beide Gremien rissen die Macht an sich, ohne sich um Papierkram oder Paragrafen zu kümmern. Die Wachen vor dem Karlsruher Schloss machten sich aus dem Staub. Hatten die alten Eliten durch die nahende Niederlage nicht gezeigt, dass sie abgewirtschaftet hatten? 

Der Name „Wohlfahrtsausschuss“ war bewusst gewählt worden – in Anlehnung an das allmächtige Gremium während der Revolution in Frankreich. Dort war es dem Adel schlecht ergangen, König und Königin waren mit der damals neuartigen Maschine sicher zu Tode gebracht worden. Seitdem war die Guillotine zum Albtraum aller Monarchisten geworden.

Noch ein Albtraum schwebte über den Häuptern. Vor wenigen Wochen erst war der russische Zar samt Familie im Ural erschossen worden. Manches deutsche Adelshaus fürchtete ein ähnliches Schicksal. Wie Russland stand auch das Deutsche Reich auf der Seite der Verlierer. Das erklärt die Panik, mit der die gekrönten Häupter vor den „geliebten Landeskindern“ flohen.

Auch der Großherzog verließ seine Residenz in Karlsruhe. Nur an Rücktritt dachte er nicht. Während Kaiser Wilhelm II. am 9. November für seine Person abgedankt hatte und vorsorglich ins neutrale Ausland geflohen war, hielten die meisten der deutschen Landesfürsten die Stellung. Mit zitternden Knien. Hatten sie nicht dem Land gedient? Außerdem, so mochten sie denken, waren sie an der Kriegsführung nicht beteiligt. Oberbefehlshaber war der deutsche Kaiser. So etwa liefen die gedanklichen Spuren der verbliebenen drei Könige in Bayern, Württemberg und Sachsen sowie der Großherzöge, Herzöge und souveränen Fürsten.

Auf Schloss Langenstein unterschrieb Friedrich seine Abdankungsurkunde

Friedrich floh auf die Burg Zwingenberg im Norden seines Landes. Die Burg gehört dem Haus Baden bis heute. Dann jagte er in den Hegau. Auf Schloss Langenstein schließlich sollte das letzte Kapitel seiner Herrschaft geschrieben werden. Am 22. November unterschrieb er die Abdankungsurkunde in der weitläufigen Schlossanlage, in der heute das Narrenmuseum untergebracht ist. Lange hatte man ihn dazu drängen müssen. Friedrich II. hatte lange Tage an der Illusion festgehalten, das Volk lasse ihn nicht einfach gehen, weil seine Dynastie unentbehrlich sei.

Was alle 22 Souveräne unterschätzt hatten: Aus braven kronentreuen Untertanen waren Wutbürger geworden, die in den vier Jahren des Weltkriegs beispiellos gelitten hatten. Kaum eine Familie ohne Tote. Den militärischen Wahnsinn eines Vielfrontenkrieges schrieb der kleine Mann den Offizieren und dem Großen Generalstab zu – bisher das Maß aller Dinge. Nun sollte dieser adlige Kreis auch die Verantwortung übernehmen (aus der er sich später herausredete). Das Ende der Monarchie war mit Händen zu greifen. Es war der Abschied von einer Regierungs- und Lebensform, die ihre Jugend in den Tod und das Reich ins Elend geführt hatte.

Zum wirtschaftlichen Bankrott kam bei manchen Dynastien auch eine weithin bekannte Dekadenz. Wie sollte das Volk vor Regenten wie dem bayerischen noch Achtung haben? Der Schlösser-König Ludwig II. war wahnsinnig, aber noch beliebt. Sein Bruder und natürlicher Nachfolger Otto wurde erst gar nicht auf den Thron gelassen, sondern gleich weggesperrt. Die Diagnose lautete „Schwermut“. Der letzte König von Bayern war Ludwig III. Der Wittelsbacher träumte bereits von einem gewonnenen Krieg und den Ländereien, die er Bayern dann einverleiben wollte. Ludwig III. war nicht zimperlich, er wollte sein Königreich über Belgien und die Niederlande hinaus so verlängern, dass Bayern den Zugang zum Atlantik erhielte. Eine Seemacht, von der Isar bis zum Ärmelkanal. – Verständlich, dass die Bürger den größenwahnsinnigen Monarchen gerne ziehen ließen.

Was bleibt von Thron und Krone? Mehr, als man im Winter 1918 auf 1919 meinte. In den trüben Jahren der Weimarer Republik sehnte sich mancher nach den Hoheiten zurück. Den Rang liefen ihnen freilich in ganz Europa rechtsnationalistische Bewegungen ab. Erst die Faschisten in Italien und dann die deutschen Nationalsozialisten machten deutlich, dass sie zwar autoritär, aber nicht reaktionär gesinnt waren. Dass etliche Aristokraten eine SA-Uniform anzogen und meinten, sie könnten Hitler und Co. vor den Karren einer Restauration spannen, zeigt ihre Verblendung. Punkten konnten die gefallenen Häupter nicht mehr.

Aber etwas anderes bleibt, gerade in Baden. Es war die Folge einer Dienstleistung, die ein langjähriger Großherzog wie Friedrich I. erbracht hatte. Friedrich stand 55 Jahre lang an der Spitze des Landes. Dem liberalen Herrscher gelang es, das Land und seine sensiblen Bestandteile zu einer Einheit zu verschweißen. Wenn man bis heute an vielen Häusern das gusseiserne Schild mit Herzogskrone und den badischen Farben sieht, dann ist das auch Friedrichs Erbe. Badener spüren mehr Zusammenhalt als Württemberger, auch wenn sie verschiedener sein sollten. Karlsruhe ist nicht badischer als Freiburg, Waldshut, Villingen oder Überlingen. Auch jene neubadischen Gebiete (ab 1803), die den schwäbischen Dialekt pflegen, bekennen sich stolz zum Badischen.

Damit haben das monarchische System und das Haus Baden doch etwas Erstaunliches geleistet. In der modernen Theorie nennt man es Identitätsbildung. Die Krone liegt heute im Museum in Karlsruhe, die Familie von Baden lebt heute gutbürgerlich. Aber das Gefühl des Zusammengehörens ist unabhängig von der Staatsform geblieben. Für ihre Synthese benötigten die Großherzöge tüchtige Beamte, loyale Pfarrer und ein mildes Militär. Sie haben es geschafft – eine Leistung mit Krönchen.

Und Württemberg?

Auch der württembergische König hatte von der „unverbrüchlichen Treue“ seiner Untertanen geträumt. Wilhelm II. dankte am 30. November 1918 ab. Die Enttäuschung, dass sich „seine“ Stuttgarter nicht vor ihn warfen und die revolutionären Soldaten vertrieben, sollte er nie verwinden. Seinen Alterssitz im ehemaligen Kloster Bebenhausen verließ er nicht mehr. Dass ihm seine Schwaben später ein Denkmal stiften würden, wo man ihn mit zwei Spitzen sieht, hätte er nicht geträumt. (uli)