Frau Demirkan, Sie sind ja bei der Fernsehserie Dr. Klein als Chefärztin Dr. Nevin Gül dabei. Wie ist es denn zum Beispiel, mit ChrisTine Urspruch zu arbeiten? Das ist sicher eine nette Kollegin...

Ich kann mit breitem Lächeln sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass ich Teil dieses Teams sein darf. Die Kollegen sind wirklich alle zauberhaft. Ich bin dankbar, dass ich die Rolle der Chefärztin in dieser Entwicklung spielen darf. Drehbuchautor Torsten Lenkeit schafft es wirklich, in diesen 45 Minuten Lebensgeschichten auf eine leichte Art zu verbinden. Wir haben oft auch ganz wunderbare Gäste-Kollegen.

Was fasziniert Menschen an Krankenhaus-Serien?

Ich glaube, das ist die Verknüpfung der verschiedenen Lebensgeschichten der Menschen, die sich wie unter einem Brennglas in ihrem Leid im Krankenhaus treffen. Urmenschliche Probleme werden gezeigt, die urmenschliche Handlungen zur Folge haben. Ganz ohne Politikgeschwafel drum herum oder strukturelle Probleme geht es immer um eins: Da ist ein Mensch, dem müssen wir helfen. Das ist sichtbar gemachte Humanität, wenn Sie so wollen, und das unabhängig von Stand, Herkunft, Hautfarbe und Religionszugehörigkeit. Da ist man Mensch. Und: In Krankenhäusern ist ein hochqualifiziertes Arbeiten notwendig. Wenn ich dahin komme, bin ich abhängig von Menschen, die es können müssen. Zwischen Arzt und Patient gibt es ja auch eine Vertrauensbasis. Das sind alles grundlegende menschliche Probleme, und dass ein Mensch sagt: Ich nehme dich an die Hand und begleite dich auf dem Weg zur Genesung, und dass man auch die Familien in dieser Situation sieht, all das finde ich sehr beeindruckend.

Sie haben eine Brustkrebserkrankung hinter sich. Was hat Ihnen geholfen, die Krankheit zu überwinden?

Eigentlich nur drei Worte: Ich will leben. Der Gedanke war sofort da. Oder vier Worte: Ich will nicht sterben. Ich habe eine Tochter, die 31 Jahre alt ist. Wir sind uns sehr nahe, und das war mein erster Gedanke, dass ich sie nicht so früh allein lassen wollte. Ich hatte das große Glück, guten Ärzten zu begegnen. Ich habe akzeptiert, dass es Menschen gibt, die ein Studium haben und wissen, was zu tun ist. Ich habe nicht nach Alternativen gefragt, sondern bin den Weg gegangen, den sie mir aufgezeigt haben. Ich habe es akzeptiert. Ich habe auch nie gefragt: Warum ich? Ich habe nicht die Hybris, dass es mich nicht trifft. Ich bin ein positiver Mensch und bin sicher, dass hinter jeder Scheiße auch wieder die Sonne kommt. Ich habe den Ärzten vertraut. Die wissen ja mehr als ich.

Hat die Erkrankung Sie etwas gelehrt? Hat sie bei Ihnen einen Umdenkprozess ausgelöst?

Ich habe tatsächlich gedacht, dass ich unendliche Kräfte habe, dass der Körper alles kompensiert, wenn man mal drei Tage länger schläft. Ich bin Intellektuelle, ich denke analytisch. Ich strebte nach Selbst-Optimierung, nach Perfektionismus, ich war auch noch die Erstgeborene. Ich kümmerte mich um meine Geschwister, als Erwachsene um meine Mutter, die an Leukämie erkrankt war und schließlich daran starb. Ich war immer in der Pflicht. Ich denke, ich habe ein Leben gelebt, das einfach zu viel war für diesen Menschen. Ich habe irrsinnig viel gemacht. Von 364 Tagen war ich 250 Tage nicht zu Hause, ich habe Bücher geschrieben, Programme geschrieben, Theater gespielt. Und dachte immer noch: Das reicht nicht. Gottes Abrissbirne hat mir ein Signal gegeben. Ich habe akzeptiert, dass ich begrenzt bin und dass ich so gut bin, wie ich bin. Nach der Diagnose habe ich gedacht: So fühlt sich also Leben an. Es war, als hätte ich zuvor in einer Folie gesteckt, die durch die Biopsie von mir genommen wurde. Ich habe alles glasklar gesehen. Man muss Schritt für Schritt abarbeiten und die eigenen Grenzen respektieren. Ich habe in der Reha mit vielen anderen erkrankten Frauen gesprochen. Ich glaube, dass Frauen sich selbst achten müssen. Das ist ja auch durch die Me-Too-Debatte wieder klar geworden. Das Patriarchat respektiert uns nicht, da müssen wir zumindest unsere Selbstachtung pflegen und aufhören, uns selbst zu überfordern. Wir sind in erster Linie Seele, und wenn die mit Problemen zugeparkt ist, dann wird man krank.

Sie haben in dem Haus, in das Sie sich nach dem Tod Ihrer Mutter sieben Jahre zurückgezogen hatten, ein Projekt für krebskranke Frauen gegründet, die „Zeit der Maulbeeren“. Für wen ist das gedacht? Bei den üblichen Krebs-Rehas können Frauen ihre Kinder ja meist nicht mitbringen...

Ich hatte eine Schreibblockade. Und da hatte ich den Luxus, ein Dreivierteljahr darüber nachzudenken, wie ich jetzt, nachdem Gottes Abrissbirne über mir schwebt, mit meinem Leben umgehen soll. In der Reha war es nie ein Thema, dass diese Krankheit ein Trauma ist. Viele Frauen leiden darunter, dass die Familien nach der Reha erwarten, dass sie so funktionieren wie vorher. Krebsgesellschaft und Krebsstiftung wollten aber nicht so recht an das Thema ran. Wir müssen Frauen nach dieser Erkrankung aber die Möglichkeit geben, sich klarzuwerden, wer sie jetzt sind. Frauen müssen mit dem Trauma leben lernen – und das in erster Linie für sich selbst und für die Kinder, die mitleiden müssen. Mein Projekt möchte Zeit, Raum und Ort verschenken für Frauen, die sich das nicht leisten können. Es gibt viel zu wenig psychoonkologische Rehas, die Fachkräfte fehlen und man muss lange auf einen Platz warten, besonders Kassenpatientinnen. Ich habe Landesmittel bekommen, aber ich brauche auch Spenden, denn es gibt Härtefälle, die die Anreise nicht bezahlen können. Jetzt läuft das Programm, die ersten Frauen sind da und ich bin unendlich dankbar.

„Ich habe Liebe von den Moslems gelernt, Handeln von den Christen und Denken von den Juden.“ Das ist ein Zitat von Ihnen. Welche Rolle spielt in Ihrem Leben Religion?

Religionen spielen für mich keine Rolle, wohl aber der Glaube. Ich bin eine Gläubige. Menschen müssen glauben. Wenn es Mohammed sein soll, ist es in Ordnung, der Koran ist genauso gut wie die Bibel. Wenn jemand an das Kreuz glauben muss, werde ich ihn nie davon abhalten. Solange er es für sich behält, niemanden anderen damit tyrannisiert, beschädigt oder sogar tötet. Ich habe Hochachtung vor Religionen. Aber sie sind viel zu klein für das, was wir Menschen brauchen, und sie machen daraus Ideologie. Glauben ist ein Teil der Hoffnung und Zuversicht, dass wir morgen noch Bestand haben. Ich glaube an jeden Grashalm und an jede Blume und an jeden Tropfen Wasser, an jedes Tier und daran, dass alles seine Richtigkeit hat. Meine Mutter hat mir immer wieder die Goldene Regel aus dem Koran gesagt, dass man niemand etwas antun soll, was man nicht selbst erleben will. Ich glaube an die Poesie und an die Geschichten, aus denen wir leben.

Sie engagieren sich politisch, etwa bei der Initiative „Checkpoint Demokratie“ gegen Rassismus und Hetze. Bekommen Sie da viele Anfeindungen?

Es gab eine schlimme Zeit in den 1990er-Jahren, die ist Gott sei Dank vorbei. Die Drohungen wurden auch verfolgt, ich hatte Personenschutz. Wir gründeten dann einen Verein, ich traf mich mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Wir werden Debatten in der ganzen Republik durchführen und wir arbeiten gerade an einer Publikation zur Demokratie der Moderne. Ich verabscheue nichts mehr als engstirnige Rassisten, die andere verachten, weil sie anders sind als sie selbst.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Fang niemals an, aufzuhören, hör niemals auf, anzufangen. Weitermachen. Mehr kann man nicht tun.

Fragen: Beate Schierle

Zur Person

Renan Demirkan, Jahrgang 1955, ist deutsche Schriftstellerin und Schauspielerin mit türkischen Wurzeln. Sie wuchs in Hannover auf. Bekannt wurde sie im Schimanski-Film „Zahn um Zahn“. Ihr erster Roman war „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“. Sie engagiert sich u.a. bei Amnesty International und Unicef. Demirkan hat eine Tochter und lebt in Windeck/NRW. (bea)

Infos zu ihrem Hilfsprojekt: www.zeit-der-maulbeeren.de