Diese Erfolgsgeschichte ist einmalig. Es geht um eine TV-Reihe, die sich seit 46 Jahren immer wieder neu erfindet und hartnäckig allen Veränderungen der Medienwelt trotzt – den Tatort. Die zehn Millionen Zuschauer, die die ARD jeden Sonntag mit ihrem Tatort erreicht, stammen aus allen Altersschichten.

1970 waren jedoch selbst die Intendanten skeptisch, ob eine Krimireihe, deren Helden ständig wechselten, funktionieren würde. 1969 spazierte der WDR-Dramaturg Günther Witte mit seinem Vorgesetzten Günter Rohrbach durch den Stadtwald von Köln. Wie sich herausstellte, hatte der Fernsehspielchef einen besonderen Auftrag für ihn: Witte sollte eine Krimireihe erfinden. Dass diese Reihe im fernen Jahr 2016 ihre 1000. Folge erleben würde, hatte er sich natürlich nicht träumen lassen. Doch am 13. November kann sich der heute 81-jährige Witte nun den Jubiläums-Tatort „Taxi nach Leipzig“ anschauen.

Schon in der Entwicklungsphase im Jahr 1969 legte Witte die drei Kriterien fest, die alle Tatorte bis heute prägen: „Das erste ist einfach: Regionalität. Das zweite ist, dass der Kommissar die Hauptrolle spielt. Und das dritte, dass der Tatort die Geschichte der Bundesrepublik spiegeln muss.“ Zumindest eines hat die 1971 erstmals in der DDR ausgestrahlte Reihe Polizeiruf 110, das Ost-Gegenstück zum Tatort, mit dem westlichen Pendant gemeinsam: Sie spielt an verschiedenen Standorten.

Ausgerechnet das föderale Prinzip des deutschen Fernsehens, das es von allen anderen auf der Welt unterscheidet, entpuppte sich als Basis des Erfolgs: Während sich Serienhelden irgendwann abnutzen, profitieren die Tatort-Ermittler davon, dass sie pro Jahr höchstens vier Einsätze haben. Deshalb lassen sich neue Teams auch problemlos integrieren.

Ständiger Wandel gehört also zu den Konstanten der Reihe. Während die Sender im TV-Alltag meist nach der Devise „Bloß keine Experimente“ handeln, dürfen die Autoren und Regisseure beim Sonntagskrimi optisch und inhaltlich immer wieder etwas Neues ausprobieren. Die Rahmenbedingungen sind dagegen unantastbar: Die Filme spielen stets in einer bestimmten Stadt oder Region, die Ermittler stehen im Mittelpunkt, die Geschichten müssen immer glaubhaft sein.

Eisern ist auch die Regel, dass die Helden ohne jeden Zweifel die Guten sein müssen. Deutsche Zuschauer mögen es nicht, wenn ihre Kommissare keine weiße Weste haben; auch das unterscheidet den Tatort von vielen ausländischen Krimireihen. Gleiches gilt im Prinzip für die Dramaturgie: Die Geschichten beginnen mit einem Mord und enden mit der Überführung des Täters. Gegen diese Vorgabe darf jedoch hin und wieder verstoßen werden; selbst auf die Gefahr hin, dass Teile des Publikums enttäuscht sind, wenn der Täter (wie kürzlich in der Münchener Episode „Die Wahrheit“) nicht gefasst wird.

Auch Alexander Adolphs Jubiläumskrimi „Taxi nach Leipzig“ steht für die Experimentierfreude der ARD: Klaus Borowski (Axel Milberg) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) werden nach einer Tagung entführt; die Handlung trägt sich größtenteils im Taxi zu. Für den Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger, einem der klügsten Köpfe in Sachen Fernsehunterhaltung, ist gerade dieser Mix aus „Redundanz und Varianz“ das eigentliche Erfolgsrezept der Reihe: „Es gibt einen vertrauten Rahmen, aber innerhalb dieses Rahmens gibt es viele kleine und manchmal auch größere Abweichungen; so funktioniert die gesamte populäre Kultur. Eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte wie die des Tatort ist nur als Kombination dieser beiden Elemente möglich, weil die Ausnahmen von der Regel die ganze Reihe beleben.“

Ein weiteres Merkmal des Sonntagskrimis ist seine Funktion als Spiegel der Gesellschaft. Greift die ARD relevante Stoffe in ihren Mittwochsfilmen auf, lässt die Quote meist zu wünschen übrig. Der Tatort aber kann es sich leisten, immer wieder unbequeme Themen anzusprechen. Die Kölner Krimis mit Max Ballauf und Freddy Schenk (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) haben sich in dieser Hinsicht gerade in ihrer Frühzeit (ab 1997) immer wieder hervorgetan; das Spektrum reichte von deutschen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs bis zu deutschen Landminen in Angola.

Seit einigen Jahren spielen sonntags vermehrt Flüchtlinge und Asylbewerber eine Rolle. Zunächst ging es dabei um Themen wie Zwangsehe, Ehrenmorde oder Integration; mittlerweile ist auch der islamistische Terrorismus ein Thema. Für Hallenberger ist diese Spiegelfunktion ein weiteres Spezifikum des Tatort, das sich schon beim ersten „Taxi nach Leipzig“ gezeigt habe: „Kommissar Trimmel war eine Brückenfigur zwischen den Zeiten und den Ländern. Der volksnahe Schimanski war ab 1981 der Kommissar der 68er, und als der damalige Südwestfunk in den Achtzigern die ersten Kommissarinnen einführte, war auch dies ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Gesellschaft verändert hatte.“

Komplett entschlüsseln lässt sich das Erfolgsgeheimnis trotzdem nicht. Die Zuschauerzahlen steigen seit Jahren, obwohl es immer mehr Programme gibt und gerade junge Menschen ihre Sehbedürfnisse bevorzugt mithilfe von Streaming-Diensten wie Amazon oder Netflix befriedigen. Die ARD, so Hallenberger, habe auf diese „Ausdifferenzierung der Fernsehlandschaft“ reagiert, indem sie die Teams vergrößerte: „Solange es nur zwei Sender gab, genügte ein Kommissar. Heute gibt es Dutzende von Sendern für alle möglichen unterschiedlichen Ziel- und Altersgruppen, also sind die Teams so konzipiert, dass jeder Zuschauer eine Figur findet, mit der er sich identifizieren kann.“

Der Medienwissenschaftler findet zwar, es gebe mittlerweile zu viele Teams, ist aber überzeugt, dass die Reihe ihren Status als letztes Lagerfeuer der Nation noch geraume Zeit behalten werde: „Seit Jahrzehnten dominieren Tatort-Krimis die Hitlisten der erfolgreichsten fiktionalen Eigenproduktionen. Warum sollte sich das ändern?“ Außerdem habe die ARD gut auf den Wandel der Mediennutzung reagiert: „Fernsehen hat eine Zukunft, wenn es Ereignisse schafft. Das gilt für Live-Übertragungen von Sportveranstaltungen ebenso wie für Wettbewerbsendungen, bei denen die Zuschauer abstimmen können.“

Beim Tatort wird das Publikum zwar vermutlich auch in zehn Jahren nicht entscheiden können, wie eine Geschichte ausgeht, aber die ARD hat dafür gesorgt, dass die Krimis ein Gesprächsereignis sind: Während der Ausstrahlung kann man sich beim „Teletwitter“ am virtuellen Couchgespräch beteiligen. Unmittelbar nach der Ausstrahlung gibt es live bei Facebook und YouTube die Sendung „Tatort – Die Show“, in der die Moderatoren mit Zuschauern und prominenten Gästen über den Krimi diskutieren. Solange es der ARD gelingt, die Reihe auch in dieser Hinsicht jung zu halten, wird sie immer wieder neue Fans gewinnen. Fußballfan Hallenberger ist daher überzeugt: „Den Tatort wird es mit Sicherheit noch lange geben; eher wird die Bundesliga abgeschafft.“