Panik. Wie die drohende Flut kriecht das Gefühl in meinem Hals empor. Bin ich denn völlig verrückt? Die Reise beginnt auf der Insel Fehmarn. Was mache ich hier bloß? Nur der Fehmarnbelt trennt mich von meinem Abenteuer. Soll ich wieder umdrehen? Während ich auf die Fähre nach Dänemark warte, gehe ich im Kopf wiederholt mein Gepäck durch: Helm, Erste–Hilfe–Set, Taucherbrille, Zelt, Sonnencreme, Tagebuch, Hacky–Sack, Dosenöffner, Insektenspray – alles dabei. Der Himmel reißt auf, die Fähre legt an. Aufsitzen, festhalten, los. Ich radle zum Nordkap. Sehnsucht.

Mit dem Fahrrad zu reisen, ist die perfekte Geschwindigkeit, die Welt zu entdecken. Sportlichkeit und Training sind dafür keine Voraussetzungen, solange der Reisende Tempo und Route seinen Fähigkeiten anpasst. Es muss nicht gleich der Mont Ventoux sein, dann kommt das Training von ganz allein. Geduld und Vertrauen ist alles, was nötig ist – und zwar nicht nur auf dem Fahrrad. Auf meiner Reise improvisiere ich von Tag zu Tag, ich weiß morgens nicht, welche Reißzwecke mich stoppt oder wo ich abends schlafe. Hilfe jedoch ist nie weit in Skandinavien. 

Skandinavische Farbkontraste: Bunte Badehäuschen am Meer.
Skandinavische Farbkontraste: Bunte Badehäuschen am Meer. | Bild: Luisa Rische

Dänemark ist flach wie ein Schneidebrett und bietet den optimalen Prolog für eine Reise mit dem Fahrrad. In keinem anderen Land sind die Radwege so weitläufig ausgebaut, so kinderleicht ausgeschildert. Durch Laubwälder und verspielte Dörfer, vorbei an Feldern und Bauernhäusern fahre ich quer durchs Land zur Ostküste. Es weht ein stetiger Wind, mal von hinten, mal von vorne. Die Nächte verbringe ich auf ausgeschilderten Zeltplätzen und kostenfreien Naturlagerplätzen.

Am dritten Tage komme ich in Kopenhagen an. Hauptstadt Dänemarks. Hauptstadt der Fahrradfahrer. Zwischen dicht an dicht stehenden Kaufmannshäusern und verzweigten Kanälen, zwischen 900 Jahren Geschichte und einer jungen Kulturszene, zwischen Nyhavn und Christiania fällt es schwer, die 600 000-Einwohner-Stadt, in der mehr als die Hälfte mit dem Rad zur Schule, Uni oder Arbeit fährt, wieder zu verlassen. Eine Stadt zeigt nie mehr als einen Ausschnitt eines Landes, einer Kultur. Das Fahrrad macht es möglich, das Land kennenzulernen, wie es Fremden sonst verborgen bleibt: zwischen städtischen Betongebirgen. 

Beschaulich: Der Nyhavn (neue Hafen) in Kopenhagen.
Beschaulich: Der Nyhavn (neue Hafen) in Kopenhagen. | Bild: Luisa Rische

Die Fähre zwischen Helsingor und Helsingborg bringt Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer trocken von Dänemark nach Schweden. Dann verwandelt sich die Landschaft in eine Szene aus den Büchern Astrid Lindgrens. Unter azurblauem Himmel, vorbei an roten und gelben Holzhäusern mit blau-gelben Fähnchen führt mich meine Route über den Kattegattleden: erster nationaler Fahrradweg, der auf 370 Kilometern Helsingborg mit Göteborg verbindet. Der Radweg führt die schwedische Westküste entlang, vorbei an rauen Klippen, malerischen Sandstränden und historischen Festungen, durch Küstendörfer hindurch, die nach vertrockneten Algen, feuchtem Salz und ausgenommenen Fischen riechen.

Besser wild campen

Entlang der Route gibt es stets Campingplätze. Die sind allerdings nicht nur unverschämt teuer, sondern genauso klischeehaft wie die Landschaft: Dauercamper und Caravan-Urlauber machen das Erlebnis Zelten zu einer Geduldsprobe. Wer keine Angst hat, in der Wildnis zu übernachten, sollte sich deshalb sein eigenes Plätzchen am Strand suchen. Möglich macht das das Jedermannsrecht, das in Schweden, Norwegen und Finnland gilt: Wer seinen eigenen Dreck wegräumt und Abstand zu privaten Grundstücken hält, kann sein Zelt überall aufschlagen. 

Feierabend mit Sonnenuntergang: Nach dem Radfahren darf frau sich entspannen.
Feierabend mit Sonnenuntergang: Nach dem Radfahren darf frau sich entspannen. | Bild: Luisa Rische

Ich fahre weiter durch schwedische und norwegische Golfplätze, über Svinesund und Moss nach Oslo, wo Radreisende eine Entscheidung treffen müssen: Küste, Inland oder Schweden – wie soll es nach der Hauptstadt weitergehen? Die Route über Schweden ist für Radler geeignet, die sich lieber durchs flache Land treiben lassen. Die norwegische Küste punktet mit rauer, spektakulärer Natur. Doch auch an der Küste sind täglich Hunderte Höhenmeter zu bewältigen. Ich entscheide mich, zunächst durch das Inland zu fahren. Die ersten Tage nach Oslo sind allerdings so entmutigend – verwirrende Wege, endlose Städte, verkehrsstarke Straßen –, dass ich wieder zurück ans Meer will. Ich folge dem Fluss Lågen zum ersten Pass. 1080 Höhenmeter sind nur im Schritttempo zu bewältigen. Oben angekommen, ist jede Anstrengung vergessen, das Gefühl unbeschreiblich; die Sicht reicht Hundert Kilometer weit über Naturschutzgebiete, schneebedeckte Gipfel und bewaldete Täler.

Die Pilegrimsruta, nationaler Radweg, führt nicht nur über allerlei Pässe, auf denen einem der Wind das Müsli vom Löffel weht. Sie führt durch einsame Nadelwälder und dösende Schafherden hindurch, am Land der Trolle und an Wasserfällen vorbei, die dröhnend der Schwerkraft vom Berg ins Tal folgen. Ich fahre durch Trondheim weiter zur Fähre nach Flakk. An diesem Punkt beginnt für mich der europäische Radfernweg, der bis zum Nordkap führt. Die Fähren bestimmen entlang der Küstenstraße Zeitplan und Zeltplatz. Auf der Strecke gilt es zahlreiche Tunnel zu durchfahren, alle sind für Radfahrer offen. Dann heißt es: Licht an, Augen auf und durch.

Durch Åfjord und Osen geht es weiter nach Namsos, an Buchten vorbei, in denen junge Wale alle naselang durch die Wasseroberfläche stoßen, bis nach Brønnøysund und Sandnessjøen. Spätestens ab Stokkvågen – frühestens ab Puttgarden auf Fehmarn – beginnt eine der schönsten Radstrecken der Welt, nicht nur bei Sonnenschein. Das Wetter in Norwegen ist stets spektakulär unentschieden und meist bewölkt. Doch im Zwielicht der dunklen Regenwolken, die über den Himmel jagen und in den teils grünen, teils schneebedeckten Bergen hängen bleiben, und der durchschimmernden Sonnenstrahlen erscheint die Küste der Fjorde mit ihren roten Holzhütten in einem außergewöhnlichen Licht. Die Kamera ist bei diesen ehrfurchtsvollen Bildern, die die Natur zeichnet, im Dauereinsatz.

Die nächste Fähre von Kilboghavn nach Jektvik überquert schließlich den Polarkreis. Im Sommer heißt das, dass die weißen Nächte beginnen: um 2 Uhr nachts im Zelt aufwachen und denken, es sei Zeit, wieder aufzubrechen. Außergewöhnlicher Höhepunkt sind auf dieser Route die Lofoten – gemeinhin als schönster Ort der Welt bekannt. Tausende Touristen fahren mit ihren Caravans, Bullis und Motorrädern über die Inseln. Nach Norden nimmt der Verkehr ab. Auch die Vesterålen glänzen mit zerklüfteten Küsten und Bergen, die sich wie aus dem Nichts heraus aus dem Meer erheben.

Im Sommer sollte man auf der Fähre nach Senja ganz genau hinschauen – es könnte eine Finne eines Orcas zwischen den Wellen auftauchen. Auf der Abenteuerinsel geht es dann vorbei am größten Troll der Welt, vorbei an einer goldenen Toilette und über steile Gebirgsketten hinweg. Senja hält zudem die schönsten Plätze zum Wildzelten bereit. Dazu gehört natürlich auch das Kochen – das kann Reisende in den Ruin treiben. Die Preise für Lebensmittel sind horrend. Eine Möglichkeit, günstig durchs Land zu kommen, ist das Containern. Im Müll der Supermärkte findet man alles, was man zum Leben braucht und noch mehr.

Nordkap-Waffel mit Karamell

Ab Tromsø fahre ich mit einem Schiff der Hurtigruten zur Nordkap–Insel Magerøya und genieße den Ausblick auf die Fjorde vom Whirlpool aus. Ab Honningsvåg sind es nur noch 30 Kilometer. Ich schlage mein Zelt in Skarsvåg auf, nach eigener Aussage das nördlichste Fischerdorf der Welt, und radle am nächsten Tag zum Kap. Bei einer heißen Nordkap-Waffel mit Marmelade, Sauerrahm und Karamellkäse blicke ich nicht nur über die grenzenlose Weite der Barentssee, sondern auch auf 3500 Kilometer Abenteuer zurück. Angekommen.

Die Gefühle überwältigen mich einen Tag später auf dem Rückweg. Bevor das Nordkap hinter Felsen und in meinen Erinnerungen verschwindet, werfe ich einen Blick zurück. Vertrauen. Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in fremde Menschen. Schutzlos mit Fahrrad und Zelt zu reisen, bedeutet nicht, aus dem eigenen Leben auszusteigen, sondern in das Leben der anderen einzutauchen. Für mich hat die Reise mit dem Fahrrad gerade erst begonnen. Die Welt liegt vor mir. Panik.

Die Strecke

Luisa Rische radelte auf ihrem ersten Streckenabschnitt in Skandinavien. Ihre weiteren Erlebnisse kann man in ihrem Blog nachlesen auf: https://luisarische.blog/

 

Packliste

  • Tasche 1: Kleidung. Auf dem Fahrrad: Unterwäsche, kurze und lange Fahrradhose, 3 Trikots, 1xärmellos, Weste, Pullover, Regenjacke, Regenhose, Helm, 2 Halstücher, kurze und lange Handschuhe. Im Alltag: Unterwäsche, Jeans, kurze Hose, Pullover, 3 T–Shirts, 1 Ärmellos, Bikini, Mütze
  • Tasche 2: Essen: Küchenutensilien: Topfset, Teller, Besteck, Dosenöffner, Zündhölzer, Tasse, Schneidebrett, Taschenmesser. Lebensmittel: Nudeln, Tee, Müsli, Joghurt, Obst, Müsliriegel, Salz, Knoblauch
  • Tasche 3: Werkzeug und Hilfsmittel: Werkzeug, Ersatzteile, Schläuche, Öl, Fett, Kettenreiniger, Kabelbinder, Ducktape. Ersatz–Gummizüge. Überziehschuhe. Spiritus– und Gaskocher. Regenschutz
  • Tasche 4: Erste–Hilfe–Set, Tagebuch, Lotion, Insektenspray, Sonnenschutz und Kulturbeutel, großes und kleines Handtuch, Elektrogedöns: Ladegeräte, Kabel, Befestigungen für die GoPro-Kamera
  • Am Fahrrad: 3 Trinkflaschen, Tacho, GoPro, Schloss
  • Im Rucksack: Kamera + 2. Objektiv, Tablet, Geldbeutel, Notizbuch, Taschenmesser, Hacky–Sack, Taschentücher, Vierte Trinkflasche, Schlüssel, Kopfhörer, Kugelschreiber

 

Ich tauche in den Mülleimer

WAS UND WARUM? Containern, Mülltauchen oder DumpsterDiving sind moderne Bezeichnungen für etwas, das bedürftige Menschen schon immer getan haben.

Seit einigen Jahren aber ist diese Beschaffung von Lebensmitteln vor allem unter Studenten beliebt – nicht nur, weil sie auf diese Weise viel Geld sparen, sondern auch, weil es für sie ein Protest gegen die Lebensmittelindustrie und Wegwerfgesellschaft ist. 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen nach Angaben des WWF jedes Jahr im Müll.

IST DAS STRAFBAR? Ja, ist es – es kommt aber in der Regel auf den Einzelfall an. In Deutschland jedoch ist der Müll, solange er in einem Container auf einem Privatgrundstück ist, immer noch Eigentum des Wegwerfers. Immer mehr Supermärkte schließen zudem die Container ab. Sachbeschädigung ist auf jeden Fall strafbar – und so wird Containern in vielen anderen Ländern gehandhabt: Müll gilt als herrenlos, deshalb darf sich jeder bedienen, solange er nicht über einen Zaun steigt oder ein Schloss aufbricht.

IN DER REALITÄT ... hört sich Containern erst einmal viel ekliger an, als es tatsächlich ist. Der Weg um den Supermarkt herum, zur Anlieferung, führt einen meist direkt zu den Containern. Weggeworfen wird alles – nicht alles sollte man mit nach Hause nehmen. Am besten ist, wenn die Ware luftdicht verpackt ist und das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht zu lange abgelaufen ist. Bei geöffnetem Produkten, wie zum Beispiel am Tag gebackenes Brot, das die Supermärkte abends wegwerfen, muss jeder abwägen, ob er das essen will.

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