Er schnaubt, der riesige Elefant, und bläst feinen Wasserdampf aus seinem Rüssel. Ich bin verunsichert. Schaut er mich an? Ein bisschen treuherzig? Seine Augenlider gehen auf und zu. Dann stapft er weiter, lässt dabei – wie Elefanten das so machen – bisweilen einen Fuß nach hinten abgeknickt am Boden schleifen. Es ist ein ziemlich großer Elefant, der bis zu fünfzig Menschen durch sein Reich spazieren trägt. Ich selbst bin gerade auf einem riesigen Fisch geritten, habe dessen Flossen und Fühler per Joy-Stick gelenkt und stehe nun im obersten Stock eines seltsamen Ozeankarussells, als der Elefant gerade vorüberschreitet.

Verblüffend, was die französische Stadt Nantes aus ihrer Loire-Insel gemacht hat, auf der früher in Werften malocht wurde. Ein robustes Arbeiterviertel war es mit verruchten Spelunken, mit dunklen Straßen, die das Bürgertum aus der Stadt lieber mied, wie Christine Gros, die Stadtführerin von Nantes erzählt. „Die Werftenindustrie verlagerte sich immer mehr nach St. Nazaire“, erzählt sie. Loire-abwärts, dort, wo das Meer die neuen Kähne gleich in Empfang nehmen kann, wie zum Beispiel im vergangenen Jahr das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die „Harmony of the Seas“. Die Loire-Insel in Nantes wurde ihres Daseinszweckes beraubt, die Stadt stand vor der Frage, was tun damit?

Sie hat, das kann man wohl so sagen, das Beste draus gemacht: Maschinen arbeiten nach wie vor auf der Insel, aber es sind fantastische Maschinen, wie eben dieser riesige Elefant, wie auch die ersten Zweige eines gigantischen Reiherbaumes, der einmal 50 Meter breit und 35 Meter hoch sein wird, über den riesige Reiher kreisen werden, die natürlich auch Passagiere mitnehmen können, und deren erste Prototypen in der öffentlich zugänglichen Werkstatt schon zu sehen sind. Dort hängt übrigens auch ein Wandfoto von einem Drachen im gleichen Maschinenstil, den die Maschinisten nach China verkauft haben. Fantasiemaschinen, wie sie auch Jules Verne gefallen hätten. Und das passt ja auch: Jules Verne wurde in Nantes geboren.

Die Vergangenheit der Werfteninsel ist noch in Spuren vorhanden: Man nutzt für den Bau dieser Fantasiegebilde die alten Hallen. Im Freien gibt es auch noch die schiefe Ebene mit den Schienen, an der die neuen Schiffe einst ins Wasser gelassen wurden. Heute ist sie wie ein Aussichtspunkt über dem Reich des Elefanten. An deren Fuß hat man eine Mondoberfläche modelliert. Und damit das Mondgefühl auch aufkommen kann, sind im Mondboden viele Trampoline eingelassen, sodass man wie einst Neil Armstrong in großen Sprüngen vorankommt. Auch ein großer Hafenkran steht noch am Kai. Er hievt aber keine Lasten mehr in die Höhe, sondern gelegentlich Kunstwerke, die dann in der Höhe baumeln.

Überhaupt die Kunst: Sie nimmt im öffentlichen Raum in Nantes einen großen Platz ein – und das übrigens nicht nur auf der Loire-Insel, aber dort ganz besonders: Schon von Weitem sieht man nachts die 18 bunten Ringe des Bildhauers Daniel Buren an der Kaimauer des Nordufers, also gegenüber dem südwestlichen Stadtzentrum. Sie leuchten nachts in Farben, werden von Fotografen gerne genutzt, um einem Detail am anderen Ufer einen runden Rahmen zu geben.

Das andere Ufer, das ist der Stadtkern mit der Kathedrale und dem Schloss. Mit der einmalig schönen Ladengalerie „La Pommeraye“ aus dem 19. Jahrhundert, dem prachtvollen Jugendstil-Lokal „La Cigale“ am Place Graslin. Ebenerdige Wasserspiele und Straßenleuchten, die man als Neu-Interpretation des Jugendstils betrachten kann, zieren den Platz, an dem auch das Theater liegt. Der einstige Kreisverkehrsplatz gehört heute vorwiegend den Fußgängern.

Die fühlen sich auch anderweitig in Nantes wohl: Zum Beispiel im Quartier Bouffay unweit der Kathedrale. Es ist das mittelalterliche Ausgeh-Viertel mit Bars, Cafés, mit netten Boutiquen, die übrigens auch Anschlagsziele für humorvolle Künstler waren: Die Touri-Info der Stadt Voyage à Nantes schlug den Boutiquen vor, dass Künstler deren Aushängeschilder gestalten. Und so liegt ein richtig langhaariger, bestens gekämmter Ochse im Schaufenster eines Friseurgeschäftes, und die Köpfe sämtlicher Tiere, die der Mensch im Allgemeinen verspeist, zieren den Ladeneingang einer Metzgerei. Den Laden für etwas noblere Babykleidung erkennt man am Kleinkind, das pausbäckig einen Riesen-Diamanten auspustet.

Ringsherum breite Boulevards. Die sind keineswegs dem Autoverkehr vorbehalten. Auch dort wurden die Autos so beherzt in die Schranken gewiesen, dass sich Radler und Fußgänger frei fühlen. Sie müssen nur auf die Straßenbahn achten, der Autoverkehr verläuft allenfalls einspurig auf einst dreispurigen Fahrbahnen. Apropos Radler: Ein perfektes Mietradsystem, das man übers Internet für wenig Geld buchen kann und von den Einheimischen rege benutzt wird, erweitert auch den Entdeckungsradius der Besucher.

Also radeln wir wieder zurück, auf die einstige Werfteninsel, stellen das Rad in einen dafür vorgesehenen Ständer, schauen uns den herrlichen schwarzen Justizpalast an, den Jean Nouvel dort im Jahr 2000 gebaut hat, freuen uns an anderen Kunstwerken, wie dem XXL-Maßband, das im Vorgarten eines Bürogebäudes liegt, oder dem mit einer Holzkonstruktion zum Hohlweg mutierten Gehsteig, schlendern an Sozial- und Luxuswohnblöcken vorbei, die man bewusst nebeneinander gestellt hat, packen dann wieder ein anderes Rad und essen vielleicht zu Mittag südlich der Loire-Insel im kleinteiligen Fischerviertel Trentemoult. Blicken hinüber auf die Insel mit dem Hafenkran, dort wo ganz in der Nähe der große Elefant über den Mond spaziert.

 

Zu Gast in Nantes

  • Die Stadt: Mit 300 000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt Frankreichs. Einst war sie Hauptstadtder Bretagne.
  • Sehenswürdigkeiten: Kathedrale mit dem Grabmal des letzten Bretonenkönigs François II; Schloss der Herzöge der Bretagne, 2007 renoviert und heute ausgezeichnetes historisches Museum; Mittelalterviertel Bouffay und Klassizistisches Viertel Graslin; Fischerdorf Trentemoult; Machines de l’Île mit dem großen Elefanten.
  • Anreise: Ideal mit dem Zug, z.B. ab Singen über Basel oder Stuttgart und Paris in zehn Stunden. In Nantes guter Öffentlicher Verkehr sowie Mieträder Bicloo.
  • Im Internet:www.levoyageanantes.fr, www.voyages-sncf.comwww.bicloo.nantesmetropole.frwww.lesmachines-nantes.fr